An dem Tag, an dem die türkische Währung wieder einen neuen Tiefstand erreichte, hielt Recep Tayyip Erdoğan eine Rede in seiner Heimatstadt Rize. Er stellte sich vor seine Anhänger und versuchte, sie zu beruhigen. Erdoğan sagte: "Macht euch keine Sorgen." Doch anstatt dann zu beschreiben, wie er die Probleme denn konkret bekämpfen will, raunte Erdoğan von Verschwörungen: Es werden "verschiedene Kampagnen gegen uns gefahren, beachtet die nicht". Und weiter: "Vergesst nicht, wenn sie ihre Dollars haben, haben wir unsere Leute und unseren Gott."

Das war am gestrigen Donnerstag. Am heutigen Freitagmorgen dann war klar: Gott jedenfalls, wenn es um Währungsfragen geht, ist der Türkei noch nicht beigesprungen. Die Lira stürzte in wenigen Minuten um weitere 70 Eurocent ab, ein Euro kostete zwischenzeitlich über sieben Lira. Die Währung hat in den vergangenen Jahren im Vergleich zum Euro zwei Drittel an Wert verloren.

Was die Türkei in diesen Tagen erlebt, ist eine sich rapide beschleunigende Währungs- und Wirtschaftskrise. Und wie jede ernst zu nehmende Krise hat sie eine wirtschaftliche und eine politische Dimension. Es geht um Zinsen und Investitionen, es geht aber auch um Sanktionen, um Verschwörungstheorien, um Brotpreise und um Wahlen.

Brot wird teurer

Erdoğan hat seinen Erfolg auch dem wirtschaftlichen Aufstieg des Landes zu verdanken. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf hat sich seit seinem Amtsantritt als Ministerpräsident fast verdreifacht. Deshalb ist diese Krise für ihn nun umso gefährlicher, vor allem die Inflation. Die Preissteigerung bei den Gütern, die in der Türkei verkauft werden, lag im Juli bei 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, die Preise für Lebensmittel stiegen sogar noch stärker, um fast 20 Prozent. Erst vor zwei Wochen verkündete die Bäckervereinigung, dass sie den Kilopreis des weißen Standardbrots um 15 Prozent anheben müsse. Die Krise erreicht also längst auch die Brotkäufer und damit alle Türkinnen und Türken.

Und trotz der Preissteigerung bleiben die Zinsen in der Türkei vergleichsweise niedrig, damit Unternehmen günstig an Geld kommen und die Wirtschaft brummt. Das hat Erdoğan bei den vergangenen Wahlen 2016 und 2017 geholfen. Aber es schadet der Währung, weil es bei niedrigen Zinsen für ausländische Investoren weniger rentabel ist, ihr Geld in der Türkei anzulegen.

Schlimmstenfalls drohen Massenpleiten

Nun passiert Folgendes: Türkische Unternehmen – vor allem türkische Banken – haben sich stark in ausländischer Währung verschuldet. Die Schulden müssen bedient werden. Wenn die Lira an Wert verliert, dann wird es aus türkischer Sicht kostspieliger, diese Schulden zu bedienen, weil mehr Lira aufgewendet werden müssen, um einen in Dollar oder Euro abgerechneten Kredit zurückzuzahlen. Schlimmstenfalls drohen Massenpleiten, die die Wirtschaft schwer belasten würden.

Die Türkei steht damit vor einem Dilemma: Um den Währungsverfall aufzuhalten, müsste die Zentralbank die Zinsen stark erhöhen. Dann würde es für ausländische Investoren attraktiver, ihr Geld in das Land zu bringen. Das allerdings würde die Wirtschaft belasten, weil sich auch Kredite für türkische Verbraucher und Unternehmen verteuerten. Aus diesem Grund ist Erdoğan gegen höhere Zinsen.