Die türkische Währung verliert an Wert. Verantwortlich dafür sei vor allem die Politik, findet der Ökonom Seyfettin Gürsel. Als Professor für Ökonomie leitet er das Center for Economic and Social Research (Betam) an der Bahçeşehir-Universität in Istanbul.

ZEIT ONLINE: Herr Gürsel, allein am Freitag hat die Lira 15 Prozent verloren. Gab es das in der Türkei schon einmal?

Seyfettin Gürsel: Was Freitag geschehen ist, ist absolut außergewöhnlich. Seit Einführung des freien Wechselkurses gab es dies nicht. Noch Donnerstag hätte ich einen solchen verrückten Absturz nicht erwartet, auch wenn klar war, dass die Lira weiter an Wert verlieren könnte. Der Verfall der Lira hat im Mai mit dem Besuch Erdoğans in London begonnen, als er angekündigt hat, die Geldpolitik stärker unter Kontrolle zu bringen. Seitdem ist das Vertrauen der Märkte erschüttert.

ZEIT ONLINE: Zugespitzt hat sich die Situation nach den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Juni.

Gürsel: Nach der Wahl erwarteten die Investoren eine Rückkehr zur Normalität und setzten darauf, dass der für Wirtschaft zuständige Vizeregierungschef Mehmet Şimşek im Kabinett bleiben würde. Doch stattdessen hat Erdoğan seinen Schwiegersohn Berat Albayrak zum Finanz- und Wirtschaftsminister ernannt. Das war ein weiterer Schock. Dann kam die Krise um den amerikanischen Pastor Andrew Brunson, die die Wut von Trump provoziert und zur Verhängung von Sanktionen geführt hat.

ZEIT ONLINE: Die Währungskrise hat also mehr politische als wirtschaftliche Gründe?

Gürsel: Ja, aber nun reicht der geringste Schock, um die Wirtschaft zu erschüttern. Wirtschaftsminister Albyarak hat gestern mit der Präsentation eines neuen Wirtschaftsmodells versucht, das Vertrauen wiederherzustellen. Doch er hat fast nichts gesagt, und da sich zeigte, dass er nur leere Phrasen zu bieten hatte, fiel die Lira weiter. Dann kam Trumps Tweet zur Verdopplung der Zölle auf türkische Stahl- und Aluminiumexporte, und das hat das Feuer erst recht angefacht.

ZEIT ONLINE: Da das Vertrauen der Märkte beschädigt ist, was sollte die Regierung tun?

Gürsel: Wenn man uns Ökonomen eine solche Frage stellt, stützen wir uns auf die etablierten Wirtschaftstheorien in der Annahme, dass die Verantwortlichen in der Regierung dieselben Theorien teilen. Doch in der Türkei ist das nicht länger der Fall. Ich habe keine Ahnung mehr, was die Regierung tun wird. Schon vor der Wahl habe ich gewarnt, dass die Regierung nicht auf ihrem Kurs weitermachen kann, weil das Wachstum durch Subventionen gedopt war.

ZEIT ONLINE: Wäre es heute nicht weiter möglich, die Wirtschaft zu dopen?

Gürsel: Der Staat hat dafür nicht mehr die Mittel. Schon vor der Wahl stieg die Inflation, fiel die Lira, das Defizit weitete sich aus, daher war eine Änderung der Politik notwendig. Heute ist die Situation viel schlimmer, weshalb Anpassungen viel schwieriger sind. Doch die Regierung scheint das nicht zu sehen – oder laut gewissen Verschwörungstheorien nimmt sie den Verfall der Lira bewusst in Kauf.

ZEIT ONLINE: Gäbe es denn eine wirtschaftliche Logik, auf die Abwertung der Währung zu setzen?

Gürsel: Erdoğan will unbedingt eine Erhöhung der Zinsen vermeiden. Seine Theorie ist, dass niedrige Zinsen helfen, das Wachstum zu steigern, woraufhin die Inflation von allein zurückgeht. Ich will Ihnen nicht Ihre Zeit stehlen, um zu erklären, warum diese Theorie falsch ist. Doch selbst wenn wir annehmen, dass sie richtig ist, funktioniert sie nicht, wenn sonst niemand daran glaubt. Vielmehr schreckt sie Investoren ab.