In Venezuela gibt es seit wenigen Tagen eine neue und recht beliebte App: den "Souveränen Währungsrechner". Die venezolanische Zentralbank hat das Programm gemeinsam mit einer Softwarefirma herausgegeben, die überhaupt so einige patriotische Produkte entwickelt hat, beispielsweise das "spaßige Wettrennen mit venezolanischen Volkshelden".

Leider kann die Währungsrechner-App nicht sehr viel. Man tippt in sie ein, wie viele Bolívares Fuertes man hat, Starke Bolívares, so heißt die bisherige Landeswährung. Dann wird auf dem Bildschirm ausgegeben, wie viele Bolívares Soberanos das wert ist. Souveräne Bolívares: So heißt seit dieser Woche die neue Währung im Land. Aus 100.000 Starken Bolívares wird so genau ein Souveräner Bolívar, man streicht fünf Nullen weg. In der Eurozone wäre ein Souveräner Bolívar gut einen Eurocent wert.

Fünf Nullen auf den Geldscheinen wegstreichen – das gehört zu einem ambitionierten Wirtschafts-Reformplan, den Venezuelas Präsident Nicolás Maduro vor einigen Tagen bekannt gegeben hat. Er klopfte dazu wie gewohnt pompöse Sprüche ("Hier haben keine Experten mitgewirkt, die nicht den Ruf des Volkes hören!"), und immerhin: Er hat ganz offensichtlich eingesehen, dass er ein paar radikale Veränderungen vornehmen muss, wenn die Volkswirtschaft nicht völlig zusammenbrechen soll.

Hungersnöte, Knappheiten an vielen Arten von Nahrungsmitteln, Medikamenten und sogar an Trinkwasser lassen sich nicht mehr mit seinen flotten Sprüchen wegdiskutieren ("In Wahrheit hungern die Leute nur nach Sozialismus!"). Eine Massenflucht von bisher gut zwei Millionen Venezolanern hat eingesetzt, einige südamerikanische Nachbarstaaten wehren sich bereits und wollen ihre Grenzen dicht machen. Die Volkswirtschaft ist zwischen 2013 und 2017 schätzungsweise um ein Drittel geschrumpft.

Maduros Macht schwindet trotz Repression

Bisher hat Maduro Proteste gegen diesen Zusammenbruch mit brutaler Polizei-, Geheimdienst- und Militärgewalt niedergeschlagen. Das Parlament ließ er von Schlägertrupps besetzen, Medienhäuser schließen, Oppositionelle wurden ins Gefängnis gesteckt und ins Exil getrieben, Berichte von Folter machen die Runde. Doch selbst das, glauben Beobachter in Caracas, kann der Präsident nicht ewig so weitertreiben: Wenn die Ökonomie des ehemals wohlhabenden Öllandes völlig vor die Hunde geht, dann dürfte er irgendwann auch die Unterstützung des Militärs und seiner eigenen Parteigenossen verlieren.

In einem Nahverkehrsbus in Caracas © Carlos Garcia Rawlins/Reuters

Nun also: die Wirtschaftsreform. Die fünf gestrichenen Nullen sind der sichtbarste Teil des Maduro-Programms und sie sind ein Klassiker bei der Bekämpfung sehr hoher Inflation. Historisch kennt man sie auch aus Italien oder Brasilien, als es dort eine sehr rasche Geldentwertung gab und ständig neue Geldscheine in Umlauf gebracht werden mussten. Alle Erfahrung sagt, dass es nichts nützt. Wenn man nicht auch zusätzlich etwas gegen die Inflation unternimmt, geht sie ungebremst weiter, und die vielen Nullen sind bald wieder da.

Immerhin erleichtert die Reform aber vorübergehend den Alltag in Venezuela, weil es überhaupt wieder Geldscheine gibt, die man benutzen kann: In den vergangenen Monaten war es notwendig, für ein Stück Pizza mehrere Kilo Geldscheine auf den Tisch zu legen. Kein Mensch hatte noch Zeit, dieses Geld zu zählen, und kein Bankautomat war ausreichend bestückt. So hielten Tauschhandel und, als heimliche Parallelwährung, Dollarscheine aus den USA Einzug in Venezuela.

Manche Bestandteile des Maduro-Plans klingen allerdings für klassisch ausgebildete Ökonomen gar nicht so schlecht. In der Vergangenheit hatten Wirtschaftsberater des Präsidenten schon mal bekannt gegeben, dass Inflation eine rein westliche Erfindung und deshalb zu ignorieren sei; dass der rasche Wertverlust des Bolívar Fuerte ein Komplott ausländischer Mächte sei oder ein Kalkulationsfehler unzureichend sozialistischer Mitarbeiter in den Statistikämtern. Jetzt aber ist zu erkennen, dass Maduro und seine Leute eingesehen haben: Sie müssen die Ursachen der Inflation tatsächlich bekämpfen.

Im Augenblick liegt die Inflationsrate bei mehr als 100.000 Prozent im Jahr – in der Eurozone sind es zum Vergleich um die ein oder zwei Prozent. Solch eine aberwitzige Inflation macht eine Währung fast unbrauchbar, weil das Geld blitzschnell ausgegeben werden muss, denn es hat nur für ganz kurze Zeit überhaupt einen Gegenwert. Unter solchen Umständen kann kaum jemand in Ruhe Geschäfte machen oder gar langfristig planen. Unzählige Unternehmer des Landes haben deshalb aufgegeben. In Venezuela geschieht die Geldentwertung unter anderem deswegen so rasch, weil alle erwarten, dass die nahezu bankrotte Regierung des Landes im Bedarfsfall wie wild die Notenpresse anwirft, um ihre eigenen Ausgaben zu bestreiten. Genau das hat sie auch gemacht.