"Guatemala", "Kolumbien", "Mexiko" steht auf den Säcken neben der Rösttrommel im Hinterzimmer, am Tresen brummt die Kaffeemaschine, überall duftet es nach frischen Bohnen. Von seinem Café im Istanbuler Bohème-Viertel Galata verkauft Vedat Bulut selbst gerösteten Kaffee an Hotels, Bars und Restaurants in der ganzen Stadt. Das Geschäft lief bisher gut, die Menschen hier schätzen guten Kaffee. Erst vor Kurzem ist Bulut mit seiner Frau sogar auf eine der Prinzeninseln draußen im Marmarameer gezogen – der Traum eines jeden Istanbulers. Wegen des dramatischen Absturzes der türkischen Lira in den vergangenen Tagen ahnt der Geschäftsmann aber: Die besten Zeiten sind vorbei.

Die Inflation der Währung macht Importe viel teurer, auch Kaffeebohnen. Die höheren Preise könne er zwar an die Kunden weitergeben, sagt Bulut, doch das drücke den Umsatz. "Die besten Sorten sind für meine Kunden unbezahlbar geworden. Wer gibt schon 250 Lira für ein Kilo äthiopischen Kaffee aus?" Um seinen Verlust möglichst gering zu halten, orientiert sich Bulut beim Verkauf am Tageskurs des Euro. Kaffeebohnen von höchster Qualität, zum Beispiel die aus Äthiopien, werden dadurch besonders teuer für Türken. Bulut hat die Sorte deshalb aus den Regalen genommen.

Sein Café in Galata ist ein Treffpunkt für Architektinnen, Künstler und Softwareentwicklerinnen aus den umliegenden Büros und Ateliers. Viele haben im Ausland studiert und sind es gewohnt, Freunde in Berlin, London oder Amsterdam zu besuchen. Doch ihre Auslandsreisen haben viele wegen des Verfalls der Lira storniert. Besuche in Europa waren für Türken früher schon kostspielig, nun sind sie extrem teuer. Bei einem Wechselkurs von derzeit etwa sieben Lira zum Euro kostet eine Übernachtung in einem Standardhotel in Europa etwa 560 Lira – in Istanbul kann man dafür im Hilton-Hotel einchecken.

Türkische Währungskrise - »Das ist wie ein 30-Prozent-Rabatt« Die Lira verliert weiter an Wert. Während viele Türken versuchen, ihr Geld in andere Währungen umzutauschen, freuen sich Touristen über vergleichsweise niedrige Preise. © Foto: Chris McGrath/Getty Images

Schuld sind nur die USA

Dem Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan dürfte das egal sein – viele seiner Wähler sind konservativ und kommen aus einer bildungsfernen Schicht, die weniger Wert auf Auslandsreisen legt. Dass der Lira-Verfall Importe verteuert und damit die Lebenshaltungskosten, dass Firmen und Banken nur noch mit wachsenden Schwierigkeiten Kredite in Dollar und Euro bedienen können, stört den Präsidenten aber durchaus. Immerhin gehörte der wirtschaftliche Aufstieg der Türkei in den vergangenen Jahren zum Markenzeichen des islamisch-nationalistischen Politikers. Durch den Aufschwung hat Erdoğan seit 2002 jede entscheidende Wahl gewonnen.

Statt nun in der Krise aber die Märkte zu beruhigen, spricht Erdoğan von einer Verschwörung der "Zinslobby" und beschwört sein Volk und Allah, um den von den USA geführten "Wirtschaftskrieg", wie er es nennt, gegen die Türkei zu gewinnen. Während Ökonomen eine Anhebung der Leitzinsen fordern, verdammt der Präsident Zinsen als "Werkzeuge der Ausbeutung" und fordert ihre Senkung. Das Vertrauen der Investoren gewinnt er nicht zurück, doch bei vielen Türken verfängt die Erklärung, die USA versuchten wieder einmal, die stolze Türkei zu schwächen.

Auch der Geschäftsmann Erhan Sezgin* im Istanbuler Hafenviertel Karaköy macht für die Währungskrise die Sanktionen und Strafzölle verantwortlich, die US-Präsident Donald Trump im Streit über die Inhaftierung des amerikanischen Pastors Andrew Brunson verhängt hat. Sezgin hält hausgemachte politische oder wirtschaftliche Fehler für weniger wichtig. Er ist zuversichtlich, dass Erdoğan den Konflikt mit der Zeit gelöst bekommt. "Für Trump ist Politik nur eine andere Art von Geschäft. Ihm geht es nur um Deals", sagt Sezgin. Er vertraut darauf, dass sich der türkische Präsident bei dem Gefeilsche um Brunson durchsetzen wird.