Drei Gebäude beherrschen Seattle im US-Staat Washington architektonisch: Die berühmte, 184 Meter hohe Space Needle, das direkt daneben liegende Museum of Pop Culture von Star-Architekt Frank Gehry – und, eine Meile davon entfernt, neuerdings die Spheres.

Diese spektakulären Glas-Bubbles sind quasi der Pausenraum für Mitarbeiter jenes Unternehmens, das vor kurzem als zweites überhaupt (nach Apple) die Marke von einem Börsenwert von einer Billion Dollar gesprengt hat: Amazon. Gerne investiert das Internet-Kaufhaus in visionäre Zukunftsprojekte. Eines davon befindet sich, recht praktisch für die Mitarbeiter, direkt neben den Spheres: Amazon Go, weltweit erster Supermarkt ohne Kassen.

Er ist also leicht zu finden, und das wiederum ist praktisch für Touristen. Denn seit Anfang des Jahres ist Amazon Go für jedermann und -frau zugänglich, der ein Smartphone und ein Amazon-Konto hat. Also gefühlt fast jeden Erdenbewohner.

Natürlich auch für den Reisenden und Autoren dieser Geschichte, der mit seiner Familie ein paar Tage lang in der Stadt weilt. Der Kühlschrank im Motel-Appartement muss aufgefüllt werden. Also rein in den neuen, coolen Laden, nachdem man ausgiebig die Spheres bestaunt hat. Shoppen ohne Karte oder Bares, ohne Anstehen an einer Kassen-Schlange – was kann schöner sein?

Doch so einfach ist es erstmal nicht. Halbhohe, gläserner Schwingtüren versperren den Weg, ein Scanner verlangt nach Smartphone. In wenigen Sekunden ist die App geladen, der Log-in erfolgt problemlos mit dem üblichen, auch in Deutschland genutzten Amazon-Konto. "Hey Marcus", begrüßt die App den Go-Neukunden.

Kameras und ausgeklügelte Signale

Dann ist der Weg frei. Drei Kinder, Gattin und Hauptkunde entern den Laden; Letzterer legt für jeden separat das Smartphone mit dem Barcode auf den Scanner. Das ist, finanztechnisch betrachtet, ungefähr so, als würde er jedem eine von ihm gedeckte Kreditkarte in die Hand drücken. Was immer sie jetzt aus dem Regal nehmen, geht auf sein Konto, im Wortsinn.

Wie das technisch genau abläuft, dazu schweigt Amazon natürlich. "Sensor Fusion", heißt es lapidar: ein Zusammenwirken von Sensoren. Doch Sensoren sind in den Regalen gar keine zu sehen, auch keine Rasten oder irgendwelche anderen technischen Vorrichtungen. Amazon Go wirkt wie ein ganz normaler, aufgeräumter, mit 170 Quadratmeter eher kleiner Supermarkt für Lebensmittel.

Wie ein besonders gut von Kameras überwachter Supermarkt allerdings. Wer zur Decke blickt, sieht: Dort sitzen zwar unauffällig, aber nicht besonders mühevoll versteckt, unzählige Cams. Sie bilden das Hardware-Rückgrat des Shops, indem sie die Kunden beim Betreten erfassen und mittels ausgeklügelter Signalverarbeitung feststellen, welche Produkte er aus den Regalen nimmt.

Und das soll funktionieren? Mal sehen: Die Familie auf Nahrungssuche nimmt sich verschiedene Produkte, prüft sie, nimmt sie oder stellt sie zurück. Die Kinder packen – im Rahmen elterlicher Vorgaben, versteht sich – diverse Süssigkeiten in Rucksäcke oder auch die schicken Stofftaschen, die Amazon kostenlos anbietet. Das Angebot ist hochwertig, viel organic, also bio; die Preise liegen marginal über denen normaler Supermarkt-Ketten in den USA.