Antje Grothus ist Mitglied der Bürgerinitiative Buirer für Buir, die sich für den Schutz von Umwelt und Kultur im rheinischen Braunkohlegebiet einsetzt. Ihre Heimatgemeinde Buir liegt am Rand des Tagebaus Hambach. In der Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung der Bundesregierung, genannt Kohlekommission, vertritt Grothus das Rheinische Braunkohlerevier und die dort vom Braunkohleabbau betroffenen Menschen. Wir haben mit ihr telefoniert. 

ZEIT ONLINE: Frau Grothus, wo erwische ich Sie gerade?

Antje Grothus: Zu Hause am Schreibtisch – endlich mal wieder. In den vergangenen Tagen war ich viel im Wald, um mir selbst ein Bild von den Vorgängen dort zu machen. Zuletzt habe ich dort mehr als 50 Menschen spontan durch den Wald geführt. 

ZEIT ONLINE: Mit Wald meinen Sie den Hambacher Forst. Waren Sie auch während des Polizeieinsatzes dort?

Grothus: Ja, am Mittwoch zwischen 10 und 15 Uhr. Die RWE-Mitarbeiter haben seitdem nicht nur Müll mitgenommen, was laut Polizei der Grund des Einsatzes war. Ein Infostand wurde kurz und klein gehackt, Kinderbilder abgerissen, ein Baum wurde gefällt, Bodenstrukturen zerstört ...

ZEIT ONLINE: Bodenstrukturen?

Grothus: Damit meine ich zum Beispiel eine Küche und Schlafplätze für Menschen, die nicht mehr klettern und deshalb nicht in den Baumhäusern übernachten können. Unter den Augen der Polizei wurde auch ein Baumhaus zerstört, das sich relativ nah am Boden befand. Die Räumtrupps kommen mit großen Maschinen – alleine das ist ja ein Eingriff in den Wald, denn es entstehen Wege, wo zuvor keine waren. Dabei ist der Hambacher Forst aus naturschutzfachlicher Sicht zu schützen.

ZEIT ONLINE: Baumhäuser zu bauen ist auch ein Eingriff in den Wald.

Grothus: Die Baumhäuser sind nur mit Seilen befestigt, Nägel werden dafür nicht benutzt. Jede einzelne Palette wird zu Fuß in den Wald gebracht und mit Muskelkraft hochgehievt. Da gibt es keine großen Geräte. Mit dem, was RWE und die Polizei tun, ist das überhaupt nicht vergleichbar. Die Baumbewohner würden nichts lieber tun, als den Wald wieder zu verlassen, sobald der Forst gerettet ist.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Stimmung im Forst jetzt, nach der Räumung?

Grothus: Erstaunlich positiv, trotz der Zerstörungen. Zurzeit gilt ein Stillhalteabkommen: RWE hat vor dem Oberverwaltungsgericht Münster erklärt, zunächst nicht zu roden. Der Hintergrund ist eine Klage des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Nordrhein-Westfalen. RWE hat sich am Donnnerstag bereit erklärt, die Entscheidung der Richter über die Klage abzuwarten. Das heißt: Bis Mitte Oktober darf im Wald nicht gerodet werden. 

Antje Grothus © Pascal Amos Rest

ZEIT ONLINE: Es sei denn, die Richter genehmigen die Abholzungen früher: Laut Gericht hat RWE erklärt, damit längstens bis zum 14. Oktober zu warten. Das Unternehmen sagt auf Anfrage aber auch, man sei zuversichtlich, dann mit den Rodungen beginnen zu können.

Grothus: Dennoch gilt im Moment die Stillhalteerklärung.

ZEIT ONLINE: Bevor diese bekannt wurde, hatten Umweltschützer ein Wochenende des Widerstands im Hambacher Wald angekündigt. Wird das jetzt stattfinden?

Grothus: Womöglich reisen etwas weniger Menschen an, aber ich denke, trotzdem werden viele kommen. Die Solidarität ist groß: Am Mittwoch haben mehr als 700 Menschen für den Hambacher Forst demonstriert, am Donnerstag kamen etwa 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer spontan zu einer Mahnwache zusammen. Am Sonntag haben wir einen Waldspaziergang geplant, auch da rechne ich mit vielen Teilnehmern.

ZEIT ONLINE: Das klingt alles sehr friedlich. Aber die Polizei hat mitgeteilt, Polizisten und ihre Autos seien von Protestierenden mit Steinen beworfen und mit Zwillen beschossen worden.

Grothus: Wir als Bürgerinitiative haben schon immer ganz klar gesagt: Wer den Hambacher Wald durch unfriedliche Mittel gefährdet, der soll ihn bitte verlassen – ganz egal, auf welcher Seite er oder sie steht. Wer den Wald aber schützen und den sozialen Frieden in der Region stärken will, der ist herzlich willkommen. Ich persönlich habe beim Polizeieinsatz keine gewaltbereiten Demonstranten gesehen.

ZEIT ONLINE: Polizei und nordrhein-westfälische Landesregierung warnen vor gewaltbereiten Linksextremisten unter den Demonstranten.

"Menschen fühlen sich durch den Tagebau bedroht"

Grothus: Es wird immer versucht, uns mit Gewaltbereiten in Verbindung zu bringen, bei jedem Klimacamp, ob hier im Rheinland oder in der Lausitz. Man kündigt uns Anwohnern Autonome an, die unsere Häuser in Schutt und Asche legen, so wie es in Hamburg beim G20-Gipfel geschehen ist. Nichts dergleichen ist hier je passiert.

Im Moment trägt eher das nordrhein-westfälische Innenministerium zur Eskalation bei: Die Waffen aus dem Hambacher Forst, die man Journalisten vor ein paar Tagen präsentiert hat, sind zwei Jahre alt. Und aus unserer Sicht hat das Ministerium durch den Startschuss zu den Räumungsarbeiten ganz klar gezeigt, auf welcher Seite es steht. Man bedient die Partikularinteressen eines Unternehmens, zu Lasten der Umwelt, des Klimas und des Hambacher Waldes.

ZEIT ONLINE: Anscheinend gab es auch Gewalt gegen die Antikohlebewegung. Ein Fahrzeug Ihrer Initiative ist vor ein paar Tagen ausgebrannt.

Grothus: Das war unser Bündnismobil des Bündnisses gegen Braunkohle, auf dem wir bei den großen Stopp-Kohle-Demos in Bonn anlässlich des Klimagipfels im vergangenen Jahr und jüngst in Berlin mitgefahren sind. Leider müssen wir von Brandstiftung ausgehen, weil es im Netz von Leuten der Kohlelobby immer wieder Hetzkommentare gegen das Fahrzeug gab. So was macht uns schon auch Angst.

ZEIT ONLINE: Was sind das für Hetzkommentare?

Ganz klare Stimmungsmache von RWE

Grothus: Aus meiner Sicht steckt hinter ihnen ganz klare Stimmungsmache von RWE. Der Konzern und die Gewerkschaft IGBCE Alsdorf haben es geschafft, die Not der Mitarbeiter von RWE, für die es ja um ihre Arbeitsplätze geht, gegen uns zu wenden. Dabei sind die Jobs ja nicht durch uns und die Klimabewegung in Gefahr, sondern dadurch, dass der Konzern Fehlentscheidungen getroffen und sich nicht zukunftsfähig aufgestellt hat. Jeder weiß, dass der Kohleausstieg kommen muss. Natürlich löst das Ängste bei den Mitarbeitern aus. Aber die Verantwortung dafür tragen nicht wir Umweltschützer, sondern RWE.

ZEIT ONLINE: Reden die Waldschützer und der Konzern überhaupt noch miteinander?

Grothus: Es gibt Dialogversuche. Aber wir müssen leider immer wieder feststellen, dass RWE nicht bereit ist, wirklich Verantwortung für die Betroffenen und die Region zu übernehmen. Natürlich fließt Geld an Vereine, zum Beispiel bezahlt RWE Flutlichtanlagen oder unterstützt die Freiwillige Feuerwehr. Aber durch die Art, wie das geschieht, vertieft das Unternehmen eher die Gräben.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Grothus: Menschen fühlen sich durch den Tagebau bedroht: weil die Bagger ihren Häusern immer näher rücken, und auch weil auch noch das letzte Naherholungsgebiet zerstört werden soll. RWE geht darauf gar nicht ein. Wir haben im Jahr 2016 das Bündnis Initiative Friedensplan gegründet. Es gab Gespräche, aber ich habe mich irgendwann daraus zurückgezogen, weil ich gar keine Bewegung aufseiten von RWE sah, keinerlei Mitgefühl oder Einsicht. Mir ging das zu nahe.

ZEIT ONLINE: RWE und die Behörden argumentieren auch mit dem Eigentumsrecht und mit Rechtssicherheit: Sie sagen, einmal erteilte Genehmigungen müssten gelten. Können Sie das nachvollziehen?

Grothus: Nein, denn die Anträge von RWE wurden meiner Meinung nach nicht gewissenhaft geprüft, sondern einfach durchgewunken. Seit Jahren wiederholt RWE wie ein Mantra, dass die Stromversorgung gefährdet sei, wenn der Tagebau stillstehe. Aber im vergangen Jahr gab es einen Rodungsstopp, und der Tagebau stand nicht still. Zudem produziert Deutschland viel zu viel Strom, wir exportieren ihn ja sogar.

ZEIT ONLINE: Sie sind auch Mitglied der Kohlekommission. Ist der Hambacher Forst dort ein Thema?  

"Sichere Jobs liegen nicht in der Kohle. Wer etwas anderes sagt, lügt"

Grothus: Die Kommission hat über den Wald diskutiert und ist zu dem Schluss gekommen, dass er nicht in ihr Mandat fällt. Aber aus der Sicht der Umweltverbände und ihrer Vertreter in der Kommission ist natürlich klar, dass eine Rodung die Arbeit dort belasten würde. Womöglich würde der ein oder andere im Fall einer Rodung seine Arbeit in der Kommission niederlegen müssen.

ZEIT ONLINE: Sie zum Beispiel?  

Grothus: Der BUND, der in Münster gegen die Rodung klagt, und ich, wir sind ja nicht ohne Grund in die Kommission berufen worden. Man kann kaum von uns erwarten, unsere Haltung – wir setzen uns seit Jahren für den Erhalt des Waldes ein – aufzugeben.

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret?  

Grothus: Ich vertrete nicht nur die vom Tagebau Hambach Betroffenen, sondern auch die Anwohner des Tagebaus Garzweiler. Dort sollen fünf Dörfer umgesiedelt werden, das betrifft zwei- bis dreitausend Menschen. Als ich in die Kommission berufen wurde, habe ich ganz klar gesagt: Ich erwarte, dass in Hambach und in Garzweiler keine Fakten geschaffen werden, während die Kommission noch tagt. Aber genau das versucht RWE jetzt, an beiden Standorten.

ZEIT ONLINE: Trotzdem sind Sie im Moment noch Mitglied der Kommission.  

Grothus: Und ich möchte dort weiterhin konstruktiv mitarbeiten. Aber ich habe eine bestimmte Haltung und bestimmte Werte. Natürlich gibt es Gründe, aus denen ich mir vorstellen könnte, diese Arbeit niederzulegen. So eine Entscheidung kann ich aber nur nach reiflicher Überlegung und in gründlicher Absprache mit den Menschen, die ich repräsentiere, treffen.

ZEIT ONLINE: Wie läuft die Arbeit in der Kohlekommission generell?  

Grothus: Unser Zeitplan ist ambitioniert. Das, was die Bundesregierung in Jahren nicht zustande bekommen hat, sollen wir jetzt in sechs Monaten schaffen. Im Moment sind wir noch in einer Phase, in der wir die wissenschaftliche Faktenlage dargestellt bekommen. Es geht unter anderem um Versorgungssicherheit und Strukturpolitik. Ich sehe das vor allem als Möglichkeit, mir auf wissenschaftlicher Basis meine Meinung zu bilden und mögliche Vorurteile zu hinterfragen. Natürlich ist der Einfluss der fossilen Lobby in der Kommission deutlich spürbar. Aber der Einfluss der Umwelt- und Klimaschützer ist es genauso.

Jeder macht sich Gedanken um die Beschäftigten in der Kohle, auch wir

ZEIT ONLINE:  Was sagen Sie den Leuten, die Angst um ihre Arbeitsplätze in der Kohle haben?

Grothus: Jeder macht sich Gedanken um die Beschäftigten, auch wir. Der Kohleausstieg muss sozial verträglich sein – aber das darf man doch nicht nur auf die Arbeitsplätze beziehen. Für die Anwohner ist die Kohleförderung noch nie sozial verträglich gewesen. Und jeder weiß, dass die sicheren, zukunftsfähigen Arbeitsplätze nicht in der Kohle liegen. Wer den Menschen etwas anderes sagt, belügt sie.

Wir hören im Rheinischen Revier immer, der Strukturwandel brauche Zeit. In Wahrheit bedeutet das aber nur, dass RWE und die IGBC Alsdorf an der Kohle festhalten wollen. Eigene Konzepte dafür, was danach kommen könnte, haben sie nicht. Ich finde es einfach schade, dass so viel Energie in das Festhalten an der Kohle fließt anstatt in die Frage, wie man den Wandel von Gesellschaft und Wirtschaft hin zu einer klimafreundlichen Lebens- und Wirtschaftsweise voranbringen kann. Dabei ist doch das für Deutschlands Zukunft die entscheidende Frage.