Sahra Wagenknecht hat in dieser Woche kaum eine Gelegenheit ausgelassen, ihr neues politisches Großprojekt #aufstehen zu bewerben. Dabei wiederholt die Linken-Politikerin unablässig eine Zahl: 40 Prozent der Bevölkerung hätten real weniger Einkommen als noch vor zwanzig Jahren. Diese Behauptung passt gut zu einer linken Sammlungsbewegung. Sie soll das Gefühl belegen, dass es in diesem Land immer ungerechter zugeht, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. "In einem solchen Land funktioniert Demokratie nicht mehr", sagt Wagenknecht. Aber stimmt die Zahl überhaupt?

Um herauszufinden, wie sich die Löhne und Gehälter in Deutschland entwickeln, analysieren Ökonomen meist die Erhebungen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), das zum Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gehört. Dem DIW zufolge ist das Haushaltseinkommen der unteren 40 Prozent tatsächlich von 1999 bis 2015 um fast sieben Prozent gesunken, wenn man steigende Preise berücksichtigt. An diesem Befund des Instituts äußern jedoch andere Ökonomen erhebliche Zweifel.

Das DIW ist dafür bekannt, arbeitnehmernah zu sein, also eher links. Als Ausgangszeitpunkt für die Beobachtung, die Wagenknecht zitiert, nahmen die Autoren der Studie das Jahr 1999, als die Einkommen der ärmeren 40 Prozent besonders hoch waren. Ein weiterer Einwand kommt vom wissenschaftlichen Gegenspieler des DIW, dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW), das als arbeitgebernah und eher wirtschaftsliberal gilt. Das IW weist darauf hin, dass das SOEP in den vergangenen Jahren verstärkt Alleinerziehende, Familien mit kleinen Kindern oder vielen Kindern und Familien mit niedrigen Einkommen befragt habe. Außerdem habe das SOEP 2013 eine große Stichprobe von Menschen mit Migrationshintergrund aufgenommen.

Die Forscherinnen und Forscher des SOEP veränderten die Stichprobe, um exakter abzubilden, wie die Bevölkerung zusammengesetzt ist. Das IW befürchtet jedoch, dass dadurch ein Vergleich der Stichproben im Zeitverlauf nicht aussagekräftig ist. Denn diese Gruppen verdienen in der Regel weniger als der Durchschnitt. Um das zu zeigen, hat das IW den Effekt der Migrationsstichproben auf die Entwicklung der Realeinkommen ausgerechnet. Zieht man diesen Effekt ab, sank das Einkommen der unteren 40 Prozent nicht, sondern stieg um 7,6 Prozent. Allerdings betrachtete das IW dafür auch einen anderen Zeitraum: 1994 bis 2004.

Jan Goebel, stellvertretender Leiter des SOEP, verteidigt das Vorgehen seines Instituts: Wenn sich die Bevölkerung verändere, müsse das auch die Stichprobe abbilden. Die sei so gewichtet, dass sie den Grundmerkmalen der Bevölkerung entspreche. Von daher sei das Argument, man könne die Werte der Einkommensgruppen nicht über die Zeit vergleichen, zum einen richtig, da es andere Personen in der Stichprobe seien als im vorigen Jahr, sagt Goebel. Aber genauso sei das Argument auch falsch, denn der Anspruch müsse sein, die Struktur der Bevölkerung in einem Jahr in Deutschland zu berücksichtigen. Auf die methodische Problematik habe man bei allen Veröffentlichungen hingewiesen.

Trotz Rekordbeschäftigung steigt die Ungleichheit

Folgt man deswegen lieber dem IW und rechnet die Migrationsstichprobe heraus, relativiert sich die gute Nachricht allerdings auf den zweiten Blick. Zwar haben die ärmeren 40 Prozent dann real nicht weniger Einkommen als früher, sondern knapp acht Prozent mehr. Jedoch sind die Einkommen der anderen 60 Prozent ohne den Migrationseffekt um 16,5 Prozent gestiegen, die der oberen zehn Prozent sogar um 21,9 Prozent. Von der guten wirtschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahre profitieren also nicht alle gleich stark: Die Einkommen der Reichen wachsen deutlich schneller als die der Armen. Die berühmte Schere öffnet sich weiter, vor allem seit der Jahrtausendwende. Und dass, obwohl so wenige Menschen arbeitslos sind wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Mögliche Gründe für die wachsende Ungleichheit trotz Rekordbeschäftigung gibt es viele. Es arbeiten mehr Frauen in Vollzeit, und die bekommen durchschnittlich immer noch ein niedrigeres Gehalt als Männer. Weniger Menschen werden nach Tarif bezahlt. Obwohl viele Unternehmen große Gewinne einfahren, entwickeln sich die Löhne nicht entsprechend. Die Bevölkerung altert, und ältere Menschen haben geringere Einkommen. Mehr Menschen arbeiten in schlecht bezahlten Jobs. Und dann ist da noch die Globalisierung, die wirtschaftlich viele neue Chancen eröffnet, aber die schlecht Qualifizierten mit Konkurrenz in Billiglohnländern konfrontiert. Unter solchen Voraussetzungen könnte eine neue linke Bewegung tatsächlich Erfolg haben. Oder eine rechte.

Aufstehen - Sahra Wagenknecht stellt linke Sammlungsbewegung vor Die Linken-Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht hat vor einer Verrohung der Gesellschaft in Deutschland gewarnt. Sie forderte einen neuen politischen Aufruhr. © Foto: Sean Gallup/Getty Images