In München steigen Mieten und Immobilienpreise seit Jahren. Inzwischen kostet der Quadratmeter Neubau am Rande der Stadt mindestens 8.000 Euro. Die Mieten fangen bei 17 Euro an und liegen bei Neubauten oft bei 25 Euro pro Quadratmeter. Am Samstag werden Tausende Münchner und Münchnerinnen zu einer Demonstration für bezahlbaren Wohnraum erwartet. Wie konnte es so weit kommen? Was muss sich ändern, damit Krankenschwestern und Friseure nicht aus der Stadt verdrängt werden? Wir haben fünf Beteiligte gefragt: einen Aktivisten, einen Bauträger, einen Politiker, eine Stadtplanerin und einen Immobilienforscher.

Der Aktivist: "Die Wohnraumnot dringt in die Mittelschicht vor"

Maximilian Heisler ist Wirt und Barbesitzer. Er hat das Bündnis Bezahlbares Wohnen gegründet.

ZEIT ONLINE: Herr Heisler, seit Ihrer Geburt wohnen Sie im früheren Arbeiterviertel Untergiesing in einem Mietshaus. Wieso gründet jemand wie Sie eine Bürgerbewegung gegen hohe Mieten?

Maximilian Heisler: Ich sehe bei meinen Freunden und Bekannten, was passiert: Wer in dieser Stadt eine Wohnung sucht, der findet entweder gar keine oder nur welche, die so teuer sind, dass er sie nicht bezahlen kann. Ich habe manchmal den Eindruck, ich lebe in einer der letzten bezahlbaren Lücken, die es noch in Giesing gibt zwischen all den teuren Neubauten oder sanierten Altbauten. In den Häusern links und rechts könnte ich mir längst keine Wohnung mehr leisten. Und das als Normalverdiener. In dieser Stadt suchen Tausende, die weniger Geld haben als ich: Alleinerziehende, Arbeitslose, Familien mit Kindern – was machen die erst?

ZEIT ONLINE: Ökonomen sagen: Wenn so viele Menschen mitten in der Stadt leben wollen, steigen die Preise. Dann ist Wohnen in der City eben nicht mehr für alle erschwinglich.

Heisler: Es wird oft über die Krankenschwestern und Polizisten gesprochen, die sich die Mieten hier nicht mehr leisten können. Vorher brechen uns aber noch ganz andere weg: Kassierer, Verkäufer und Friseure. Wollen wir wirklich, dass die sich alle nicht mehr die Stadt leisten können, in der sie arbeiten? In München dringt die Wohnraumnot sogar schon in die Mittelschicht vor. Inzwischen sind viele Leute betroffen, die gut ausgebildet sind, um die 40 Jahre alt, studiert. Freunde von mir sind Industriedesigner, Journalisten oder Informatiker, und selbst da dreht sich jedes zweite Gespräch um das Thema Wohnungsnot.

ZEIT ONLINE: Warum gibt es so wenig bezahlbaren Wohnraum in München?

Heisler: Zum einen wird viel zu wenig gebaut. Es ziehen allein 30.000 Menschen jedes Jahr neu hierher, dabei fehlen in München schon jetzt 60.000 bis 80.000 Wohnungen. Was gebaut wird, ist viel zu teuer, deswegen treibt jede neue Wohnung den Mietspiegel weiter nach oben. Viele bisher bezahlbare Wohnungen werden außerdem von Investoren aufgekauft und modernisiert oder saniert. Dann wird es für die Bewohner teuer: Wir hören von vielen Mieterhöhungen um neun oder zehn Euro – pro Quadratmeter!

ZEIT ONLINE: Was tun Sie dagegen?

Heisler: Wir geben den Mietern endlich eine Stimme. Bisher traf es eher die Älteren, die sich lediglich bei ihren Nachbarn aufregten. Oder die Studenten, die dann in eine WG zogen oder Unterstützung von den Eltern bekamen. Bisher ging kein Münchner für seine Wohnung auf die Straße. Viele haben sich an die kleine Dosis Gift in Form von Mieterhöhungen gewöhnt. Andere schämten sich zuzugeben, dass sie ihre Miete kaum noch stemmen können. Jetzt geht es für viele um die Existenz. Wir ermutigen alle: In der Gemeinschaft streitet es sich leichter!

ZEIT ONLINE: Was könnte die Wohnungsnot lindern?

Heisler: Die Stadt müsste alles aufkaufen, was auf den Markt kommt und was sonst Immobilienfirmen untereinander hin- und herdealen, um die Preise zu treiben. Aber die Stadt tut zu wenig. Man müsste auch klären, welche Rolle die Sparkasse als öffentlich-rechtliche Bank bei Immobilienprojekten spielt, die sie finanziert, die aber auch nur für viel Geld auf den Markt kommen. Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften könnten symbolisch die Mieten für ihre vielen Tausend Wohnungen um ein paar Cent senken, für den Mietspiegel. Außerdem müsste man statt der Objektförderung von Sozialwohnungen zur Subjektförderung übergehen und die Bedürftigen über direkte Mietzuschüsse fördern. Insgesamt bin ich aber etwas ratlos. Wir haben sehr viel Zeit verspielt.