Widerstand indessen zeigt Barnier bei der ersten Säule, der Handelsbeziehung. Er akzeptiert wohl, dass Großbritannien nach den Vorschlägen von Chequers die Zollunion und den Binnenmarkt verlassen wird, also die Freizügigkeit der Personen, den direkten Einfluss des Europäischen Gerichtshofes und Regulierungen mit Blick auf Dienstleistungen, Arbeitnehmerrechten und Umweltauflagen nicht mehr erfüllen muss – und auch nicht mehr die entsprechenden Zahlungen an die EU leisten wird. Barnier lehnte es im Namen der EU aber strikt ab, das May Großbritannien im Warenverkehr eine Sonderrolle einräumen will.

Der Chequers-Plan sieht vor, dass die Briten im Warenverkehr die EU-Vorschriften einhalten, um Zugang zum Binnenmarkt zu erlangen. Das hätte zwei Vorteile: Unternehmen könnten sich weiter auf ihre grenzüberschreitenden Lieferketten verlassen und Grenzkontrollen könnten – nach den Vorstellungen der Regierung – vermieden werden. Dieses Verfahren würde britischen Exporteuren jedoch Wettbewerbsvorteile einräumen, wird also von der EU als typisches "Rosinenpicken" angesehen. Zudem akzeptiert Barnier nicht, dass die EU die Eintreibung ihrer Zölle an Großbritannien delegiert, also an ein Land außerhalb der EU.

Dies sind Knackpunkte, die gelöst werden müssen. Sie machen einen wichtigen Teil des Verhandlungsvorschlags von May aus, bedeuten aber nicht, dass der komplette Chequers-Plan gekippt werden muss. "Da ist viel drin. Unterschätzen Sie das mal nicht", sagte Barnier zuletzt.

"Wir haben hart gearbeitet"

Was wäre die Alternative? Ein Handelsabkommen, wie es die EU mit Kanada abgeschlossen hat? Das würde auch nach Angaben von Barnier nicht annähernd die wirtschaftliche Zusammenarbeit erlauben, die für die Lieferketten der grenzüberschreitenden Produktion erforderlich ist. Außerdem bietet die EU die "Kanada-Option" nur in Kombination mit einer Lösung für Irland an. Voraussichtlich werden beide Seiten die Ausgestaltung ihrer künftigen Handelsbeziehung in der politischen Erklärung eher vage ausformulieren, um nicht das Austrittsabkommen zu gefährden. Die Details können dann in der geplanten Übergangsphase ausgefeilt werden.

Bleibt also der letzte Verhandlungspunkt, den Barnier und der britische Verhandlungsführer Dominic Raab klären müssen: Was passiert mit der irischen Grenze, wenn sich beide Seiten nicht auf ein künftiges Handelsabkommen einigen können? Die EU will jetzt prüfen, ob man Waren- und Zollkontrollen in Häfen wie Liverpool vornehmen kann, bevor Waren vom englischen "Festland" nach Irland verschifft werden. Einige Kontrollen finden dort heute schon statt. Das würde dann weniger nach formalen "Grenzkontrollen" aussehen, die die Briten zwischen dem englischen "Festland" und Nordirland ablehnen.

Weder die Regierung May noch die EU wollen sich jedoch die bisherigen Verhandlungserfolge von den Hardlinern in Großbritannien wegnehmen lassen. "Ich halte mich sklavisch an mein Verhandlungsmandat und wir haben hart gearbeitet, und das zeigt, dass wir Fortschritte machen können", sagte Barnier. "Das ist nicht nur theoretisch. Es gibt 168 Artikel in dem Protokoll (des Austrittsvertrags) und wir haben uns bei etwa 80 Prozent auf den juristischen Inhalt geeinigt."

Die Hardliner in Großbritannien werden es in dieser Lage wohl kaum wagen, Theresa May zu stürzen.