Mit rußverschmiertem Gesicht steht Armin Laschet in 1.200 Metern Tiefe, an seiner Seite einige Kumpel und sein Vater Heinz, der einst selbst Steiger war. "Mich erfüllt tiefe Wehmut, dass am 21. Dezember hier im Ruhrgebiet die letzte Schicht verfahren wird", sagt der CDU-Politiker im Schacht der letzten noch aktiven Steinkohlezeche Prosper-Haniel im Ruhrpott. Es scheint, als sei der NRW-Ministerpräsident an diesem Montagnachmittag von Grubenromantik überwältigt.

Während Laschet die Ära der Steinkohle beerdigt, ist die Polizei 120 Kilometer entfernt bereits seit Stunden dabei, mit schwerem Gerät die Räumung des Hambacher Walds fortzusetzen, um einem anderen höchst umstrittenen Energieträger eine Zukunft zu verschaffen: der Braunkohle. Den Auftrag zur Räumung hat die schwarz-gelbe Landesregierung ausgegeben. Aus Brandschutzgründen, wie es in der Verfügung heißt. Doch steht hinter dem gewaltigen Aufgebot an Polizisten, die seit Donnerstagvormittag den Wald umzingelt haben, nicht die plötzliche Sorge um die Sicherheit der Baumbewohner: Der Energiekonzern RWE beansprucht vielmehr sein Eigentum, um dort ab Oktober, wenn die Rodungssaison beginnt, weiter abzuholzen.

Laschet steht treu hinter dem Essener Energieriesen. Die Baumbesetzer hält er für kriminell, eine Vermittlung zwischen Konzern und Demonstranten lehnt er ab. Ohnehin habe der politische Gegner entschieden: "Alles, was derzeit abgebaggert wird, haben rot-grüne Regierungen in den letzten Jahren beschlossen", sagte Laschet noch im August. Beim Versuch, die Braunkohlegegner zu beschwichtigen, sagt er auch, im Jahr 2045 ende die letzte Genehmigung für Garzweiler. "Wenn wir uns anstrengen, können wir schneller sein als 2045 – und daran arbeiten wir."

Doch sieht es derzeit nicht danach aus, als wollten in Düsseldorf tatsächlich alle Vertreter ein schnelles Ende der Kohle. Erst am Wochenende sorgte dort ein Vorschlag von Ronald Pofalla für Unmut. Der einstige Kanzleramtschef von Angela Merkel, der heute für die Deutsche Bahn arbeitet und zugleich einer der vier Vorsitzenden der Braunkohlekommission ist, schlug vor, schon bis 2038 die letzten Kohlekraftwerke vom Netz zu nehmen. Eilig konterte NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart, ebenfalls Kommissionsmitglied, den Vorstoß: Ein solches Szenario sei nicht vorstellbar, wichtige Grundlagen noch ungeklärt.

Kohleausstieg sogar bis 2030 zu bewältigen

Eine Studie, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) am Montag veröffentlichte, kommt indes zu dem Ergebnis, dass der Kohleausstieg sogar bis 2030 zu bewältigen ist. In dem Szenario, das das DIW im Forschungsverbund mit der TU Berlin, der Humboldt-Universität Berlin und der Hertie School of Governance errechnet hat, wird auch die Versorgungssicherheit gewährleistet. Demnach könne selbst in Extremsituationen die gesamte Nachfrage aus einer Kombination aus verfügbaren konventionellen Kraftwerken, erneuerbaren Energien, Speichern sowie dem europäischen Stromaustausch bedient werden. 

Den Braunkohlegegnern dürfte die Untersuchung neuen Schwung geben. In den Berechnungen des DIW heißt es, der Braunkohletagebau in Hambach könnte auf 230 Millionen Tonnen reduziert werden. "Durch die Verringerung der benötigten Kohlemenge könnte auch auf die Rodung des wegen Naturschutzes schützenswerten Hambacher Waldes verzichtet werden", schlussfolgern die Forscher. Und weiter: Umliegende Dörfer, die nach derzeitiger Planung im Loch des Tagebaus Garzweiler II verschwinden sollen, könnten erhalten bleiben.

Die DIW-Studie benennt aber auch ganz klar, dass der Energiekonzern RWE den Willen aufbringen müsse, sich einem unternehmerischen Strukturwandel zu unterziehen. Aufgrund des unterfinanzierten Rückbaus von Atomkraftwerken sowie den unsicheren Folgekosten vom Stein- und Braunkohleausstieg "birgt die aktuelle Unternehmensstruktur erhebliche Risiken". Der Konzern müsse sich stärker auf erneuerbare Energien ausrichten.

Der Ruhrpott hat sich vom Niedergang des Kohlebergbaus nicht erholt

Zu den Aufgaben eines Ministerpräsidenten gehört es, unterschiedlichste Interessen zu hören, abzuwägen und zu vermitteln. Also mehr zu sein als nur der Kohle-Kumpel.

Im Juli reiste Laschet in seine Heimatstadt Aachen, um etwas für sein Image als innovativer Klimaretter zu tun. Im Stadtteil Rothe Erde eröffnete er eine Hightech-Werkshalle, in der das Elektroauto e.Go Life produziert wird. Laschet sprach damals davon, dass die Region die Energiewende nutzen und zu einem "Engineering Valley" werden müsse, zu einem Leuchtturm deutscher Ingenieurskunst. Doch ist der Weg zum Strukturwandel schmerzhaft. NRW ist ein Industriestandort, in dem die Industrie schwächelt. Gerade der Ruhrpott hat sich vom Niedergang des Kohlebergbaus bis heute nicht erholt, Großkonzerne wie ThyssenKrupp gerieten ins Wanken. In Bochum verschwand zuerst Nokia, dann Opel. Vor den Werken versammelten sich Mitarbeiter zu Mahnwachen. Es flossen Tränen, Familien standen vor dem wirtschaftlichen Kollaps.

Laschet weiß, was auf dem Spiel steht. Knapp 9.000 Menschen würden unmittelbar von der Braunkohleverstromung abhängen, sagt der Ministerpräsident immer wieder. Es ist offensichtlich, dass er nicht derjenige sein will, der den Kumpeln die Hoffnung raubt. Ebenso wenig wie seine Parteikollegen in Berlin: Aus dem CDU-geführten Bundeswirtschaftsministerium heißt es, erst müsse über neue Jobs in den betroffenen Regionen gesprochen werden und erst danach über den Zeitpunkt für den Ausstieg. Es gehe erst einmal darum, "Investitionen zu mobilisieren, um vor Ort Arbeit, Einkommen und Wohlstand zu sichern", sagt ein Sprecher von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier.

Viele Bergleute gehen bald in Rente

Schon die rot-grüne Vorgängerregierung hat es nicht gewagt, die Arbeitsplätze in der Region infrage zu stellen. "Es geht in der Debatte um Braunkohle um eine Balance zwischen Ökologie und Ökonomie, es geht sowohl ums Klima als auch um eine ganze Menge Arbeitsplätze", sagte Thilo Schaefer, Leiter des Bereichs Energie und Umwelt beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Das DIW hat für dieses Problem offenbar eine Lösung gefunden. Es heißt, die Rahmenbedingungen für den verbleibenden Strukturwandel im Kontext des Kohleausstiegs in NRW seien günstig. "Zum einen sind bereits zwei Drittel der Beschäftigten älter als 46 Jahre und somit zum Zeitpunkt des Kohleausstiegs im Rentenalter", heißt es in der Studie. Für einen Großteil der verbleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gebe es Anschlussbeschäftigungen in der Tagebaurekultivierung und dem Kraftwerksrückbau. Zudem würden allein der Zubau an Fotovoltaik sowie Windkraftanlagen die wegfallenden Arbeitsplätze der Braunkohleindustrie in NRW überkompensieren.

Doch wie schwierig der Weg in eine klimafreundliche Zukunft ist, zeigt das energiepolitische Geflecht, in das NRW verstrickt ist. Im Dreiländereck bei Aachen, wo Deutschland, Belgien und die Niederlande aneinanderstoßen, gibt es seit Jahren einen breiten bürgerlichen Protest gegen die sogenannten Bröckelreaktoren der belgischen Atomkraftwerke Tihange und Doel. Die Menschen fühlen sich gleich zwei Bedrohungen ausgeliefert: Auf der einen Seite fürchten sie einen Super-GAU in Belgien. Auf der anderen Seite die riesigen Braunkohlebagger, die weite Teile der Region in apokalyptisch anmutendes Ödland verwandelt haben.

Noch zu viele Unwägbarkeiten

Längst haben sich die beiden Protestbewegungen zu einer starken Stimme vereint. Die Politik nimmt das zwar wahr, macht aber bei der Suche nach Lösungen einen häufig hilflosen Eindruck. Laschet, der mit einer schwarz-gelben Regierung seit einem Jahr die Geschicke des Landes leitet, verlangt von den Belgiern, dass sie die AKW vom Netz nehmen, obwohl ausgerechnet eine Firma aus NRW das Uran für die umstrittenen Reaktoren liefert. Zum Ausgleich hat er Braunkohlestrom aus dem rheinischen Revier angeboten. "Diese Gemengelage repräsentiert geradezu die Zerrissenheit auf der Suche nach energiepolitischen Lösungen", sagt Schaefer. "Wir wollen raus aus der Braunkohle und raus aus der Atomenergie, wir wollen klimafreundlich Strom produzieren und das am besten alles gleichzeitig." 

Schaefer bleibt trotz der Studie des DIW skeptisch. "Ich will nicht sagen, dass dieses Szenario unmöglich ist, aber es gibt im Moment noch zu viele Unwägbarkeiten. Allein der Mangel an leistungsfähigen Stromspeichern ist ein Problem", sagt Schaefer. Sollten die Braunkohlekraftwerke dennoch früher vom Netz gehen, dann müsste Deutschland Strom zukaufen. Atomstrom aus Frankreich und Braunkohlestrom aus Polen. "Das wäre weder aus Sicht des Klimaschutzes noch aus ökonomischer Sicht sinnvoll."

Deshalb setzt Schaefer bei der energiepolitischen Wende auf eine europäische Lösung. "Der Handel mit CO2-Zertifikaten sorgt dafür, dass CO2-Ausstoß einen Preis bekommen hat." Mit anderen Worten: Wer Klimagase produziert, muss zahlen. Irgendwann sei dann auch die Produktion von Braunkohlestrom schlichtweg nicht mehr rentabel. Und die NRW-Landesregierung? Müsste sich in diesem Fall nicht einmal die Finger schmutzig machen.