These 1: Deutschland hat zu viele Banken

Wie viele Banken braucht der Mensch? Das ist die erste Frage, die man stellen muss. Denn nur noch in einer Beziehung ist Deutschlands Finanzbranche spitze: Sie hat so viele Banken wie kaum ein anderes Land. Aktuell 1.823. Das sind viermal so viele wie in Frankreich, zehnmal so viele wie in Japan, das immerhin 126 Millionen Einwohner hat. In ganz Europa gibt es 5.053 Banken. Mehr als jede dritte davon ist eine deutsche. Das europäische Systemic Risk Board (ESRB) stellte deshalb bereits 2014 die Frage: Ist Europa "overbanked"? Für die Bundesrepublik gilt das wohl erst recht.

"Es sind eigentlich zu viele", sagt selbst Sabine Lautenschläger, EZB-Direktorin und stellvertretende Chefin der europäischen Finanzaufsicht über die hiesigen Institute. Allein 975 Genossenschafts- und Volksbanken existieren, außerdem 403 öffentlich-rechtliche Sparkassen und 6 Landesbanken sowie etwa 500 Privatbanken. Sie alle bilden das Drei-Säulen-Modell des deutschen Banksektors.

Nun hat sich die Zahl der Kreditinstitute schon stark verringert: Im Jahr 2000 waren es noch knapp 3.800 Banken und 1990 sogar 4.700, fast dreimal so viele wie jetzt. Trotzdem, sagt die Unternehmensberatung Bain & Company, sei die Zersplitterung zu stark. Die Zahl der Banken müsste bis 2025 auf etwa 1.200 zurückgehen. Gerade weil die Branche so kleinteilig sei, verhindere das Effizienzgewinne und Skaleneffekte. Anstatt dass sich wenige Großbanken auf bestimmte Geschäftsbereiche konzentrieren können, etwa die Kreditvergabe oder das Wertpapiergeschäft, bieten fast alle Institute als Universalbanken alle Dienstleistungen an. So lassen sich kaum Geschäftsprozesse bündeln und effizienter machen. Zudem setzen die deutschen Banken stark aufs Zinsgeschäft, was ihnen in Zeiten der Nullzinsen keine Margen mehr beschert.

Deshalb sind Deutschlands Banken im internationalen Vergleich deutlich renditeschwächer und unrentabler als andere, die viel stärker von Provisionen und Wertpapiergeschäften leben. Das lässt sich auch an den Geschäftsberichten ablesen. "Insgesamt hat sich das kleinteilige Bankensystem in der Krise zwar eher als Stärke erwiesen", sagt Isabel Schnabel, Professorin für Finanzökonomie der Universität Bonn und Mitglied im Sachverständigenrat der Wirtschaft, "allerdings sind die Fixkosten im Bankgeschäft angestiegen durch die immer aufwendigere Regulierung und die Kosten für IT. So können ganz kleine Institute nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden." Gerade ganz Kleine fusionierten zuletzt zunehmend miteinander. Oft, weil sie Sanierungsfälle waren.

These 2: Start-ups alleine sind nicht Lösung

These 2: Start-ups alleine sind nicht Lösung

Was die Bankenszene zuletzt am stärksten erschütterte, das waren die sogenannten Fintechs, also Start-ups aus dem Finanzbereich. Etwa 700 solcher Unternehmen gab es 2017. Inzwischen wickeln sie alles ab, vom Zahlungsverkehr über den Versicherungsverkauf, die Kreditvergabe bis zur Geldanlage. Sie tun, was klassische Banken auch tun. Nur, dass sie meist mit einer einzigen Dienstleistung antreten und sie volldigital übers Handy an die Kunden bringen.

Das hat sie zu effizienten Spezialanbietern gemacht. Wenige solcher Plattformen könnten Tausende Bankfilialen überflüssig machen, warnten Marktexperten unlängst. Die meisten Leistungen von Banken bestünden aus Standardprozessen, die sich algorithmisieren ließen (Buchungen, Bonitätsprüfungen, Zahlungsabwicklungen) – und damit auch weitgehend automatisieren. Innovative Fintech-Firmen könnten viele dieser Dienste mit ihrer Rechenleistung besser und billiger abwickeln, zumal die Klassikbanken oft mit veralteten IT-Systemen operierten.

Die Fintechs dürften die Bankenbranche zwar umkrempeln, doch nicht ersetzen, sagen Finanzwissenschaftler. "Viele Fintechs unterschätzen nämlich, wie teuer es ist, überhaupt Kunden zu gewinnen", sagt Ökonometrieprofessor Stefan Mittnik. Während Banken über Millionen von Kundenkontakten verfügten, müssten Fintechs erst einmal all diese Kunden gewinnen. Zudem setzen ihnen Datenschutz, Bankgeheimnis und Kapitalmarktanforderungen hohe Hürden. Und beim Thema Vertrauen liegen die Klassikbanken als Zahlungsabwickler ebenfalls noch vorn.

Banken müssten also mithilfe der Fintechs die Informationen zu Geld machen, die sie über ihre Kunden besitzen. Sie wissen aus jahrelangen Geschäftskontakten viel über Einkommen, Einkaufsvorlieben, Versicherungsverläufe oder Kundengewohnheiten. Die Lösung wird daher die Zusammenarbeit sein. Bereits jetzt kooperieren fast alle Banken mit Fintechs und knapp jede dritte hat sogar ein eigenes Start-up gegründet. Sie merken allmählich, dass es beim Thema Digitalisierung nicht nur um Effizienz geht, sondern vor allem darum, wieder näher an den Kunden zu rücken, per App auf sein Handy nämlich und damit quasi in seine Hosentasche. Die Kunden lieben Apps – und damit vielleicht auch wieder ihre Banken.

These 3: Maschinen helfen beim Investieren

These 3: Maschinen helfen beim Investieren

Die Digitalisierung der Branche aber greift noch weiter und tief in die Unternehmen hinein. Sie hängt auch zusammen mit der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI). Beides nutzt Deutschlands Finanzbranche noch zu wenig, sagen Marktbeobachter, doch angesichts der Effizienzlücken im Bankensektor ist es nur eine Frage der Zeit, wann sie großflächig solche Techniken einsetzt. Das könnte zum Wegfall vieler Arbeitsplätze führen.

Laut einer Studie des Weltwirtschaftsforums könnten etwa 70 Prozent der Beschäftigten im Bereich Finanzdienstleistungen, Rechnungswesen und Buchhaltung überflüssig werden. Von den Bankfachleuten seien 39 Prozent substituierbar, sagen auch Experten des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung. "Viele Prozesse, die man früher noch per Hand gemacht hat oder bei denen man noch Zahlen in Kassenbücher geschrieben hat, lassen sich künftig von Computern erledigen", sagt Jochen Werne, KI-Experte des Bankhauses August Lenz. Das sei aber nicht nur eine Bedrohung. "Damit kann man auch viele administrative Arbeiten an Maschinen abgeben, die Mitarbeiter oft als lästig empfinden." Rechnungen schreiben zum Beispiel und Erträgnisaufstellungen ausstellen.

In ihrem Kundengeschäft müssen sich die Banken stärker entscheiden, welche Rolle sie eigentlich übernehmen wollen. Möchten sie sich wieder als Spezialisten beweisen? Das können sie nur, indem sie stärker auf Beratung setzen und die Automatisierung nutzen, um Kunden persönlicher zu betreuen. Künstliche Intelligenz erkennt bereits sehr gut Muster in menschlichen Verhaltensweisen. Anleger können inzwischen ihre Portfolios mit diversen Beratungssoftwares völlig automatisch verwalten, die Systeme warnen den Kunden, wenn sie erkennen, dass er in schwierigen Marktzeiten einer Schwäche erliegt, zu der alle menschlichen Anleger neigen.

Insgesamt müssen Banken den Kunden klarmachen, dass sie die wichtigsten Bedürfnisse erfüllen können – zum Häuschen verhelfen oder zur guten Rente. Das "digitale Händchenhalten" reiche allein nicht aus, sagt der KI-Experte: "Der vertrauensvolle Dialog findet immer noch zwischen Menschen statt." Deshalb werde die Technisierung zwar Arbeitsplätze ersetzen, Bankmitarbeiter würden aber künftig wieder häufiger Kunden beraten.

These 4: Megafusionen sind Unsinn

These 4: Megafusionen sind Unsinn

Wenn Deutschland zu viele und zu wenig innovative Banken hat, könnten dann nicht auch Fusionen zwischen den Großen helfen, etwa ein Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank? Gedankenspiele, beide Banken zusammenzulegen, gibt es zwar seit Jahren. Und Finanzminister Olaf Scholz brachte die Diskussion jüngst wieder in Schwung, als er sagte, es sei problematisch für eine große Volkswirtschaft, dass hiesige Banken nicht "die notwendige Größe haben", um heimische Unternehmen auch bei internationalen Geschäften zu unterstützen.

Es stimmt, dass deutsche Banken in der internationalen Statistik keine bedeutende Rolle spielen. Unter den Top zehn der größten Banken weltweit nach Marktkapitalisierung rangieren keine deutschen Banken, sondern fast nur amerikanische und chinesische Institute. Nach Bilanzsumme schieben sich noch die britische HSBC und die französische BNP Paribas unter die ersten zehn. Die Deutsche Bank liegt erst auf Rang 15 – 2013 belegte sie noch Platz drei. Die Commerzbank kommt abgeschlagen auf Rang 53. Selbst Holland bringt es global auf drei Top-Banken, gemessen am Kernkapital. Deutschland nur auf eine. Aber muss man deshalb die Nummer Eins und Zwei hierzulande fusionieren?

Mehr wirtschaftliche Stärke würde ein solcher nationaler Champion trotzdem nicht erreichen, warnen Marktexperten. Denn die Bilanzen beider Banken sind zwar nicht klein, aber die Renditen sind es. Die Deutsche Bank hat mehrere Defizitjahre hinter sich, ihr internationales Investmentbanking läuft nicht mehr. Und im Privat- und Firmenkundengeschäft sind beide schwach. Alle großen deutschen Banken sind in diesem sogenannten Retailgeschäft klein geblieben, weil die örtlichen Sparkassen den Markt dominieren. Deren Auftrag als öffentlich-rechtliche Banken ist es ja schließlich, Mittelstand und Freiberufler mit genügend Geld zu versorgen. Den Zusammenschluss aus Deutscher und Commerzbank kommentieren viele Marktbeobachter deshalb so: Zwei Kranke ergeben noch keinen Gesunden.

These 5: Schafft die Landesbanken ab

These 5: Schafft die Landesbanken ab

Wozu brauchen wir eigentlich Landesbanken? Das ist eine Frage, die viele Marktbeobachter seit Jahren stellen. Die offizielle Aufgabe der Landesbanken ist die Förderung der regionalen Wirtschaft. Aber genau das machen ja auch schon die Sparkassen, oder nicht? Die regionale Wirtschaftsförderung steht in den Statuten beider Institute. Wird für Sparkassen jedoch ein Projekt zu groß, kommen die Landesbanken ins Spiel. Letztere fungieren darüber hinaus auch als Hausbanken für die Bundesländer, sammeln zum Beispiel Steuergeld ein und leiten es weiter. Dafür aber bräuchte Deutschland keine sechs Landesbanken.

In jüngster Zeit haben sich die Landesbanken zunehmend zu Universalbanken entwickelt. Und genau das ist das Problem, finden Wirtschaftswissenschaftler. Die Ökonomin Mechthild Schrooten von der Universität Bremen brachte es einmal so auf den Punkt: Die Landesbanken wüssten nicht, wo ihr eigentliches Kerngeschäft liege. Das zeigten auch die Auswüchse, die ihre Geschäfte in den vergangenen Jahren annahmen. Viele stürzten sich in Spekulationsgeschäfte, etliche kauften auch südeuropäische Staatsanleihen, die Bayerische Landesbank brachte sich mit Immobiliendeals schwer in die Bredouille. Und die HSH Nordbank fungiert inzwischen als Bad Bank für faule Kredite und wird privatisiert.

Die Ratingagentur Moody‘s strafte die Landesbanken mehrfach mit einer Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit ab, Ökonom Hans-Werner Sinn kritisierte ihre übermäßig riskante Politik, der Internationale Währungsfonds geißelte ihre niedrige Ertragskraft. Der Markt tat sein Übriges: Aus früher elf Landesbanken sind inzwischen nur noch sechs geworden. Ihre Bilanzsumme hat sich seit 2008 halbiert.

In einer Krise stecken derzeit eigentlich alle Landesbanken. Die Länder sind an diesen Gemeinschaftsbanken der Sparkassen beteiligt und stehen im Notfall auch für sie gerade. Das ist der Punkt, der die Kritiker am meisten erzürnt. Dabei wäre diese Vielfalt nicht notwendig, sagen Wirtschaftsforscher. Ein Zentralinstitut reichte aus, um die Bankgeschäfte der Länder abzuwickeln und die Sparkassen bei Großkrediten zu unterstützen.