Read the English version of this article here

Adam Tooze ist ein britischer Wirtschaftshistoriker. Er lehrt an der Columbia University in New York. Zuvor war er in Yale und Cambridge. Am 11. September erscheint die deutsche Fassung seines neuen Buches: "Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben."

Angesichts einer weltumspannenden Krise, wie sie sich 2008 ereignet hat, sind zehn Jahre später bestimmte Fragen unausweichlich: Haben wir genug daraus gelernt? Haben wir die richtigen Maßnahmen ergriffen? Es geht dabei nicht nur um Wirtschaft, sondern auch um Geschichte und vor allem um Politik. Das ist vielleicht sogar die erste und wichtigste Lektion: Die Krise war und ist zuvorderst politisch.

Aber der Reihe nach: Die Politiker und Zentralbanker, die 2008 einem möglichen Zusammenbruch des globalen Finanzsystems gegenüberstanden, waren keine Radikalen. In Amerika waren moderate Republikaner wie Hank Paulson und Ben Bernanke in der Verantwortung, in Großbritannien Gordon Brown und Alastair Darling, Christine Lagarde in Frankreich und Peer Steinbrück in Deutschland. Allesamt waren sie in der Mitte des politischen Spektrums verankert. Und dennoch mussten sie äußerst radikale Maßnahmen ergreifen.

In der ersten Phase der Krise bis Anfang September 2008 wurde nur zögerlich agiert. Die Lehman-Pleite am 15. September änderte jedoch alles. Die Insolvenz einer so großen Bank wirkte verheerend. Der Kampf gegen die Krise wurde ab diesem Moment von der Angst getrieben, das Weltfinanzsystem könnte vollends kollabieren. Als Ben Bernanke, damals Chef der US-Notenbank, den Kongress dazu drängte, das Rettungsprogramm TARP möglichst rasch durchzuwinken, sagte er einen legendären Satz: "Wenn wir das jetzt nicht machen, kann es sein, dass wir am Montag keine Wirtschaft mehr haben."

Was 2008 der Welt drohte, war noch schlimmer als 1929.
Adam Tooze

Die Notenbanker in den USA hatten eine Art negatives Drehbuch für eine solch historische Herausforderung: die große Depression in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Fed werde nicht noch einmal die gleichen Fehler machen, hatte Ben Bernanke bereits 2002 auf dem 90. Geburtstag des renommierten Ökonomen Milton Friedman versprochen. Die Notenbank werde verhindern, dass Banken reihenweise pleitegehen, dass die Geldmenge kollabiert und eine Deflation einsetzt.

Nur, was 2008 der Welt drohte, war noch schlimmer als 1929. Um den angeschlagenen Banken Luft zu verschaffen, war eine schnelle Rekapitalisierung essenziell. Rund um den Globus wurden Banken von ihren jeweiligen Regierungen Steuergelder in Form von Krediten angeboten, um sie vor einer Pleite zu bewahren. Eine Maßnahme, die weder bei den Bürgern noch bei den Banken sehr populär war. In Europa war die Annahme staatlicher Hilfen freiwillig. Eine Folge: Die anhaltende Schwäche einiger großer europäischer Institute, wie beispielsweise der Deutschen Bank oder Barclays Capital, zog die dringend gebotene Erholung der Wirtschaft unnötig in die Länge.

In den USA wurden die wichtigsten US-Banken dagegen auf einer dramatischen Krisensitzung am 13. Oktober 2008 gezwungen, staatliche Finanzhilfen anzunehmen. Im Gegenzug garantierte der Staat für ihre Schulden. Das hat die Banken nicht nur vor einer Pleite bewahrt. Es erhöhte den Anreiz, privates Kapital am Markt aufzunehmen, um die verhassten staatlichen Verbindlichkeiten möglichst rasch wieder loszuwerden. Bereits Ende 2009 standen alle wichtigen amerikanischen Banken wieder relativ solide da.

Die Banken einfach nur zu retten war nicht genug

© Siedler-Verlag

Die Kapitalaufstockung stabilisierte die Banken mittelfristig, aber ohne eine rasche und massive Liquiditätsspritze durch die Fed wären sie bereits im Herbst 2008 kollabiert. Bereits im 19. Jahrhundert hat Walter Bagehot, damals Redakteur beim britischen Economist, vortrefflich analysiert, wie die Bank of England 1857 die erste moderne Finanzkrise in der City of London gestoppt hatte. 150 Jahre später wurde diese Lektion beherzigt: In einem Moment der Panik mussten die Zentralbank und mit ihr der Staat als Kreditgeber der letzten Instanz auftreten. Ausreichend Liquidität bereitzustellen ist der einzige Weg, einen Kollaps des Systems zu verhindern. Und ab 2007 taten die Zentralbanken genau das, und zwar in epischem Ausmaß. Die amerikanische Federal Reserve hat Billionen von Dollar auf beiden Seiten des Atlantiks verteilt. 

Aber die Banken einfach nur zu retten war nicht genug. Auch die Märkte für Staatsanleihen und Hypothekenkredite brauchten Unterstützung. Also kaufte die Fed Anleihen auf. Das Programm firmierte unter dem Namen Quantitative Lockerung (Quantitative Easing, kurz: QE). Der damalige deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble bezeichnete Bernankes Rettungspolitik als "ratlos". Andere verurteilten das Programm als eine neue Form des Währungskriegs. 2015 sah sich die Europäische Zentralbank (EZB) im Zuge der Eurokrise jedoch zu ähnlichen Maßnahmen gezwungen. Bis heute ist QE in seiner Wirkung und seinen Folgen umstritten. 

Klar ist: Eine Phase extrem niedriger Zinsen und einer ultralockeren Geldpolitik produziert Gewinner und Verlierer. Die Anlagemärkte boomen, die öffentlichen Haushalte bekommen Luft zum Atmen und der Druck auf die Steuerzahler lässt nach. Aber Deutschlands konservative Ökonomen, die Sparerlobby und die Bild-Zeitung erinnern kontinuierlich daran, wer die Verlierer sind: die kleinen Sparer, die Pensionsfonds und die Versicherungskonzerne.

Hätte die Krise nicht bereits im Vorhinein verhindert werden können?

Die Krise hat uns auch viel über die Wirksamkeit von Fiskalpolitik gelehrt. Sogar der Internationale Währungsfonds (IWF) hat 2013 einer einfachen keynesianischen Wahrheit stattgegeben: In einer sich anbahnenden Depression müssen die staatlichen Ausgaben ausgeweitet werden. Das stabilisiert die Wirtschaft und führt letztlich zu einer höheren ökonomischen Aktivität. 

Umgekehrt ist ein harter Sparkurs kontraproduktiv. Diese Lektion musste Europa lernen – auf Kosten von Millionen Südeuropäern, die ihren Job in der Eurokrise verloren. Aber eine expansive Finanzpolitik ist nicht nur förderlich, sie ist auch finanzierbar. Denn die Zentralbanken haben mit dem Ankauf von Staatsanleihen mögliche Spekulationen verhindert und die Zinsen niedrig gehalten.

Auch wenn man weiß, dass Konjunkturpakete wirken und Anleihemärkte gezähmt werden können, kann man sich immer noch dafür entscheiden, Haushalte zu konsolidieren, zu sparen und die Kollateralschäden auf dem Arbeitsmarkt einfach in Kauf zu nehmen. Nur darf man dann nicht behaupten, so wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Krise immer wieder getan hat, die gewählte Strategie sei alternativlos. Es ist eine politische Entscheidung, welcher Weg am Ende beschritten wird.

Aber jenseits der Frage nach der richtigen Rettungsstrategie: Hätte die Krise nicht bereits im Vorhinein verhindert werden können? Wie können wir das Finanzsystem reparieren? In den Nachwehen der Krise forderten einige lautstark eine radikale Wende. Warum die Banken nicht einfach aufspalten? Ihre Größe beschränken? Bestimmte Geschäfte einfach komplett verbieten?

Alle diese Ideen wurden für kurze Zeit diskutiert. Die politische Linke hält sie auch heute noch für fundamental. Aber die Vorschläge blieben auf dem politischen Reißbrett haften. Es fehlte an Mut und vielleicht auch an der notwendigen politischen Vision, sie umzusetzen. Die verantwortlichen Politiker waren zu konservativ und die extremen Umstände der Krise minimierten ihr Interesse an radikalen Veränderungen. Über allem schwebte die Angst vor einem erneuten "Lehman-Moment".  Bis zum Sommer 2009 hatten zudem alle staatlichen Abwehrmaßnahmen wieder eine gewisse Normalität hergestellt. Damit verschwand der bereits zu Beginn geringe Druck zu grundlegenden Veränderungen vollends.

Blickt man heute auf das globale Finanzsystem, muss man feststellen: Es funktioniert im Vergleich zu 2008 weitgehend unverändert. Anstatt strukturelle Reformen anzupacken, glauben die nationalen und internationalen Regulierungsbehörden, dass sie die bestehenden Risiken nur besser managen müssen. Einige wichtige Erkenntnisse haben sich aber durchgesetzt: Eine Krise wie 2008 macht Jahre des Wachstums und schmerzvoller Reformprogramme zunichte. Es waren private, nicht öffentliche Schulden, die für 2008 verantwortlich waren. Und um den Finanzsektor im Griff zu halten, reicht es nicht, lediglich die Grundparameter einer Volkswirtschaft zu beobachten. Die größten Risiken lauern im privaten Geldgeschäft. Wir müssen die Bilanzen der 30 weltweit größten und damit systemrelevanten Banken kontinuierlich überwachen und wenn nötig in ihre Geschäfte eingreifen.

Immerhin haben neue und strengere Regulierungen in Europa und den USA dafür gesorgt, dass die Banken weltweit heute dreimal so viel Eigenkapital besitzen wie noch 2007. Außerdem reduzieren neue Liquiditätspolster das Risiko eines Bankruns. Regelmäßige sogenannte Stresstests legen die Schwachstellen in den Bilanzen einzelner Banken offen.

In Europa sind die Banken heute deutlich kleiner, gerade die internationalen Aktivitäten sind geschrumpft. Aber in den USA sind die Institute größer als jemals zuvor. JP Morgan ist beispielsweise doppelt so groß wie 2007. Unter dem Dodd-Frank-Act müssen die Banken eine Art Testament vorlegen. Wie werden sie abgewickelt, sollten sie pleitegehen? Aber wird das im Falle eines Falles auch wirklich funktionieren? Keiner weiß es. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Banken im Krisenfall wieder vom Staat gerettet werden müssen.

Wenn es ernst wird, müssen alle einstehen

In der heutigen, eher chaotischen Situation unter einem US-Präsidenten Donald Trump hat die Wall Street nicht mehr den quasi-institutionalisierten Einfluss, den sie noch unter Bill Clinton, Barack Obama oder George Bush hatte. Die Finanzindustrie kann aber trotzdem frohlocken: Donald Trump hat den Dodd-Frank-Act immer wieder kritisiert. Der US-Präsident hegt eine große Abneigung gegen jedwede staatliche Regulierung und vor allem gegen alles, was sein Vorgänger Barack Obama umgesetzt hat.

Angesichts der zu erwartenden Widerstände im Kongress ist es unwahrscheinlich, dass die Trump-Regierung das Gesetz komplett abschafft. Aber Dodd-Frank war auch nie mehr als ein regulatorischer Rahmen. Es war und ist die Aufgabe des Finanzministeriums, der Notenbank und der Regulierungsbehörden, diesen Rahmen mit Leben zu füllen. Aber stattdessen hat Finanzminister Steven Mnuchin in enger Zusammenarbeit mit den Lobbyisten der Wall Street die Bankenaufsicht kontinuierlich geschwächt. Die jüngsten Stresstests gerieten so zur Farce. Derzeit gibt es zwar keine Anzeichen für eine imminente neue Krise – weder in den USA noch in Europa. Aber wenn Mnuchin und Konsorten die Überwachung schwächen, schrumpft unsere Chance, eine zukünftige Krise vorauszusehen.

Die Stabilisierung ist gelungen, die Wirtschaft hat sich von der Krise erholt und wächst wieder. Aber dadurch wurde die Systemfrage, die durch die Krise gestellt wurde, verdrängt.
Adam Tooze

Das letztliche Fazit ist ernüchternd. Die Stabilisierung ist gelungen, die Wirtschaft hat sich von der Krise erholt und wächst wieder. Aber dadurch wurde die Systemfrage, die durch die Krise gestellt wurde, verdrängt. Was für ein Finanzsystem wollen wir eigentlich, welche Funktionen soll es erfüllen? Welche Arten von Finanzaktivitäten erlauben wir, welche wollen wir sogar fördern? Dies sind essenzielle Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik auf nationaler und globaler Ebene. Wenn wir sie der Privatwirtschaft überlassen, setzen wir uns immensen Risiken aus. Auf Grund der Erfahrung von 2008 wissen wir zwar, wie ein Herzinfarkt im Bankensystem zu meistern ist, aber wir wissen auch, wie hoch die Kosten des Noteingriffes sind.

Die Gelegenheit für strukturelle Reformen wurde 2008 verpasst. Unter den heutigen Bedingungen ist es utopisch, von einer amtlich verordneten neuen globalen Geldordnung à la Bretton Woods zu träumen. Wir werden mit einem dollarbasierten Oligopol von Großbanken leben müssen. Worum es gehen muss, ist, ihre Regulierung immer enger zu fassen, die Kapitalausstattung der Banken noch weiter zu steigern, die Risiken eines neuen Bankruns zu minimieren und Nichtbanken wie die größten Fonds mit einzubeziehen. Dies ist eine technische Angelegenheit, aber wie das Schicksal von Dodd-Frank zeigt, kann Regulierung nicht von Politik getrennt werden. Und das gilt auch in Europa, wo die Debatte um die Bankenunion im Sande verlaufen ist. Das ermüdende Gerangel ist das Gegenteil von dem, was wir brauchen – nämlich eine echte und machtvolle Bankenaufsicht, die vor Grundsatzfragen und öffentlich geführten Grundsatzdebatten nicht zurückschreckt.

Leider scheint derzeit niemand in politischer Verantwortung, weder in Europa noch in den Vereinigten Staaten, dazu bereit, diese Fragen zu beantworten, geschweige denn in politische Entscheidungen umzusetzen. Seit 2008 wissen wir, was das bedeuten kann. Wenn es ernst wird, müssen alle einstehen. 

Aus dem Englischen übersetzt von Marcus Gatzke.