Zehn Jahre nach der Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers laufen die Insolvenzverfahren in den USA wie in den Niederlanden immer noch. Inzwischen ist allerdings mehr Geld an die Gläubiger geflossen, als man noch 2008 gedacht hätte. Niels Huurdeman, der die Liquidation der niederländischen Lehman-Tochter verwaltet, hat bis jetzt mehr als zwölf Milliarden Dollar ausgeschüttet – gut ein Drittel der Ansprüche. "Das ist mehr als erwartet", sagte Huurdeman dem Tagesspiegel.

Am 15. September 2008 meldete Lehman Brothers Insolvenz an. Die Bank hinterließ Schulden von weit mehr als 600 Milliarden Dollar, sie hatte damals 25.000 Angestellte. Es war die größte Insolvenz der US-Geschichte. Sie löste eine globale Krise aus, deren Folgen noch spürbar sind. Politik und Realwirtschaft kamen den Ereignissen nicht hinterher. Etliche Unternehmen der Finanzbranche gerieten in Schwierigkeiten, das Vertrauen in deren Kreditwürdigkeit schwand. Es folgten Entlassungen, in den USA verloren Tausende Menschen ihre Immobilien.

Der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, schätzt die Lage an den Finanzmärkten heute genauso gefährlich ein wie zu Beginn der Finanzkrise vor zehn Jahren. Die Verschuldung der Schwellenländer sei für das Finanzsystem heute ein besonderes Risiko. 

"Mindestens so verwundbar wie 2008"

"Es ist mittlerweile herrschende Meinung, dass die massive Überschuldung in den Industriestaaten ein wesentlicher Faktor für das Ausbrechen der Finanzkrise 2007 und 2008 war", sagt der heute 75-Jährige, der von 2003 bis 2011 EZB-Präsident war. "Das Wachstum der Verschuldung – vor allem der Privathaushalte – hat sich in den Industrieländern zwar verlangsamt." Doch das werde wettgemacht durch die Verschuldung der Schwellenländer. "Das macht das weltweite Finanzsystem insgesamt mindestens so verwundbar wie 2008, wenn nicht mehr."

Die Rettung von Banken mit Steuermilliarden in der Finanzkrise war nach Ansicht von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) ohne Alternative. Die damalige Bundesregierung habe vor der Herausforderung gestanden, "einen kompletten Zusammenbruch der deutschen Finanzwirtschaft zu verhindern", schreibt der SPD-Politiker in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

"Allein den Bund dürfte die Stabilisierung des hiesigen Finanzsektors bislang etwas mehr als 30 Milliarden Euro gekostet haben", stellte Scholz fest. "Ähnlich hoch dürfte der Anteil der Länder sein. Die genaue Bilanz lässt sich erst ziehen, wenn alle Maßnahmen in einigen Jahren zu einem Abschluss gebracht worden sind."

Infolge der Krise waren in Deutschland beispielsweise der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) verstaatlicht und die WestLB abgewickelt worden. Zudem stieg der Bund als größter Aktionär bei der Commerzbank ein, die kurz vor der Pleite von Lehman Brothers die angeschlagene Dresdner Bank übernommen hatte.

Finanzkrise - »Ich dachte, das ist das Ende« Die Finanzkrise hat Millionen Menschen getroffen. Im Video berichten ein ehemaliger Börsenmakler und eine Familie, die ihr Zuhause verlor, von ihrem Leben danach. © Foto: epa/Peter Foley/dpa