Der Streit um den Hambacher Forst geht weiter: Seit Wochenbeginn wird wieder geräumt. Am Donnerstag stürzte erneut eine Aktivistin von einer Baumhausleiter; Aktivisten besetzten die Staatskanzlei in Düsseldorf. Vergangene Woche war ein 27-jähriger Filmemacher und Blogger nach einem Sturz von einer Brücke gestorben. Harald Marx, der für RWE die Tagebauplanung verantwortet, erklärt, warum Deutschlands größter Energiekonzern weiter an den Rodungsplänen festhält.

ZEIT ONLINE: Herr Marx, in der vergangenen Woche verunglückte im Hambacher Wald der Filmemacher und Blogger Steffen M. Hat sein Tod etwas verändert?

Harald Marx: Wir sind alle sehr bestürzt darüber. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen. Das war ein tragischer Unfall – an unseren Plänen ändert er aber nichts. Leider haben ja auch die Angriffe auf Polizeibeamte in der vergangenen Woche nicht aufgehört. Die Konfrontation geht weiter wie bisher, und das liegt nicht an RWE.

ZEIT ONLINE: Seit Montag wird wieder geräumt. Warum hat es RWE so eilig?

Marx: Wir haben es nicht eilig, aber wir brauchen einen gewissen zeitlichen Vorlauf, um an die Kohle zu kommen. Lange vor der jährlichen Rodung beginnen die Vorbereitungen, auch wegen des Artenschutzes. Wir kartieren beispielsweise etwa ein Jahr zuvor die Höhlenbäume, um unmittelbar vor der Rodung sicher kontrollieren zu können, dass die Baumhöhlen nicht mehr bewohnt sind. Dann erst, üblicherweise zwei Jahre vor der Inanspruchnahme durch den Schaufelradbagger, werden die Bäume gefällt. Im dritten Jahr wird der Boden nach Metall abgesucht, die Wurzeln werden entfernt, Archäologen prüfen den Untergrund auf historisch Erhaltenswertes, und schließlich müssen noch Entwässerungsbrunnen und Wege zurückgebaut werden. Das dauert.

ZEIT ONLINE: RWE-Vorstandsvorsitzender Rolf Martin Schmitz hat in der ZDF-Talkrunde maybrit illner gesagt, es sei eine "Illusion" zu glauben, dass der Hambacher Wald gerettet werden könne –  das würde für RWE einen Verlust von vier bis fünf Milliarden Euro bedeuten. Das ist angesichts eines Nettogewinns von 1,9 Milliarden Euro im Jahr 2017 extrem viel. Wie kommt der Verlust zustande?

Marx: Wenn man den Hambacher Forst nicht mehr roden könnte, käme es zu einem endgültigen Stillstand des Tagebaus, und ein sofortiges Ende des Tagebaus würde grob Kosten in Höhe von vier bis fünf Milliarden Euro verursachen. Darin berücksichtigt sind die entgangenen Erlöse aus Stromerzeugung und Veredelung, Kosten für den Sicherungs- und Wartebetrieb im Rahmen der rund 15 Jahre dauernden erforderlichen Genehmigungsverfahren für die Umplanung sowie die Wiedernutzbarmachung, wie auch Kosten für den Personalabbau.

ZEIT ONLINE: Das heißt, RWE hat keinen Plan B?

Marx: Die Bezirksregierung Arnsberg hat den Hauptbetriebsplan für den Tagebau gerade erst im März 2018 genehmigt, und das Verwaltungsgericht Köln hat den Sofortvollzug dieser Genehmigung im Juli bestätigt, nachdem der BUND gegen sie vorgegangen war. Die Klage des BUND vor dem Oberverwaltungsgericht NRW läuft zwar noch, aber aus unserer Sicht ist die Rechtslage glasklar. Vor dem Hintergrund halten wir an Hambach fest. Wir brauchen keinen Plan B.

Mit der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung hat diese Diskussion nichts zu tun. RWE wird bis Mitte des Jahrhunderts ihre Kohlendioxidemissionen aus der Braunkohle auf Null senken. Schon jetzt haben wir einzelne Kraftwerksblöcke in die Sicherheitsbereitschaft überführt, zum Beispiel zwei 300 MW-Blöcke am Standort Frimmersdorf, und in der Nacht von Sonntag auf Montag werden zwei weitere 300 MW-Blöcke in die Sicherheitsbereitschaft gehen. Bis 2020 sinken die Kohlendioxidemissionen von RWE so um 15 Prozent gegenüber 2015. Bis 2030 wird dann der Tagebau Inden ausgekohlt sein. Das bedeutet zusammengenommen eine Reduzierung von 40 bis 50 Prozent. Das ist völlig im Einklang mit den deutschen Klimazielen. RWE leistet mit diesem Braunkohlefahrplan einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz.

ZEIT ONLINE: RWE beruft sich auf die Rechtslage. Genehmigungen sind das eine, aber politische Entscheidungen könnten RWE in die Lage bringen, schneller aus der Kohle auszusteigen als geplant – so wie beim Atomaussieg. Müssten Sie darauf nicht eingestellt sein?

Marx: Die Politik unterstützt ganz klar den Weiterbetrieb des Tagebaus Hambach. Im Jahr 2016 hat die damalige rot-grüne Landesregierung Nordrhein-Westfalens entschieden: Der Tagebau Garzweiler wird verkleinert, damit die Ortschaft Holzweiler nicht umgesiedelt werden muss. Rund 400 Millionen Tonnen Kohle werden in Garzweiler nicht abgebaut – Die Tagebaue Hambach und Inden sollen dagegen im vollen geplanten Umfang weiter genutzt werden. Die aktuelle schwarz-gelbe Landesregierung hat diese Entscheidung übernommen. Beide Landesregierungen haben gesagt, dass die Kohle noch über 2030 hinaus gebraucht wird. Wir haben Recht und Politik auf unserer Seite.

ZEIT ONLINE: Ökonomen sagen: Um die Klimaschutzziele zu schaffen, könnten 2030 alle Braunkohlekraftwerke abgeschaltet werden. Dann würde im Tagebau Garzweiler keine Ortschaft mehr umgesiedelt, der Wald in Hambach bliebe erhalten. Wie passt das zum Klimaschutz, den RWE angeblich betreibt?

Marx: Noch wird die Kohle aber benötigt, zumal ja der endgültige Ausstieg aus der Kernenergie bevorsteht. Solange wir Wind- und Sonnenstrom nicht in großem Umfang speichern können und Stromleitungen fehlen, werden wir die Braunkohle brauchen. Die Energiewirtschaft wird das Klimaziel von minus 61 Prozent bis 2030 erreichen, und RWE leistet dazu einen erheblichen Beitrag. Ich sehe da jetzt andere Sektoren in der Pflicht: Verkehr, Landwirtschaft, Gebäude.

"Der Wald ist doch nur ein Symbol"

ZEIT ONLINE: RWE will die Erneuerbaren vom Konkurrenten E.on übernehmen und würde so zu einem der größten Ökostromproduzenten Europas. Wieso hält das Unternehmen dennoch so entschlossen an der Braunkohle fest?

Marx: Wenn man in ein paar Jahrzehnten eine Energieerzeugung ganz ohne fossile Quellen haben möchte, dann macht es betriebs- und volkswirtschaftlich keinen Sinn, jetzt noch die Kohlekraftwerke beispielsweise durch neue, teure Gaskraftwerke zu ersetzen.

Unsere Braunkohlekraftwerke sind die optimale Ergänzung der Erneuerbaren. Sie sind genau so flexibel wie Gaskraftwerke. Die neuen RWE-Kraftwerksblöcke in Neurath sind die modernsten der Welt. Von den 10.000 Megawatt installierter Leistung im Rheinischen Revier können wir innerhalb einer halben Stunde die Leistung um die Hälfte reduzieren – oder wieder erhöhen. Und natürlich haben die Erneuerbaren immer Vorrang, es stimmt also gar nicht, dass der Braunkohlestrom die Netze verstopfen würde. Zugleich werden die Erneuerbaren für RWE wichtiger. Durch die Transaktion mit E.on wird RWE der drittgrößte Erzeuger von erneuerbarem Strom in Europa und die Nummer fünf weltweit. Künftig werden 60 Prozent unseres Ergebnisses aus den Erneuerbaren kommen, und wir wollen jährlich 1,5 Milliarden Euro in den weiteren Ausbau der Erneuerbaren investieren.

ZEIT ONLINE: Und wie viel Gewinn macht RWE derzeit noch mit der Stromproduktion aus Braunkohle?

Marx: Wir weisen das nicht separat aus. Das bereinigte EBITDA im Segment Braunkohle und Kernenergie sank in den ersten sechs Monaten 2018 wegen der niedrigeren Großhandelspreise und wegen einer geringeren Stromerzeugung auf 167 Millionen Euro. Im Vorjahreshalbjahr waren es 401 Millionen Euro. (Anmerkung der Redaktion: bereinigtes EBITDA meint das Ergebnis des operativen Geschäfts vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, bereinigt um außerordentliche Kosten und Erträge).

 ZEIT ONLINE: Einer aktuellen Umfrage zufolge sind drei Viertel der Deutschen gegen die Rodung des Hambacher Forsts. Ist es klug, sich als Unternehmen derart unbeliebt zu machen?

Marx: Ich glaube nicht, dass wir uns überall unbeliebt machen. Im Rheinischen Revier leben 800.000 Menschen – die Leute, die demonstrieren, kommen aus der ganzen Republik. Ich bin gebürtiger Kölner und im Rheinland aufgewachsen. Ich bin ständig in der Region unterwegs, und ich sehe: RWE hat den Rückhalt der Bevölkerung und der Kommunen. Bei uns arbeiten 10.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, und wenn Sie unsere Partnerfirmen hinzurechnen, kommen noch zweimal so viele dazu. Wir bilden aus, wir zahlen 700 bis 800 Millionen an Löhnen und Gehältern pro Jahr und vergeben jährlich Aufträge in der gleichen Größenordnung.

ZEIT ONLINE: Der regionale Protest gegen die Braunkohle war da, lange bevor Leute aus ganz Deutschland nach Hambach kamen.

Marx: Aber der Wald ist doch nur ein Symbol. Selbst wenn wir die Braunkohle in Hambach nicht weiter abbauen würden – was keine Option ist –, müssten die Bäume gefällt werden. Die Böschungen des Tagebaus sind an vielen Stellen zu steil und die jetzige Oberflächenbeschaffenheit ist überhaupt nicht für eine Seebefüllung geeignet. Würden wir nicht weiter baggern, müsste man die Böschungen schon jetzt abflachen, mit Material aufbauen und eine geeignete Oberfläche herstellen, damit sie nicht erodieren. Auch dafür müsste der Forst weichen.

ZEIT ONLINE: Die Kohlekommission berät offiziell nicht über Hambach, aber die Gespräche werden durch den Konflikt belastet. Riskiert RWE, die Kommission zu sprengen?

Marx: Nein. Die Kommission beschäftigt sich mit langfristigen Entwicklungen, aber in Hambach geht es um kurzfristige Pläne. Deshalb hat die Kommission aus meiner Sicht zu Recht entschieden, dass sie nicht über den Tagebau beraten wird. Wir haben ein Interesse daran, dass die Kommission zu einem verlässlichen Ergebnis kommt – und die Diskussion befriedet wird. Wir haben ja Anfang September versucht, eine Einigung mit den Umweltverbänden zu finden. Unser Vorschlag war, eine Verschiebung der Rodungen bis Dezember zu prüfen, allerdings unter der Bedingung, dass die Umweltverbände dann auch akzeptieren, dass der Wald nicht erhalten werden kann. Das war unser Versuch, zur Deeskalation beizutragen. Dazu waren die Verbände nicht bereit.

ZEIT ONLINE: Verständlich, denn es geht ihnen ja gerade darum, die Rodungen zu verhindern.

Marx: Der Wald kann so oder so nicht erhalten bleiben. Und wir gleichen den Eingriff aus, den der Abbau der Kohle verursacht. Wir haben neue Waldflächen angelegt, 1.500 Hektar auf der Sophienhöhe, und zusätzliche 1.500 Hektar Artenschutzmaßnahmen umgesetzt. Dazu gehören Maßnahmen auf landwirtschaftlichen Flächen und die Aufwertung von mehr als 800 Hektar Altwald. Die Restfläche des Hambacher Forsts beträgt übrigens 200 Hektar.