Die Linke-Politikerin Katrin Lompscher ist Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen in Berlin. Sie soll sich in der Koalition aus SPD, Linken und Grünen um die wachsende Wohnungsnot in der Hauptstadt kümmern. An diesem Freitag hat die Bundesregierung zu einem Wohngipfel im Kanzleramt eingeladen, zu dem neben Politikern von Bund, Ländern und Kommunen auch Vertreter der Wohnungswirtschaft, des Mieterbundes, der Gewerkschaften und der Bauwirtschaft erwartet werden.

ZEIT ONLINE: Frau Lompscher, alles, was Sie in der Wohnungspolitik unternehmen, scheint wirkungslos zu sein. Die Mieten steigen, der Wohnraum bleibt knapp, es wird zu wenig gebaut. Fühlen Sie sich manchmal ein bisschen hilflos?

Katrin Lompscher: Gegen die steigenden Mieten und die Wohnungsknappheit wird erst seit wenigen Jahren politisch etwas unternommen. 2015 hat die Bundesregierung die Mietpreisbremse eingeführt. Die Politik davor hat diese Krise erst verursacht. Damals brauchte auch Berlin keinen neuen bezahlbaren Wohnraum, sondern man dachte über den Rückbau von leerstehenden Wohnungen in Ostdeutschland nach. Es gab kein politisches Interesse, sich der Wohnungsfrage in irgendeiner Weise zu widmen.

ZEIT ONLINE: Es sind also Ihre Vorgänger schuld?

Lompscher: Viele Probleme des Immobilienmarktes hat die Politik selbst verursacht. Wir müssen jetzt erst einmal alte Fehler korrigieren. Kommunale Wohnungen zum Beispiel wurden in Berlin und bundesweit massenweise verkauft. Die Bundesregierung hat auch noch keine adäquate Antwort darauf gefunden, dass Kapital im großen Stil in den Immobiliensektor fließt, aber dies dem Bereich des bezahlbaren Wohnraums nicht nutzt, im Gegenteil. Um dem auf kommunaler und auf Landesebene etwas entgegensetzen zu können, dazu brauchen wir Unterstützung vom Bund und auch von der EU.

Die Linken-Politikerin Katrin Lompscher ist Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen in Berlin. Sie soll sich in der Koalition aus SPD, Linken und Grünen um die wachsende Wohnungsnot in der Hauptstadt kümmern. © Jan Woitas/dpa

ZEIT ONLINE: Die Welt spricht seit Jahrzehnten von den Megastädten der Zukunft, aber in Deutschland scheint man lange nicht darüber nachgedacht zu haben, dass es die Menschen in die Städte zieht. Gibt es da unterschiedliche Wahrnehmungen?

Lompscher: Die Wahrnehmung in Deutschland verändert sich gerade. Wir haben erst seit der Wiedervereinigung und mit Berlin als Hauptstadt eine Metropole, die im internationalen Maßstab ernst genommen wird. Über Jahrzehnte war Deutschland bestimmt von einer dezentralen und kleinteiligen Städtestruktur. Das ist auch heute kein Nachteil, weil man in der Nähe dieser stabilen, kleinen, mittleren und großen Städte gut in der Region leben kann. Das ist sogar ein Vorteil für die regionale Ausgewogenheit. Den Trend zum Wachstum der großen Städte gibt es in Deutschland und Europa erst seit wenigen Jahren.

ZEIT ONLINE: Berlin hat seit fünf Jahren einen Nettozuzug von durchschnittlich etwa 40.000 Menschen – eine Kleinstadt pro Jahr. Was unternehmen Sie, um mit diesem Wachstum Schritt zu halten?

Lompscher: Diese Tendenz zeigt sich bereits seit zehn Jahren, allerdings zu Beginn in deutlich kleineren Schritten. Die ersten Jahre des Wachstums hat Berlin de facto nicht gemerkt, weil wir einen großen Leerstand hatten. Dann aber wurde nicht früh genug damit begonnen, den Zuwachs mit zusätzlichem Wohnraum und Angeboten für Gewerbe, Kitas, Arbeitsplätzen und öffentlichen Nahverkehr vorzubereiten und zu begleiten. Berlin hat den Vorteil von Flächenreserven, anders als andere deutsche Kommunen. Kitas und Schulen werden ausgebaut, Wohnungen neu gebaut, der Nahverkehr erweitert. Das geschieht alles bereits, nur nicht schnell genug. In Berlin wurden im letzten Jahr bereits knapp 16.000 Wohnungen fertiggestellt, so viele wie in den vergangenen 20 Jahren nicht.

ZEIT ONLINE: Die meisten Bürger würden zustimmen, wenn es heißt, wir müssen neue Wohnungen bauen. Dieselben Menschen sagen aber auch: Bitte nicht vor meiner Haustür! Führt das zu neuen Konflikten in den Städten?

Lompscher: Die innere Verdichtung der Stadt schreitet schon voran, man sieht ja überall Baustellen und viele Kräne. Das heißt, es wird bei Weitem nicht jedes Vorhaben blockiert. Wir müssen uns aber auch die Vorbehalte gegen Neubauten so differenziert ansehen, wie sie eben sind. Sehr viele Menschen lehnen zum Beispiel ganz klar Luxusneubauten ab und sehen diese Vorhaben kritisch. Soweit möglich, schränken wir solchen hochpreisigen Wohnungsbau ein. Wenn unsere städtischen Gesellschaften bauen, dann muss jede zweite Wohnung eine Sozialwohnung sein. Von privaten Investoren verlangen wir einen Anteil von 30 Prozent an Sozialwohnungen.

ZEIT ONLINE: Viele Bürgerinnen und Bürger kritisieren aber auch, dass Freiflächen verloren gehen, dass es weniger Luft und weniger Grün gibt.

Lompscher: Ja, es gibt auch Kritik an der Verschlechterung des eigenen Wohnumfelds und das kann ich nachvollziehen. Aber wir haben eine gemeinsame Aufgabe und brauchen neue Wohnungen, die den Bestand sinnvoll ergänzen. Deshalb verpflichten wir auch die Bauherren, die Wünsche der Nachbarn anzuhören und einzubeziehen. Wir arbeiten derzeit an mehreren großen Vorhaben und erschließen neue Stadtquartiere. Dagegen bestehen häufig große Vorbehalte, vor allem wegen der Infrastruktur. Die Anwohner fürchten beispielsweise einen Verkehrskollaps bei Tausenden von neuen Nachbarn und auch der Verlust an Grün und Freiflächen wird kritisiert. Deshalb ist es wichtig, am Anfang die Rahmenbedingungen bei der Planung klar zu kommunizieren und Antworten auf die Fragen der Bürger früh zu berücksichtigen.