Der Osten Deutschlands holt wirtschaftlich auf, schreibt die Bundesregierung in ihrem Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit. Es gebe aber weiter deutliche Unterschiede zwischen Ost und West – und die Menschen würden das spüren.

In dem Bericht, der am Nachmittag offiziell vorgestellt wird, schreibt die Regierung, die Lebensverhältnisse im Osten hätten sich in den vergangenen 28 Jahren zwar denen im Westen angenähert. Allerdings liege der Osten etwa beim Lohnniveau und der Wirtschaftskraft weiter zurück. Außerdem mangele es an Konzernzentralen großer Unternehmen. Noch immer sei eine deutlich geringere Exportorientierung der ostdeutschen Wirtschaft festzustellen.

Der Strukturunterschied zum Westen schlage sich in den ostdeutschen Ländern etwa in geringeren Forschungs- und Innovationsaktivitäten sowie in einer weniger ausgeprägten Internationalisierung nieder, heißt es in dem Bericht. "Niedrigere Produktivität und fehlende Spitzengehälter treten hinzu."

Anfang der 1990er-Jahre habe es einen teilweise "dramatischen Rückgang" der Kinderzahl gegeben, zudem hätten damals vor allem junge, gut qualifizierte Menschen die Bundesländer verlassen. Das habe langfristige Nachwirkungen, heißt es in dem Bericht. Trotz eines Anstiegs der Geburtenrate nehme die Einwohnerzahl, insbesondere die Zahl der Erwerbsfähigen, weiter ab. Die Alterung schreite schneller voran als in den westdeutschen Ländern. "Das beeinflusst die Angleichung der Wirtschaftskraft und der Lebensverhältnisse auf vielfältige Weise." Die Bundesregierung wolle weiter daran arbeiten, vorhandene Strukturschwächen im Osten abzubauen.

Die im Vergleich zum Westen Deutschlands ungünstigere Altersstruktur und die in vielen ostdeutschen Gegenden geringere Siedlungsdichte begrenzten bereits heute die Zahl der Fachkräfte. "In etwa zwei Dritteln aller Berufe hat sich die Situation in den letzten fünf Jahren weiter zugespitzt; dies gilt vor allem in Ostdeutschland."

Ostbeauftragter sieht auch positive Entwicklungen

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christian Hirte (CDU), sieht in dem Bericht aber auch Fortschritte. So habe sich der Arbeitsmarkt positiv entwickelt. Bei der Arbeitslosenquote betrug demnach die Differenz zum Westen Anfang der 2000er-Jahre noch mehr als 10 Prozentpunkte, 2017 nur noch 2,3 Prozentpunkte. Außerdem heißt es, Ostdeutschland sei vor allem stark bei der Erforschung von Schlüsseltechnologien. Nahezu die Hälfte aller Beschäftigten in Ostdeutschland seien Frauen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei im Osten deutlich einfacher möglich.

Es bestünden weiterhin Lohnunterschiede, die Durchschnittseinkommen seien niedriger als in Westdeutschland. Die Nettoeinkommen in den neuen Ländern seien jedoch weniger ungleich verteilt als in den alten Ländern.

Hirte kritisierte, die ostdeutschen Bundesländer würden ausschließlich als Problemfall betrachtet. "Das ist ärgerlich, weil es den Alltag und die Lebenswirklichkeit der Menschen verzerrt widerspiegelt", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.