Bald wird der Weltklimarat IPCC seinen neuen Sonderbericht "1,5 Grad Celsius globale Erwärmung" vorstellen. In dem Bericht wird untersucht, wie nah wir dem 1,5-Grad-Ziel schon gekommen sind, ob es noch einzuhalten ist und was dafür zu tun wäre. Die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung kritisiert nun die Szenarien des IPCC. Auch der Klimarat schaffe es nicht, sich vom überkommenen Zwang zum Wirtschaftswachstum zu lösen, schreibt Autor Kai Kuhnhenn vom Konzeptwerk Neue Ökonomie in einem neuen Papier. Warum der Abschied vom Wachstum aus seiner Sicht nötig ist, erklärt er im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Kuhnhenn, Sie fordern, die Klimawissenschaft müsse sich künftig auch mit Szenarien beschäftigen, in denen die Wirtschaft schrumpft statt wächst. Warum?

Kai Kuhnhenn: Wir müssen weg vom Wachstumszwang – um den Klimawandel aufzuhalten, weil die Ressourcen der Erde begrenzt sind und weil der Wachstumsdruck auch für viele andere Probleme mitverantwortlich ist, die wir derzeit haben: die wachsende Ungleichheit, die Politikverdrossenheit, die Aushöhlung von Bürgerrechten, die Gefährdung der Demokratie. Die Wissenschaftler, die Szenarien für den IPCC modellieren, sollten das nicht ignorieren, sondern auch Szenarien für eine schrumpfende Wirtschaft entwerfen.

ZEIT ONLINE: Das Wirtschaftswachstum soll schuld sein an Politikverdrossenheit und die Demokratie gefährden? Ist das nicht ein bisschen zu hoch gehängt?

Kuhnhenn: Ich denke nicht. Sicher ist die wachstumsfokussierte Wirtschaft nicht der einzige, aber doch ein ganz wesentlicher Grund dafür. Zum Beispiel, weil vom Wachstum die Reichen überproportional profitieren und die angeblichen Sachzwänge der Märkte politische Entscheidungen beeinflussen.

ZEIT ONLINE: Was würde ein IPCC-Szenario bringen, das eine schrumpfende Wirtschaft voraussetzt?

Kuhnhenn: Es würde die öffentliche Debatte über Klimaschutz beeinflussen, auch in Deutschland. Die Stimmen, die weg vom Wachstum wollen, werden derzeit stärker, und ich finde es wichtig, das in den klimapolitischen Diskurs zu tragen. Mit den bisherigen Standardstrategien kommen wir nicht weiter.

ZEIT ONLINE: Standardstrategien?

Kuhnhenn: Der Ausbau der erneuerbaren Energien funktioniert, aber der CO2-Ausstoß steigt trotzdem. Seit Jahren hört man, in einer effizienteren Energienutzung stecke viel Potenzial. Seit Jahren wird dieses Potenzial nicht genutzt. Jede ambitionierte Klimapolitik scheitert am Wachstumsdogma: dass die Regierungen meinen, Arbeitsplätze schützen und die Wirtschaft vertreten zu müssen. In Deutschland kann man das zum Beispiel beobachten, sobald die Interessen der Autoindustrie betroffen sind. Wenn wir uns vom Wachstumsdenken lösten und es uns gelänge, Wirtschaft und Gesellschaft anders zu begreifen – als über das Gewohnte hinaus gestaltbar –, täten sich ganz neue Möglichkeiten auf. Solange wir das nicht tun, kommt kein grundlegender Wandel zustande und ambitionierte Klimaschutzpolitik hat keine Chance.

ZEIT ONLINE: Muss das sein? Bislang sagt der IPCC: Das 1,5-Grad-Ziel ist zwar immer schwieriger zu erreichen – aber es ist noch erreichbar, auch ohne dass die Weltwirtschaft schrumpft.

Kuhnhenn: Aber er geht davon aus, dass die Temperatur zumindest vorübergehend über die 1,5-Grad-Marke steigt. Und er verlässt sich zunehmend auf Techniken, die Treibhausgase wieder aus der Atmosphäre holen sollen. Aber diese Techniken sind noch gar nicht erforscht, es ist unklar, was sie überhaupt bringen, und ihre Risiken sind nicht absehbar. Auch für Deutschland gibt es Studien, laut denen die Klimaziele erreichbar seien. Ein Beispiel ist die Studie Treibhausgasneutrales Deutschland des Umweltbundesamtes. In ihr wird gesagt, dass es möglich sei, bis 2050 die Emissionen um 95 Prozent zu reduzieren. Aber diese Aussage basiert auf einem Technikoptimismus, den ich nicht teile. Also ja, es muss sein: Wir müssen weg vom Wachstum.

ZEIT ONLINE: Können Sie uns ein Beispiel für solchen Technikoptimismus geben?

Kuhnhenn: Da sind zuallererst die Techniken zu nennen, die der Atmosphäre wieder CO2 entziehen sollen, das dann sicher unter Tage gelagert wird. Darüber hinaus gibt es aber auch Pläne für Lkws, die über Oberleitungen mit Strom laufen, oder die Vorstellung, dass wir irgendwann so viel erneuerbaren Strom erzeugen, dass wir damit auch synthetische Kraftstoffe herstellen können. 

"Wachstum bringt den Bürgern Stress, Ungleichheit und Umweltbelastung"

ZEIT ONLINE: Geht es überhaupt ohne Wachstum? Selbst die Vereinten Nationen sehen Wirtschaftswachstum als Teil ihrer nachhaltigen Entwicklungsziele.

Kuhnhenn: In den Ländern des Nordens ginge es ohne Wachstum sogar besser. Wachstum bringt ihren Bürgern Stress, Ungleichheit und Umweltbelastung, viele Menschen werden abgehängt. Eine bessere Gesellschaft ohne Wachstum ist möglich. Dadurch würden wir auch in den Ländern des Südens nicht so viel Schaden anrichten.

ZEIT ONLINE: Könnten auch die Entwicklungsländer auf Wachstum verzichten?

Kuhnhenn: Ich denke, die Menschen dort wissen selbst am besten, ob sie Wachstum brauchen, und wenn ja, wie viel. Nicht alle Bürger des Südens wollen Wachstum.

ZEIT ONLINE: Schrumpft die Wirtschaft, verlieren Leute ihre Jobs, und Arbeitslose haben ohne Wachstum schlechtere Chancen, Arbeit zu finden.

Kuhnhenn: Eine Möglichkeit wäre, die Arbeitszeit generell zu reduzieren. Das könnten wir jetzt schon tun – und erst recht, wenn in Zukunft noch mehr Arbeitsplätze durch die technische Entwicklung wegfallen. Trotzdem wäre genug für alle da. Natürlich kommen wir dann nicht mehr darum herum, über eine Neuverteilung des Reichtums zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Das geht wohl kaum ohne heftige Verteilungskonflikte.

Kuhnhenn: Natürlich möchte sich niemand einschränken, und manchmal ist das auch sehr berechtigt. Für manche Ideen müsste es politische Mehrheiten geben, zum Beispiel für eine höhere Erbschaftssteuer oder eine Vermögenssteuer. Das scheint im Moment nicht durchsetzbar.

ZEIT ONLINE: Woher könnte der Wandel kommen, wenn nicht aus der Politik?

Kuhnhenn: Von jeder einzelnen Bürgerin und jedem einzelnen Konsumenten. Sie können sich informieren und ihr Verhalten anpassen. Sie können sich zusammenschließen – zum Beispiel zu Genossenschaften, in demokratisch verfassten Betrieben, in Ökodörfern, in der solidarischen Landwirtschaft –, um neue Wirtschafts- und Lebensformen auszuprobieren. Es ist wichtig, politische Forderungen aufzustellen, zum Beispiel nach einem Grundeinkommen, kürzeren Arbeitszeiten, einer ökologischen Steuer- und Finanzreform. Und der Protest gegen Großprojekte, gegen zerstörerische Politik und Unternehmen, wie wir es gerade im Hambacher Wald erleben, ist genauso wichtig.