Es war der größte Konkursfall der US-Geschichte: die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008. Und sie war der Höhepunkt einer Finanzkrise, die sich über viele Jahre angebahnt hatte. Diese Krise löste in vielen Industriestaaten eine tiefe Rezession aus und war letztlich auch mitverantwortlich für die Eurokrise. Die Folgen sind bis heute spürbar – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch. Die versprochenen Reformen des Finanzmarktes, damit so etwas nicht noch mal vorkommt, sind bis heute nur zum Teil umgesetzt. Doch schon geben Politiker in den USA dem Verlangen der Banken und Finanziers nach, Regeln – wie den Dodd-Frank-Act – wieder zu lockern.
Gründe für das Finanzdebakel vor zehn Jahren gab es
viele: gierige Banker, laxe Aufseher, gleichgültige Politiker, ahnungslose
Bürger. Ein Rückblick auf eine Woche, die die Welt veränderte.
Wall Streets Geldmaschine implodiert
Anders als oft behauptet war es nicht allein der überhitzte
US-Immobilienmarkt, der die Krise verursachte. Die Preise für Eigenheime
stiegen zwar in den Nullerjahren kräftig an. Doch es waren Banker
auf der Suche nach neuen Einnahmequellen, die eine verhängnisvolle
Kettenreaktion in Gang setzten. Schon 2001 begannen sie, Hypotheken an US-Bürger zu vergeben, die nach klassischen Bonitätsstandards keine bekommen
hätten. Das Risiko war den Bankern egal. Statt wie früher das Darlehen selbst
in ihre Bücher zu nehmen, bündelten sie die Hypotheken und verkauften
Zertifikate darauf an Investoren – die
später berüchtigten Subprime Mortgage Backed Securities. Nicht mehr die
Bank, sondern die Investoren hielten nun das Ausfallrisiko.
Weil sich immer mehr Banken beteiligten, flossen Milliarden in den Immobilienmarkt. Die Preise für Häuser und Wohnungen stiegen rasant. Hausbesitzer lösten ihren Kredit einfach durch einen neuen ab, wenn sie den alten nicht mehr zahlen konnten. So sank die Qualität der Kredite und es wurde immer schwieriger, eine neue Hypothek zu bekommen. Immer mehr Hausbesitzer gerieten mit ihren Raten in Verzug oder gaben die Zahlung ganz auf. Millionen Amerikaner verloren schließlich ihr Zuhause. Bei den Investoren, darunter auch viele deutsche Institutionen, stiegen die Verluste. Hinzu kam, dass sich die Banken einen Großteil der Mittel für ihre Hypothekengeldmaschine über kurzfristige Kredite besorgt hatten. Das hatte fatale Folgen für das Finanzsystem. Denn angesichts der steigenden Kreditausfälle zögerten Anleger, den Banken weiter Kapital zu leihen. Damit erreichte die Krise nach dem Immobilienmarkt auch das Finanzsystem.
Bereits im Frühjahr 2008 ging es los …
Die Investmentbank Bear Stearns gerät wegen hoher Verluste mit Hypothekenkrediten in eine gefährliche Schieflage. Die
US-Notenbank Fed arrangiert deshalb im März eine Übernahme durch die Großbank JP Morgan. Allerdings übernimmt
der Staat 29 Milliarden Dollar der Verlustbringer, die Bear Stearns in den
Büchern hat. Anfang September muss das US-Finanzministerium die weltweit größten
Hypothekeninstitute Fannie Mae und Freddie Mac mit 200
Milliarden Dollar stützen. Fannie und Freddie waren bis dahin private Institute, die im
öffentlichen Auftrag handelten, indem sie Hypotheken von Banken übernahmen und
verbrieften.
… im September folgte die Woche, die die Welt veränderte
Donnerstag, 11. September
Lehman Brothers meldet Verluste in Höhe von vier Milliarden
Dollar in nur einem Quartal. Man sei dabei, sich aktiv nach einem Käufer
umzusehen, heißt es in einer knappen Meldung an die US-Börsenaufsicht. Es ist ein steiler Absturz. Die Bank ist eines der ältesten Investmenthäuser an der
Wall Street. "Das Hypothekengeschäft war für Lehman über Jahre unfassbar
profitabel", sagt Lawrence McDonald, der zwischen 2004 und 2008 bei der
Investmentbank arbeitete. Dann sei es zur Last geworden: "Mit jedem Dollar, den
wir in unserem Team reingeholt haben, haben sie ein paar Etagen weiter oben
sieben oder acht Dollar verloren", beschreibt es McDonald. Der Aktienkurs war
innerhalb eines Jahres um 96 Prozent eingebrochen. "Im Sommer fingen die Leute
an, davon zu sprechen, dass es Lehman als Nächstes treffen würde, selbst unsere
Kunden fragten uns immer häufiger", erzählt Jared Dillon, der damals bei der
Bank für das Geschäft mit Exchange Traded Funds (ETFs) zuständig war. "Wir
selbst haben das nie geglaubt. Schließlich hat uns unser Management etwas anderes gesagt."
Freitag, 12. September
Die Lage spitzt sich schnell zu: In den Morgennachrichten
wird berichtet, das Finanzministerium schließe eine staatliche
Unterstützung für die Bank aus. Später kommt heraus, dass sich Finanzminister
Henry Paulson und Ben Bernanke, der Chef der US-Notenbank, schon beim ihrem wöchentlichen
gemeinsamen Frühstück auf eine Lösung durch den Privatsektor geeinigt haben.
Ausgerechnet der Finanzminister ist jetzt damit beauftragt,
einen Käufer für Lehman zu finden. Paulson war vor seinem Wechsel nach
Washington Chef von Goldman Sachs – einem der größten Konkurrenten von
Lehman. Doch das Finanzministerium hat Schwierigkeiten, einen Interessenten
aufzutreiben. Paulson bestellt die Spitzenbanker der Branche in das Gebäude der
New Yorker Fed (Federal Reserve) ein. Die Fed ist mit der Aufsicht der Wall Street betraut. Neben
dem 63-jährigen Paulson ist deshalb auch Timothy Geithner anwesend, der
48-jährige Chef der New Yorker Fed.
Einige Banker haben ihre Finanzchefs vorsichtshalber gleich
mitgebracht. Paulson verliest ein Statement, in dem den Bankern mitgeteilt wird,
dass die Regierung Lehman nicht retten wird. Sollte Lehman überleben, dann nur mithilfe der anwesenden Bankenchefs. Viel Zeit für eine Lösung bleibt nicht. Sollte
bis zum Börsenstart am Montagmorgen nicht klar sein, was aus Lehman wird, ist Chaos an den Finanzmärkten zu befürchten. Zwei Institute werden als aussichtsreichste Kandidaten für eine Übernahme
genannt: die Großbank Bank of America und die britische Investmentbank
Barclays. Beide sind nicht anwesend. Das Treffen endet gegen 21.30 Uhr. "Die
Aktie wurde an diesem Tag für drei Dollar gehandelt", erzählt Ex-Banker Dillon.
"Jeder wusste, dass es jetzt wahrscheinlich war, dass wir nicht überleben
würden. Trotzdem hofften viele noch immer, dass die Fed und die Behörden über
das Wochenende einen Rettungsplan erstellen würden."