Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hat mit seiner Forderung nach einer Stabilisierung des Rentenniveaus bis 2040 eine heftige Diskussion ausgelöst. Einige werfen ihm vor, das sei nicht finanzierbar. Andere beschweren sich, das würde der Rentenkommission der Bundesregierung vorgreifen, die 2020 ihre Empfehlungen vorlegen will. Bei aller Kritik ist diese Diskussion wichtig und dringend notwendig. Denn eine neue Studie zeigt, dass mehr als die Hälfte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die bald in Ruhestand gehen, nicht genug Rente bekommen wird, um ihren bisherigen Lebensstandard zu halten. Die Diskussion sollte sich also nicht nur um Altersarmut drehen, sondern darum, wie Menschen auch im Alter ihren Lebensstandard sichern können.

Die Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt, dass die 55- bis 64-Jährigen pro Kopf Ausgaben von durchschnittlich 1.370 Euro im Monat haben – aber Rentenzahlungen von nur 1.230 Euro erwarten können. Hierbei gibt es natürlich große Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen: Die zehn Prozent Menschen mit den geringsten Einkommen geben durchschnittlich 540 Euro aus, die zehn Prozent mit dem höchsten Einkommen über 3.000 Euro.

Die Unterschiede bei den Renten sind ähnlich groß: Über ein Drittel der Menschen, die kurz vor dem Ruhestand stehen, hat Anwartschaften aus der gesetzlichen und betrieblichen Altersvorsorge von unter 1.000 Euro im Monat. Deutlich besser gestellt sind Menschen, die Anspruch auf eine Beamtenpension haben.

Unterm Strich geben 58 Prozent der baldigen Rentnerinnen und Rentner zur Zeit mehr aus, als sie aus der gesetzlichen und der privaten Alterssicherung erwarten können. In anderen Worten, diese Menschen werden ihren sprichwörtlichen Gürtel enger schnallen müssen, wenn sie in Rente gehen. Auch die Berücksichtigung von privaten Versicherungen wie Lebensversicherungen oder Riester-Renten macht hier keinen großen Unterschied, denn es sind meist Menschen mit höheren Einkommen und Vermögen, die zusätzlich auf eine solche private Vorsorge zurückgreifen können. Immerhin sinkt der Anteil derer, die im Alter ihren Lebensstandard nicht halten können, auf 41 Prozent, wenn auch private Vermögen (zum Beispiel Immobilien oder Sparvermögen) berücksichtigt werden. Aber auch diese Zahl ist viel zu hoch.

Ein genauerer Blick zeigt zudem, dass bestimmte Gruppen von diesen Einschnitten ihres Lebensstandards deutlich stärker betroffen sind. So werden 70 Prozent aller Frauen, die kurz vor der Rente stehen, ihren Lebensstandard nicht halten können – bei den Männern liegt der Anteil "nur" bei 48 Prozent. Besonders stark sind Mütter betroffen, weil viele von ihnen auf weniger Beitragsjahre kommen und dadurch geringere Anwartschaften erwerben konnten – trotz Mütterrente. Dabei muss betont werden, dass die Betrachtung hier den Haushalten gilt, also berücksichtigt wird, wenn Frauen in einer Partnerschaft leben und möglicherweise von der Rente ihres Partners profitieren.

Auch Haushalte mit einer Person und (frühere) Alleinerziehende werden im Alter weniger Rente erhalten, als sie derzeit für Konsum und Wohnen ausgeben – was ohnehin schon nicht viel ist. Interessanterweise gibt es in dieser Frage keinen nennenswerten Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland. Nicht überraschend ist dagegen, dass Menschen, die über lange Zeiträume Teilzeit gearbeitet haben, viel häufiger ihren Lebensstandard im Alter einschränken müssen.

In Zukunft wird es noch mehr Rentner treffen

Was bedeutet das? Ein erster wichtiger Punkt ist, dass die immer wiederkehrende Debatte um Altersarmut viel zu eng gefasst ist. Denn nicht nur die Altersarmut ist ein Problem, sondern dass die gesetzliche Rente bereits jetzt so knapp bemessen ist, dass die Hälfte derer, die nun in Rente gehen, ihren Lebensstandard nicht halten kann. Genauso wichtig ist es, sich bewusst zu machen, dass das Absinken des Rentenniveaus, der Anstieg der Lebenserwartung und die häufiger unterbrochenen Erwerbsbiografien den Anteil der Menschen weiter erhöhen wird, die im Alter ihren Lebensstandard zum Teil stark werden einschränken müssen – zumal die private Belastung für Gesundheit und Pflege wohl weiter zunehmen wird.

Die angestoßene Debatte über die Frage, was ein angemessener Lebensstandard im Alter ist und wie wir ihn als Gesellschaft möglichst allen ermöglichen können, ist daher dringend notwendig. Die Politik hat verschiedene Optionen: Sie kann Steuern, Beiträge oder das Renteneintrittsalter erhöhen, um das Rentenniveau zu stabilisieren. Sie kann die private und betriebliche Vorsorge stärken. Oder sie kann eine stärkere Umverteilung zugunsten der Menschen mit geringen Renten beschließen. Welche Wahl sie auch trifft: Es ist an der Zeit, dass die Politik die gute wirtschaftliche Situation nutzt, um langfristig eine nachhaltige und angemessene Altersvorsorge zu ermöglichen – und zwar weit über das vage Versprechen einer "doppelten Haltelinie".