"Wir haben keinen Kapitalismus, es ist Cliquenwirtschaft" – Seite 1

Die US-amerikanische Ökonomin Sheila Bair war Vorsitzende des Einlagensicherungsfonds der Banken während der Lehman-Krise – und so zwangsläufig eine der wichtigsten Krisenmanagerinnen der Finanzkrise. Inzwischen sitzt die 64-Jährige im Verwaltungsrat verschiedener Unternehmen und berät Start-ups in der Finanzbranche.

ZEIT ONLINE: Frau Bair, was hält Sie nachts wach, wenn Sie heute an Finanzmärkte denken?

Sheila Bair: Wir befinden uns längst in einer Blase. Das trifft seit einiger Zeit sowohl auf die Aktien- als auch auf die Anleihemärkte zu. Aber auch auf dem Immobilienmarkt gibt es übertriebene Preisentwicklungen. Es wird immer behauptet, Spekulationsblasen seien erst im Nachhinein als solche erkennbar. Das sehe ich anders. Es ist nur schwierig, zu wissen, wann sie platzen. Ich kann nur beten, dass die US-Notenbank Fed es schafft, die nun zu lange Phase des billigen Gelds rechtzeitig so zu beenden.

ZEIT ONLINE: Nach der Krise gab es Reformen bei der Regulierung. Helfen die nicht?

Bair: Wir haben heute mehr Kapitalreserven und Liquidität in unserem Finanzsystem als damals. Aber fundamental haben wir immer noch das gleiche System. Die Frage ist, ob die neuen Regeln sich unter Stress bewähren.

ZEIT ONLINE: Eine Katastrophe wie bei der Bank Lehman Brothers 2008 könnte sich wiederholen?

Bair: Nicht genau in dieser Form, heute haben die Aufseher Prozesse, mit denen sich eine notleidende Investmentbank oder irgendeine andere systemrelevante Institution abwickeln lässt. Diese Instrumente standen uns damals nicht zur Verfügung. Die Entscheidung, Lehman fallen zu lassen, ist oft kritisiert worden. Aber Lehmans Chefetage hatte den ganzen Sommer, um nach einem Käufer zu suchen, was sie aber versäumten. Dafür habe ich kein Verständnis.

ZEIT ONLINE: Gab es einen Augenblick während dieser Zeit, in dem Sie es mit der Angst zu tun bekamen?

Bair: Als Garantiefonds für Spareinlagen waren wir bei der FDIC sehr mit den Geschäftsbanken beschäftigt. Deshalb bemerkten wir erst nicht, dass der Markt für kurzfristige Finanzierungen aufgehört hatte, zu funktionieren. Ich war schockiert, wie extrem abhängig die Investmentbanken – die nicht unter unserer Aufsicht standen – von diesen Krediten geworden waren. Sie hatten nicht nur enorme Schulden, sie konnten auch noch praktisch über Nacht fällig gestellt werden. Viele Finanzinstitutionen hatten einfach nicht genug Eigenkapital. Deshalb habe ich mich später für höhere Kapitalvorschriften starkgemacht.

ZEIT ONLINE: Die Verschuldung von Unternehmen sowie öffentlichen und privaten Haushalten hat seit der Krise weltweit zugenommen. In den USA haben Kreditkarten und Studentenkredite neue Höchststände erreicht. Ist das eine Gefahr?

Bair: Wenn die Zinsen steigen und die Wirtschaft schwächer läuft, wird es für viele Schuldner schwierig werden, die höheren Finanzierungskosten zu decken. Vor allem die hohe Verschuldung von Haushalten mit niedrigerem Einkommen ist ein Warnzeichen für eine kommende Finanzkrise. Schulden wirken kurzfristig als Stimulus, aber langfristig braucht es reale ökonomische Aktivität, um diese Schulden bedienen zu können. In dieser Situation die Bankenregulierung zu lockern, damit die Banken mehr Kredite ausreichen können, ist absurd.

"Immerhin stellen sich die Chinesen dem Problem"

ZEIT ONLINE: Sie beziehen sich auf die US-Regierung, die angekündigt hat, die angebliche Überregulierung der Banken rückgängig zu machen.

Bair: Es ist entmutigend. Die Lobbyisten der Banken arbeiten fleißig an einer Schwächung der Kapitalvorschriften. Fed-Chef Jay Powell und Randal Quarles (zuständig bei der Fed für die Bankenaufsicht, Anm. der Red.) stehen unter einem unglaublichen Druck. Beide haben betont, die Kapitalausstattung der US-Banken nicht schwächen zu wollen. Ich hoffe, sie lassen sich nicht einschüchtern. Ich möchte mir die politischen Folgen lieber nicht vorstellen, sollten wir die Banken noch einmal retten müssen.

ZEIT ONLINE: Sie haben die Bankenaufsicht in China beraten. Auch dort sind die Schulden hoch.

Bair: Immerhin stellen sich die Chinesen dem Problem. Wir dagegen sind nicht so ehrlich, wenn es darum geht, dass unsere Wirtschaft mit hohen Schulden belastet ist. Das größte Problem in China sind die überschuldeten staatlichen Unternehmen. Da kann Peking jedoch entscheiden, wann und wie es die Ausfälle zulassen will.

ZEIT ONLINE: Hat ein staatliches Finanzsystem Vorteile?

Bair: Ich ziehe ein privates Bankensystem klar vor. Aber ein staatliches System ist auf alle Fälle einem System vorzuziehen, in dem nur die Profite privatisiert und die Verluste sozialisiert werden.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Zweifel am Kapitalismus?

Bair: Was wir haben, ist kein Kapitalismus, es ist Cliquenwirtschaft! Im Kapitalismus wären die Banken pleitegegangen. Die Komplexität des Finanzsystems wird gerne von Leuten benutzt, die eine wirkungsvolle Regulierung verhindern wollen. Man entwirft komplizierte Regelwerke und sagt der Öffentlichkeit: Macht euch keinen Kopf, die Experten machen das schon. Das unterminiert den demokratischen Prozess. Die Wähler müssen hinterfragen, warum ihr Abgeordneter sich für eine Schwächung der Bankenregulierung einsetzt. Sie müssen den Druck auf die Politik aufrechterhalten, bei diesem Thema nicht einzuknicken. Unsere Demokratie und das kapitalistische System, das sie unterstützt, stehen auf dem Spiel.

ZEIT ONLINE: Reichen denn Regeln aus, um die Banken zu zähmen?

Bair: Ich setze auf die Start-ups, die mit Technologie den Banken in vielen Bereichen zunehmend Konkurrenz machen. Das ist eine gesunde Entwicklung. Mehr Wettbewerb hilft, die monopolartige Stellung der Banken zu stutzen. Natürlich werden wir weiter Banken brauchen. Aber nach und nach wird es eine Dezentralisierung des Finanzsektors geben, es werden Alternativen entstehen, die besser auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen.

ZEIT ONLINE: Also wird doch noch alles gut!

Bair: Langfristig bin ich optimistisch. Aber ich mache mir Sorgen, was auf kurze Sicht passiert.