Der Handelskonflikt zwischen den USA und China hat am Montag die nächste Stufe erreicht. Guntram Wolff leitet das Wirtschaftsforschungsinstitut Bruegel in Brüssel und verfolgt die Handelsbeziehungen der beiden Wirtschaftsmächte seit Langem. Hier analysiert er die Folgen des Konflikts für Europa.

Der Fokus der USA im internationalen Handelskrieg liegt inzwischen voll und ganz auf China. Am Montagmorgen traten die jüngsten Zölle in Kraft: Einfuhren aus China im Wert von 200 Milliarden US-Dollar sollen anfangs mit zehn Prozent und später 25 Prozent Zoll belegt werden, falls China seine "unfairen" Handelspraktiken nicht beendet. China wiederum hat Gegenzölle auf Importe im Wert von rund 60 Milliarden US-Dollar angekündigt.

Viele politische Motive aufseiten der US-Regierung können für dieses Vorgehen genannt werden: der Versuch, den Aufstieg Chinas einzudämmen, insbesondere als Technologieführer im Rahmen der chinesischen 2025-Strategie. Die US-Administration ist überzeugt, dass seit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation viele Arbeitsplätze in Sektoren verloren gingen, die dem chinesischen Wettbewerb ausgesetzt sind. Zudem hat sie erkannt, dass die EU trotz ihres bilateralen Handelsüberschusses ein langjähriger Verbündeter der USA bleibt. Die erfolgreiche Verhandlungsführung von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat auch dazu beigetragen, die Spannungen zwischen der EU und den USA abzubauen – auch wenn der Burgfrieden zerbrechlich bleibt.

Könnte Europa angesichts dieser Situation von den Handelsspannungen zwischen den USA und China profitieren? Auf den ersten Blick scheint die Antwort nein zu sein, schließlich haben Handelskriege aufgrund global integrierter Lieferketten auch negative Auswirkungen auf Unternehmen in Drittländern. Daimler zum Beispiel machte den Handelskrieg zwischen China und den USA für eine Gewinnwarnung verantwortlich, da der Export von Autos und anderen Komponenten aus den USA nach China teurer werden würde.

Handelskriege bieten aber auch Chancen für einige Unternehmen und Branchen in Drittländern. Bestimmte europäische Exporte nach China könnten zunehmen: China muss etwa Agrarimporte aus den USA ersetzen. Auch Unternehmen in der Konsumgüterindustrie könnten von steigenden Exportmöglichkeiten in die USA profitieren. Je anspruchsvoller die Produkte allerdings sind, desto mehr werden globale Lieferketten eine Rolle spielen.

Aber die wirkliche Chance für Europa liegt woanders. Da China den Druck der USA spürt, versucht es, neue Verbündete zu finden. Weil es inzwischen seine Wirtschaft neu ausrichtet und sich weniger auf Export konzentriert, ist China weniger anfällig für einen Handelskrieg als noch vor wenigen Jahren. Aber die Regierung ist nach wie vor besorgt über ein gemeinsames Auftreten von Japan, den USA und der EU. Das hat die jüngste Erklärung dieser drei Länder gezeigt, in der nichtmarktwirtschaftliche Praktiken sowie erzwungener Technologietransfer bei Marktzugang abgelehnt werden. Beide Punkte zielen klar auf China ab: China hat viele und große staatseigene Betriebe, und Staatsbanken subventionieren Kreditkosten. China verlangt oft einen Transfer von Schlüsseltechnologien als eine Bedingung für den Zugang zum chinesischen Markt.

China bemüht sich daher aktiv um die EU, um Fortschritte bei den Gesprächen über bilaterale Investitionen zu erzielen. Am liebsten würde es sogar Verhandlungen über ein Handelsabkommen mit der EU aufnehmen. China wünscht sich auch, dass die EU ihr strategischer Partner in der Welthandelsorganisation wird.

China muss Zugeständnisse machen

Europa sollte diese Chance aktiv nutzen und mit China verhandeln – doch es muss realistisch bleiben, was erreicht werden kann. Europas Hauptinteressen sind klar: China muss seine Märkte für mehr Sektoren öffnen. Die europäischen Investitionen in China sinken seit einigen Jahren, weil der Marktzugang schwieriger geworden ist. Europa muss sicherstellen, dass europäische Konzerne in China genauso behandelt werden wie die inländischen Unternehmen. Außerdem muss China unlautere Subventionssysteme durch staatliche Banken und andere staatliche Unternehmen beseitigen. Natürlich wird China sein Wirtschaftsmodell nicht grundlegend ändern. Aber wird es bereit sein, den europäischen Unternehmen einige Zugeständnisse zu machen? Die EU sollte diese Möglichkeit prüfen.

Da China es schwieriger findet, in den USA zu investieren, insbesondere in Schlüsseltechnologiebereichen, hat es seine Investitionsbemühungen auf Europa verlagert. Die chinesischen Investitionen in wichtige europäische Industrietechnologiesektoren wie Industrie 4.0 sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

Rote Linien sind nötig

Europäische Unternehmen und Politiker beobachten diesen Anstieg mit gemischten Gefühlen. Natürlich sind chinesische Investitionen willkommen und können die Unternehmensgewinne erhöhen, insbesondere, wenn im Gegenzug der Zugang zu den chinesischen Märkten verbessert wird. Aber es besteht die klare Sorge, dass China Marktmanipulationen und Subventionen nutzt, um Unternehmen zu unfairen Preisen zu erwerben. Chinesische Unternehmenskäufe, die staatlich ausgerichtet sind und auf Hightech abzielen, sollten daher streng bewertet werden.

Darüber hinaus stehen zunehmend die industriepolitischen Auswirkungen im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Verliert Europa den Anschluss bei den wichtigsten Technologien? Sind einige Technologien aus Sicherheitsgründen nicht zu sensibel, um sie China zu überlassen? Die EU muss eindeutige rote Linien für den chinesischen Technologieerwerb definieren. Inzwischen hat die EU auch den politischen Spielraum, diese roten Linien energischer durchzusetzen. Es ist dringend erforderlich, dass die EU ihre strategische Position gegenüber China festlegt und diese umsetzt.