Ein weiteres Etikett ist die Belt-and-Road-Initiative (BRI), in deren Rahmen China staatlich garantierte Kredite vergibt – für den Bau von Infrastruktur in Zentralasien bis nach Europa sowie entlang von Seehäfen im Indischen Ozean bis ins Mittelmeer. Belt-and-Road ist inzwischen ein Synonym für Chinas Außenwirtschaftspolitik geworden. Aber seit Trump einen Handelskrieg angefangen hat, ist China auch hier zurückhaltender. Viele ärmere Länder haben sich mit chinesischen Krediten stark verschuldet. Mit Blick auf Trump ist der Mut nun groß genug, dies öffentlich zu kritisieren.

Die Führung in Peking wurde von der Härte überrumpelt, mit der Trump seine Sonderzölle durchzieht. Staatschef Xi Jinping hatte den US-Präsidenten und seine Motive schlicht nicht verstanden. Doch inzwischen hat sich in der KPCh die Erkenntnis durchgesetzt, dass es der US-Regierung um eine strategische Eindämmung Chinas geht und nicht allein um Wirtschaftsfragen.

China ist mittlerweile nicht mehr nur ein ökonomisch erfolgreicher Staat, es hat auch damit begonnen, militärisch über seine Grenzen hinaus zu expandieren. Im Südchinesischen Meer, das China einfach für sich beansprucht hat, wurden künstliche Inseln errichtet und mit Soldaten besetzt. Die erste chinesische Überseebasis wurde in Dschibuti eröffnet, die nächste wird wohl in Gwadar in Pakistan sein. Und China setzt das demokratische Taiwan militärisch wie diplomatisch so stark unter Druck wie nie zuvor. Aus Sicht der USA stellt diese Entwicklung eine große Gefahr dar. In der EU sieht man das im Übrigen nicht anders, auch weil Peking gezielt versucht die Union zu spalten, zum Beispiel mit seinem Osteuropa-Staatenformat 16+1.

Die Staats- und Parteiführung in China reagiert stereotyp auf die Vorwürfe. Nach einem kürzlich erschienenen Weißbuch der Regierung würden die USA  mit "falschen Anschuldigungen" Stimmung gegen Chinas Handelspartner machen und Zollerhöhungen und "andere Formen der wirtschaftlichen Einschüchterung" anwenden, um China ihre eigenen Interessen aufzuzwingen. Danach ist China das Opfer und die USA sind der Täter. Dazu wurde eine neue Runde von Handelsgesprächen zwischen den USA und China mit dem Xi-Vertrauten Liu He in den USA aus Peking kurzfristig abgesagt, anstehende Militärgespräche zwischen den beiden Staaten wurden auf Eis gelegt.

Besessen von der Idee der Autarkie

Doch welche Hebel hat China eigentlich im Handelskrieg? Es wurde zwar eine Vielzahl von Gegenzöllen auf US-Produkte erhoben, doch angesichts der vergleichsweise niedrigen Importquote aus den USA sind die Möglichkeiten der Führung in Peking beschränkt. Die Handlungsfreiheit von US-Unternehmen auf dem chinesischen Markt einzuschränken, wäre eine weitere Möglichkeit. Doch dadurch würden womöglich Investoren aus anderen Ländern verunsichert. Und an den Staatssektor will die KPCh nicht ran.

Im Gegensatz zu den USA hat China auch keine Verbündeten – allenfalls Unterstützer, in der Regel arme und abhängige Staaten wie Laos oder Kambodscha. Die Teilnahme Chinas am russischen Großmanöver Wostok Mitte September war zwar ein eindeutiges Signal an die USA, dass strategisch neue Konstellationen möglich sind, nur ist Russland abgesehen von Energie und Militärtechnik ökonomisch weniger attraktiv und international auch zunehmend isoliert. Und würden Chinas Führungskader es am Ende wirklich auf eine militärische Eskalation mit den USA ankommen lassen? Wohl nicht. 

Staatschef Xi Jinping soll aber seit Langem schon besessen sein von der Idee, China wirtschaftlich autark zu machen. Da kommen ihm die US-Sonderzölle recht: "Der Protektionismus nimmt zu und zwingt uns auf einen Weg der Eigenständigkeit", sagte er diese Woche auf einer Reise durch die Provinz Heilongjiang, und das sei nicht schlecht. Aber auch wenn Autarkie in der verwobenen Weltwirtschaft von heute eine Illusion sein mag: Xis neues Mantra bestätigt den Trend, nach dem China und die USA auseinanderdriften und sich beide Seiten im Handelsstreit nicht bewegen wollen.

Für die Weltwirtschaft wie auch für das geopolitische Klima ist das kein gutes Zeichen. Von einem Kalten Krieg zu reden ist sicher verfehlt, es gibt keine zwei politischen Blöcke mehr wie früher. Doch die zunehmend schroffen Beziehungen zwischen Washington und Peking sind durchaus mit denen zu Moskau bis in die Achtzigerjahre vergleichbar. Es geht eben auch um weltweite Macht und Einfluss.