Es passiert eher selten, dass der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland breite Zustimmung für eine Aussage erhält. In einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung monierte er neulich die Polarisierung der deutschen Gesellschaft in Globalisierungsgewinner und -verlierer. So richtig die Diagnose auch sein mag, so falsch sind jedoch die Lösungen, welche die AfD und andere Populisten anbieten.

Fast alle westlichen Gesellschaften erleben eine zunehmende soziale, wirtschaftliche und politische Polarisierung. Globalisierung und technologischer Wandel haben in den vergangenen vier Jahrzehnten zwar sehr viel Wohlstand geschaffen. Dieser wird jedoch sehr ungleich verteilt, sodass viele Menschen abgehängt werden und immer weniger Teilhabe an Wirtschaft und Gesellschaft haben.

Auch wenn einige in Deutschland diesen Trend der steigenden Ungleichheit von Chancen, Teilhabe und auch von Einkommen und Vermögen nicht wahrhaben wollen: Er ist nicht zu leugnen. Und er wird sich mit fortschreitender Globalisierung und einem beschleunigten technologischen Wandel weiter verstärken. Zu dieser wirtschaftlichen Polarisierung kommt eine zunehmende soziale Spaltung zwischen denen, die der britische Journalist und Autor David Goodhart in seinem Buch The Road to Somewhere die anywheres und die somewheres nennt.

Die ersten, auf Deutsch könnte man sie die Überalls nennen, sind mobil und flexibel, meist gut gebildet, sprechen mehrere Sprachen und haben an unterschiedlichen Orten Erfahrungen gesammelt. Qualifikation und Flexibilität geben ihnen eine starke Verhandlungsmacht am Arbeitsmarkt, sie erzielen hohe Einkommen und können Vermögen aufbauen. Sie schicken ihre Kinder auf gute Schulen und ermöglichen ihnen die bestmögliche Ausbildung. Es sind die Gewinnerinnen und Gewinner von Globalisierung und technologischem Wandel.

Auf der anderen Seite stehen die Hiers: Menschen, die starke lokale Wurzeln haben, die Stabilität und Sicherheit schätzen, die sich stark mit ihrer Heimat identifizieren. Es sind Menschen, die dadurch meist nicht sehr flexibel und mobil sind, eine eher weniger gute Bildung und Ausbildung genossen haben und deren Ambition nicht primär hohe Einkommen und eine berufliche Karriere sind. All das macht sie verletzlich gegenüber wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen. Lebenslanges Lernen und stetige Anpassung werden von ihnen weniger als Chance, sondern eher als Bedrohung verstanden. Diese Menschen können die Chancen von Globalisierung und technologischem Wandel nicht für sich nutzen. Ihre Arbeitsplätze und gesellschaftliche Status geraten dadurch in Gefahr.

Alexander Gauland macht eine ähnliche Unterscheidung zwischen der "globalistischen Klasse" – bei ihm klingt das wie eine Beleidigung – und den "Heimatverbundenen" oder "Partikularisten". Er hat aber unrecht mit seiner Behauptung, die "Regionalisten" seien die bürgerliche Mittelschicht und große Mehrheit der Gesellschaft. Denn viele in der Mittelschicht gehören auch zu der Gruppe der Überalls. Und er irrt sich, wenn er meint, diese Polarisierung rechtfertige jedweden Populismus. Nur eine kleine Minderheit von zehn oder 15 Prozent der Wählerinnen und Wähler befürwortet Populismus und wählt die AfD.

Populisten beschränken sich auf drei krude Ansätze

Der größte Fehler der Populisten ist nicht die Beschreibung der Polarisierung. Es ist die Tatsache, dass sie keine wirklichen Lösungen anbieten, sondern sich auf drei krude Ansätze beschränken. Sie glauben, dass

  • sich Polarisierung mit noch mehr Polarisierung bekämpfen lässt. Sie machen Geflüchtete, Eliten oder Europa zu Sündenböcken für das eigene Schicksal. Die Zuwanderung von Geflüchteten seit 2015 spielt aber keine materielle Rolle für die seit Jahrzehnten fortschreitende wirtschaftliche und soziale Polarisierung. Geflüchtete stellen keine Gefahr für Jobs, Löhne, Werte oder Identität in Deutschland dar. Sie sind eine Minderheit, die kaum eine Stimme hat. Europa ist genauso wenig an der Polarisierung schuld. Es ist bequem, Italien oder Frankreich zu beschuldigen, Deutschland über den Tisch ziehen zu wollen. Tatsächlich ist Deutschland einer der größten Gewinner der europäischen Integration.
  • dass Abschottung und Nationalismus die richtige Antwort sind. Auch diese werden nicht dabei helfen, die Herausforderungen für die "Regionalen" zu lösen. Weder Globalisierung noch der technologische Wandel können an der Grenze gestoppt werden. Mehr Protektionismus und Hürden für Handel, Kapitalverkehr und Investitionen würden lediglich bedeuten, dass der Wohlstand in Deutschland abnimmt, Jobs verloren gehen und die Polarisierung zunimmt.
  • dass eine stärkere Umverteilung von den Überalls zu den Hiers die Polarisierung mindert. Es ist sicherlich notwendig, den deutschen Sozialstaat so zu reformieren, dass er den schwächeren Menschen wieder mehr dient. Aber diese Option allein wird die gesellschaftliche Polarisierung nicht beheben können, auch wenn – meist linke – Populisten das hoffen. Zumal Deutschland im internationalen Vergleich einen immer noch starken und effizienten Sozialstaat hat. Ein bedingungsloses Grundeinkommen oder eine Verdoppelung der Sozialleistungen würde helfen, die Ungleichheit in Chancen und Wohlstand zu vergrößern und eben nicht zu reduzieren.

Die einzige Lösung, um der Polarisierung entgegenzuwirken, ist, Globalisierung und technologischen Wandel aktiv zu gestalten und deutlich mehr Menschen teilhaben zu lassen. Das erfordert weniger, als viele glauben. Das wichtigste Element ist, die soziale Marktwirtschaft zu stärken. Sie wird zu häufig und immer stärker missbraucht, von Menschen und multinationalen Unternehmen, die Steuern vermeiden, Regeln biegen und einen immer größeren Teil der wirtschaftlichen Leistung für sich, und nicht für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, beanspruchen.

Eine soziale Marktwirtschaft erfordert ein besseres Bildungs- und Ausbildungssystem, eine wirkliche Chancengleichheit, in der die Lebenschancen eben nicht von der eigenen Herkunft abhängen. Menschen brauchen Unterstützung, die diese nicht von ihrer Familie erhalten oder aus eigener Kraft aufbringen können.

Und es erfordert wirklich gleichwertige Lebensbedingungen überall in Deutschland, nicht nur in den großen Städten und strukturstarken Regionen. Es muss möglich sein, gleichzeitig ein Überall mit guter Bildung, Ausbildung und beruflichen Chancen und ein Regionaler zu sein — also eine gute Ausbildung und berufliche Chancen zu erhalten, mobil und flexibel zu sein, aber auch stark regional verwurzelt zu leben. Genau das ist die Definition einer sozialen Marktwirtschaft, die diesen Namen verdient.