Es ist nicht selbstverständlich, dass man in Zeiten des Abgasskandals und drohender Fahrverbote noch ein Milliardengeschäft mit Autos machen kann. Auto1 hat es geschafft. Das Berliner Unternehmen kauft und verkauft europaweit Gebrauchtwagen, die es zuvor von Werkstätten bewerten lässt. Ein unglamouröses Geschäft.

Trotzdem hat es Auto1 in nur sechs Jahren zu einem Status gebracht, der für Gründerinnen und Gründer weltweit wie eine Verheißung klingt: Auto1 ist ein Einhorn. Ein Unternehmen, dessen Wert Investoren auf mehr als eine Milliarde Dollar schätzen. Die Firmen sind nicht an der Börse notiert und auch nicht von anderen Unternehmen aufgekauft worden. Ihre Existenz ist so selten, dass die Start-up-Szene sie mit den sagenumwobenen Fabelwesen vergleicht. 

Erstmals sprach die US-Investorin Aileen Lee im Jahr 2013 von Einhörnern in der Wirtschaft. Damals waren sie noch viel rarer als heute, 39 gab es weltweit. Sie übten eine geradezu magische Anziehungskraft auf Investoren und Investorinnen aus. Nur fünf Jahre später existieren heute weltweit etwa 270 Einhörner, schätzt das Analyseinstitut CB Insights. Allein im Vergleich zu 2016 hat sich ihre Zahl fast verdoppelt.

Eine kleine Gruppe tummelt sich inzwischen auch in Deutschland, angeführt von Auto1. Das Unternehmen kennt kaum jemand, höchstens sein Internetportal wirkaufendeinauto.de. Zuletzt wurde eine größere Öffentlichkeit auf die Firma aufmerksam, weil Dutzende Autohändler gegen sie klagten. Sie fühlen sich durch zu hohe Bewertungen für die Fahrzeuge getäuscht. Trotzdem läuft das Geschäft weiter gut, über das Portal Auto1 werden täglich etwa 3.000 Autos verkauft, also rund eine Million Fahrzeuge pro Jahr. Die Gründer des Unternehmens lernten ihr Handwerk zuvor bei anderen Digital-Start-ups. Hakan Koç kommt vom Inkubator Rocket Internet und Christian Bertermann arbeitete zuvor beim Rabattportal Groupon.

Wie misst man, wer ein Einhorn ist?

Auto1 hat es geschafft, das Gebrauchtwagengeschäft radikal umzuwälzen und im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro zu erwirtschaften. Analysten erklären diese Entwicklung mit einer Formel, die für viele Aufsteiger aus der Tech-Branche gilt: Effizienz durch Technik. Auto1 hat einen äußerst zersplitterten Markt neu aufgerollt. Es bündelt auf seiner Plattform nicht nur das Anzeigengeschäft für den Verkauf der Autos, sondern wickelt den gesamten Ankauf, die Bewertung und den Weiterverkauf selbst ab. Auf diese Weise kommt Auto1 auf höhere Margen, als sie in der Branche üblich sind.   

Wie aber misst man, welches Unternehmen als Einhorn gilt? Schließlich werden die Firmen nicht an der Börse gehandelt – dann könnte man aus dem Aktienkurs und der Zahl der Aktien eine Bewertung errechnen. Bei den Einhörnern muss man sich auf Firmeninformationen und die Bekanntgaben von Investoren oder Analysten verlassen. Auto1 beispielsweise benötigt viel Kapital, um den Aufkauf der Gebrauchtwagen zu finanzieren. Im Januar investierte der japanische Technologiekonzern Softbank fast eine halbe Milliarde Euro in die Firma. Im Gegenzug erhalten die Anleger Firmenanteile. Rechnet man all diese Investments zusammen, kommt man in etwa auf den Marktwert. Auto1 wird seit dem Investment aus Japan mit knapp drei Milliarden Euro bewertet.

Über Einhörner weiß man nicht sehr viel, weil sie die Öffentlichkeit scheuen. Wären sie an der Börse gelistet, dann müssten sie wichtige Finanzdaten preisgeben und zahlreiche Regularien einhalten. Daher warten viele der Start-ups recht lange mit dem Börsengang, um weiteres Kapital einzusammeln; Investorinnen und Kapital finden schließlich auch auf anderen Wegen zu ihnen. Firmen wagen heute viel später den Börsengang, durchschnittlich warten sie inzwischen elf Jahre statt wie früher vier Jahre. So steigt die Zahl der Einhörner stetig.

Der Onlinehändler Zalando, der einst zu den deutschen Einhörnern zählte, brachte es etwa bei seinem Börsendebüt im Oktober 2014 schon auf eine Bewertung von mehr als fünfeinhalb Milliarden Euro. Manche Unternehmen scheuen zudem den Börsengang, weil er sich für andere Firmen nicht ausgezahlt hat, sondern im Nachhinein viel Geld vernichtet wurde. Abschreckende Beispiele sind etwa Twitter und Snapchat. Viele Einhörner warten dann lieber darauf, dass sie von einem Mitbewerber aufgekauft werden.