Als Sam Tsemev entschied, dass ihr Kind Quinn in ihre eigene Kita gehen soll, war Quinn noch gar nicht geboren. Tsemev ist selbst Erzieherin, sie hat gesehen, was in Kitas falsch laufen kann, und wollte es besser machen. An einem Dienstag im September sitzt die Mutter mit einer Tasse Kaffee im Ruheraum ihrer Kita in Berlin-Treptow. Quinn, inzwischen vier Jahre alt, tobt durch die Zimmer. Sie haben es geschafft. Sie haben eine eigene Kita gegründet, mit Plätzen für 18 Kinder.

300.000 Kitaplätze fehlen laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Deutschland. Besonders in Großstädten wie Berlin ist die Lage angespannt: Etwa 3.000 Kinder warten hier im aktuellen Kitajahr noch auf einen Betreuungsplatz. Immer mehr Eltern versuchen sich deshalb selbst zu helfen, indem sie eine eigene Kita eröffnen. 581 elterninitiativ geführte Kitas gab es 2017 in der Hauptstadt, 57 mehr als im Jahr 2009. Aber was viele Neugründerinnen und -gründer anfangs nicht erwarten: wie lange das dauern kann. Und wie kompliziert es manchmal wird.

Heute ist die Kita von Sam Tsemev eigentlich geschlossen. Alle vier Erzieher sind krank. "Schockstarre", sagt die Mutter, aber zum Glück helfen die Eltern sich gegenseitig und übernehmen ein paar Schichten. Sie betreuen die Kinder in ihren Kitaräumen selbst. So ist das in einer Elterninitiative: Man hat viele Freiräume und Mitbestimmungsrechte, aber auch Pflichten. Ohne den Einsatz der Eltern funktioniert es nicht.

Das war bei Sam Tsemev von Anfang an so. Schon 2014, als die Erzieherin ihre Mitstreiter suchte. Sechs Familien gründeten schließlich einen Verein, der zum Träger der Kita wurde. Sie entwickelten in wöchentlichen Treffen ihr pädagogisches Konzept. Eine gendergerechte Kita sollte es werden, in der keine Geschlechterklischees reproduziert würden. Alle waren voller Ideen und Vorfreude. Doch dann kamen die Probleme.

Erst fanden sie keine passenden Räume. Als endlich ein Objekt gefunden war, verlangte das Bauamt einen separaten Eingang, damit die Kinder im Treppenhaus niemanden stören. Doch der neue Eingang verkleinerte einen der geplanten Spielräume – dadurch gingen zwei Kitaplätze verloren, denn pro Kind sind mindestens drei Quadratmeter Spielfläche vorgeschrieben.

"Ein bisschen verrückt muss man schon sein"

Überhaupt die Vorschriften. Im Dokument des Bauamts stehen Anforderungen wie: Jeder Handtuchhaken der Kinder muss 15 Zentimeter Abstand zum nächsten haben. Die Fenster müssen aus Sicherheitsglas sein oder mit Splitterschutzfolie beklebt werden. Der Schall darf maximal 0,6 bis 0,8 Sekunden nachhallen.

Die Eltern haben alles gemeinsam umgebaut: Die Schwiegereltern eines Paares haben eine Sanitärfirma, die sich um das Bad kümmerte. Der Onkel eines Kindes baute die Kletterecke, der Vater eines anderen ist Akustiker und brachte an den Wänden bunte Schallschutzwürfel an. Sie haben 30.000 Euro selbst investiert, der Rest kam vom Land Berlin.

"Ein bisschen verrückt muss man schon sein, wenn man eine Elterninitiative gründen will", sagt Norbert Bender von der Bundesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen e.V. (Bage). Bei ihm suchen viele Eltern Rat, bevor sie loslegen. Die Bage hat einen Gründungsleitfaden herausgegeben, eine knapp 50-seitige Broschüre, mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung, mit Links zu Bundes- und Ländergesetzen und einem Kapitel Stolpersteine, Hindernisrennen und andere Katastrophen. Das Vorwort endet mit dem Satz: "Wir wünschen Ihnen viel Durchhaltevermögen, Mut zum Unkonventionellen (…) und eine Prise Wahnsinn."

Aber es kann klappen. Im Fall von Sam Tsenev dauerte die Gründung zweieinhalb Jahre, Bender erzählt aber auch von einer Initiative in Thüringen: In Rudolfstadt haben Eltern es geschafft, innerhalb von sechs Monaten eine Kita zu eröffnen. "Wie gut oder wie schlecht es läuft, hängt ganz entscheidend von den zuständigen Mitarbeitern in den Jugendämtern ab", sagt Bender.