Gastautor Matthias Westphal forscht zu bildungs- und gesundheitsökonomischen Fragen am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI). Leonard Goebel ist Referent für wirtschaftspolitische Kommunikation am RWI.

Mehr Kindergeld und weniger Steuern zahlen – das Familienentlastungsgesetz ist die jüngste von vielen Maßnahmen, die die Politik in den letzten Jahren zur Unterstützung von Müttern und Vätern ergriffen hat. Auch wenn es selten so klar ausgesprochen wird: Zu den Zielen der Familienpolitik gehört eben auch die Erhöhung der Geburtenrate. Wenn unser Sozialsystem langfristig funktionieren soll, sind wir darauf angewiesen, dass wieder mehr Kinder geboren werden.

Erfreulicherweise hat sich der lange negative Trend in dieser Beziehung zuletzt etwas umgekehrt. Die Zahl der Neugeborenen ist von 663.000 im Jahr 2011 auf 785.000 im vergangenen Jahr gestiegen. Aus einer längerfristigen Perspektive ist dies jedoch immer noch ein eher geringer Wert: Zwischen 1950 und 1971 lag die Zahl der Neugeborenen in Deutschland stets bei über einer Million, im Rekordjahr 1964 kamen knapp 1,36 Millionen Babys zur Welt.

Auffällig ist vor allem, dass Akademikerinnen nach wie vor weniger Kinder bekommen als andere Frauen. Nach unseren Berechnungen liegt die durchschnittliche Kinderzahl von Frauen mit Hochschulabschluss, die zwischen 1956 und 1986 geboren wurden, bei 1,52. Bei Frauen gleichen Alters ohne Hochschulabschluss liegt sie bei 1,69. Diese sogenannte Geburtenlücke ist grundsätzlich seit Langem bekannt.

Veränderte Karriereperspektiven

Allerdings war bislang nicht klar, was die Gründe dafür sind. Wünschen sich Frauen mit höherer Bildung prinzipiell genauso häufig Kinder wie andere, werden aber durch Studium und Karriere davon abgehalten? Oder ist der Anteil derer, die Kinder haben möchten, unter Akademikerinnen von Anfang an geringer als unter anderen Frauen – beispielsweise, weil sie anders sozialisiert sind?

In der RWI-Studie konnten wir erstmalig zeigen, dass Hochschulabschlüsse tatsächlich unmittelbar zu niedrigeren Geburtenraten führen. Unter ansonsten gleichen Bedingungen reduziert der Uniabschluss die Wahrscheinlichkeit, Mutter zu werden, um rund ein Viertel. Um diese kausale Wirkung zu belegen, haben wir Daten zum Hochschulausbau in Deutschland in unsere Analyse miteinbezogen und die Geburtenraten vor und nach einer Hochschulöffnung in einer bestimmten Region miteinander verglichen. Dadurch kann die Geburtenlücke allein auf das Studium und die dadurch veränderten Karriereperspektiven zurückgeführt werden.

Für die Politik ist das eine gute, aber unbequeme Nachricht. Denn sie legt nahe, dass studierte Frauen nicht grundsätzlich weniger Kinder bekommen möchten, sondern sich aufgrund der Rahmenbedingungen irgendwann gegen Kinder – und das bedeutet wohl häufig: für die Karriere – entscheiden. Offenbar gibt es also noch immer erhebliche Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das belegen nicht zuletzt unsere Berechnungen, wonach Mütter mit Hochschulabschluss weniger arbeiten und weniger verdienen als ihre kinderlosen Kolleginnen.

Um die Geburtenlücke zu bekämpfen, reicht eine finanzielle Entlastung von Familien daher nicht aus. Stattdessen muss die Kinderbetreuung weiter verbessert werden. Insbesondere müssen Kitas und Schulen so gestaltet sein, dass Mütter und Väter Vollzeit arbeiten können, wenn sie das wollen. Angesichts der demografischen Entwicklung können wir es uns als Gesellschaft nicht leisten, dass gut ausgebildete Eltern nur Teilzeit arbeiten, weil die Ganztagsbetreuung der Schule um 15.30 Uhr endet oder weil sich die Betriebsferien des Kindergartens nicht mit denen der Kita decken.