Peter Saalfrank ist Hauptgeschäftsführer der IHK Schwaben im Südwesten Bayerns, einem Bezirk mit 140.000 Unternehmen. Seit dem Jahr 2015 hat die IHK ein intensives Programm aufgelegt, das Geflüchtete in Ausbildung bringen soll. 1.235 Ausbildungsverträge sind seitdem von der IHK an Flüchtlinge vermittelt worden, weitere 600 Flüchtlinge haben am freien Markt eine Ausbildungsstelle gefunden.

ZEIT ONLINE: Herr Saalfrank, die Bundesregierung hat sich entschieden, geflüchteten Menschen in Ausbildung oder fester Anstellung einen "verlässlichen Status" in Deutschland zu gewähren, auch wenn ihr Asylantrag abgelehnt worden ist. Der sogenannte Spurwechsel vom Asylrecht in das Einwanderungsrecht kommt jedoch nicht. Was halten Sie davon?

Peter Saalfrank: Wir hätten es begrüßt, wenn es diesen Spurwechsel gegeben hätte. Es wäre eine Möglichkeit, unsere Probleme einfacher zu lösen. Wir arbeiten seit mehreren Jahren mit Flüchtlingen in der Ausbildung und dies hätte ihre Integration in den Arbeitsmarkt sicherlich erleichtert. Wer drei Jahre lang in einem Betrieb gelernt hat, wird gut entwickelt und den kennen die Unternehmen sehr genau, auch charakterlich und menschlich. Die Argumente gegen den Spurwechsel sind fomaler Art.

ZEIT ONLINE: Wie läuft es bisher mit den Flüchtlingen, denen Sie eine Ausbildung vermitteln konnten?

Saalfrank: Wir haben seit dem Jahr 2015 mehr als 1.200 junge Flüchtlinge in Ausbildungsberufe vermittelt, 600 haben am freien Markt eine Ausbildungsstelle gefunden. Das sind immerhin fast acht Prozent aller in unserem Bezirk abgeschlossenen Ausbildungsverträge in dieser Zeit. Zunächst waren die meisten Betriebe auch sehr glücklich. Dann häuften sich die Probleme mit den jeweiligen Ausländerbehörden. Mal wurde die Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert oder die Duldung immer nur für ein halbes Jahr gewährt, obwohl ein Ausbildungsverhältnis bestand. Teilweise forderten die Behörden unsere Auszubildenden auch zur Ausreise auf. Wir tragen hier einen Kampf um jeden Einzelnen aus.

ZEIT ONLINE: Abgelehnte Asylbewerber dürfen bisher eine Ausbildung über drei Jahre absolvieren und können danach zunächst für zwei Jahre im Beruf und damit auch in Deutschland bleiben. Wie funktioniert diese sogenannte 3-plus-2-Regelung bei Ihnen?

Saalfrank: Das bisherige Konzept funktioniert bisher nicht einheitlich. Der Aufwand für die Unternehmen und uns als IHK ist enorm, um dies bei den Behörden durchzusetzen. Nur in den seltensten Fällen wird das wie vorgesehen praktiziert, oft werden beispielsweise Aufenthaltsgenehmigungen kürzer ausgestellt, als sie es sein müssten. Den Betrieben und den jungen Menschen fehlt dadurch Planungssicherheit. Schließlich investieren die Unternehmen einiges Geld in die Ausbildung dieser jungen Flüchtlinge. Die Unsicherheit für alle hier war in den letzten Jahren sehr bedrückend.

ZEIT ONLINE: In der deutschen Wirtschaft haben sich viele gefreut, als Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Man sah darin eine Lösung für den Fachkräftemangel. Inzwischen gibt es auch Ernüchterung. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Saalfrank: Wir haben schon 2014 gesehen, dass das Problem des Fachkräftemangels mit großer Wucht auf uns zukommt. Unsere 140.000 Unternehmen aus dem Bezirk Schwaben sind besonders stark in den Bereichen Industrie, Logistik und Tourismus verankert. Noch vor der großen Zuwanderung haben wir entschieden, uns stärker auf Flüchtlinge und Migranten zu konzentrieren. Wir haben dafür ein eigenes Team gebildet. Geholfen hat uns auch, dass es in Bayern eigene Integrationsklassen an den Berufsschulen für junge Flüchtlinge gibt. Unsere IHK-Mitarbeiter sind dann in jede dieser Klassen im Bezirk gegangen und haben dort die Leute persönlich kennengelernt.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Ihre Mitarbeiter schauen sich an, wer in welches Unternehmen passen könnte?

Saalfrank: Genau. Die Berufsschullehrer und Sozialpädagogen haben uns beraten, welche Talente die jungen Leute mitbringen, und wir haben sie dann ganz zielgerichtet mit den Unternehmen zusammengebracht. Die hohen Zahlen an vermittelten Ausbildungen waren also kein Zufall.

ZEIT ONLINE: Es heißt häufig, dass Flüchtlinge in einer Ausbildung an der Sprache oder kulturellen Hürden scheiterten. Stimmt das?

Saalfrank: Wir haben ein eigenes Nachhilfeprogramm geschaffen und dafür eine Million Euro über drei Jahre in unseren Haushalt aufgenommen. Da geht es um die Sprache, interkulturelles Leben und Arbeiten, fachliche Fragen und Vorbereitung auf Prüfungen. Das ist ein sehr umfangreiches Programm und auch genauso notwendig. Ich verstehe allerdings nicht, warum andere Bezirke in Bayern das unterlassen. Schließlich ist die Integration das Wichtigste für die jungen Menschen und genauso für die Unternehmen. Wir sind mit diesem Konzept bisher alleine.