Manche der Skandale, die in den vergangenen Jahren ans Licht kamen, könnten direkt aus der Welt von Charles Dickens und der viktorianischen Arbeitshäuser stammen. Der Sportwarenhändler Sports Direct zum Beispiel zahlte seinen Angestellten weniger als den Mindestlohn und überwachte sie obsessiv: Eine zu lange Toilettenpause konnte sanktioniert werden; wer zu langsam durch die Gänge ging, wurde via Lautsprecher zurechtgewiesen; und jeden Tag nach der Arbeit wurden die Angestellten gefilzt. Eine parlamentarische Untersuchung kam 2016 zum Schluss, dass das Unternehmen seine Arbeitnehmer nicht wie menschliche Wesen behandelt habe. Ein ähnlicher Kontrollwahn herrscht in den Warenhäusern von Amazon und in den über 6.000 Callcentern im Land.

Dass die Arbeitnehmer angesichts solcher Zustände nicht ständig auf den Barrikaden stehen, hat auch mit dem Niedergang der Gewerkschaftsbewegung seit den 1980er-Jahren zu tun. In den vergangenen 40 Jahren hat sich die Zahl der Mitglieder auf rund sechs Millionen halbiert. Der öffentliche Sektor hat viele Dienstleistungen an private Unternehmen ausgelagert, was es ebenfalls erschwert, sich am Arbeitsplatz zu organisieren. Und in der Gig Economy, wo jeder auf sich allein gestellt ist, ist der Kontakt mit Kollegen sowieso praktisch ausgeschlossen.

Seit ein paar Monaten aber fordern immer mehr prekär Beschäftigte eine angemessene Bezahlung und umfassende Rechte am Arbeitsplatz. Vergangene Woche beispielsweise beteiligten sich Angestellte in der britischen Gastronomie an einem international koordinierten Arbeitsausstand: Kuriere von Uber Eats, die Mahlzeiten per Fahrrad von Restaurants zu ihren Kunden transportieren, Kellner der Pubkette JD Weatherspoon sowie Angestellte der Fastfoodketten McDonald’s und TGI Fridays legten die Arbeit nieder, um gegen ihre miserablen Löhne zu protestieren.  

Kleine Gewerkschaften führend

Auch die Radfahrer des Essenlieferers Deliveroo beteiligten sich am Streik. Im Juni hatten 50 Kuriere der Plattform bereits einen Erfolg erzielt: Ein Gericht verurteilte Deliveroo dazu, ihnen eine sechsstellige Summe zu zahlen, weil ihnen grundlegende Rechte wie Mindestlohn und Feriengeld vorenthalten worden waren. Kuriere von Hermes hatten kurz zuvor das Recht gewonnen, als Angestellte eingestuft zu werden, nicht als selbständige Unternehmer.

Federführend bei solchen Disputen sind nicht die großen, traditionsreichen Gewerkschaften, sondern kleinere Organisationen wie die Independent Workers of Great Britain (IWGB). Ihr Präsident Henry Chango Lopez, der vor 18 Jahren aus Ecuador nach Großbritannien kam, arbeitete als Portier bei der University of London. Weil er und seine Kollegen sich von ihrer Gewerkschaft nicht gut repräsentiert fühlten, gründeten sie die IWGB.

Heute zählt die kleine Gewerkschaft 2.500 Mitglieder und vertritt nebst Putz- und Sicherheitspersonal, das bei ausgelagerten Dienstleistern angestellt ist, auch Taxifahrer, Kuriere und Kinderpfleger. Die UPHD, die den Uber-Streik vom Dienstag organisiert hat, hat sich der IWGB ebenfalls angeschlossen. Die Reinigungsleute der University of London erreichten mithilfe der kleinen Gewerkschaft, dass ihnen der Arbeitgeber jetzt Kranken- und Feriengeld sowie eine Pension bezahlt.

Solche Kampagnen haben das Selbstbewusstsein der Angestellten am unteren Ende der Lohnpyramide gestärkt. Und immer häufiger koordinieren die Streikenden verschiedener Branchen ihre Aktionen, insbesondere in der Gig Economy. So bauen sie nach und nach eine kollektive Kraft auf. Der Druck auf die digitalen Plattformen steigt