Bisher schien die Sache klar: Auf der einen Seite stehen Recht und Rendite, auf der anderen die Moral, die man sich nicht leisten will. Der Energiekonzern RWE hatte darauf bestanden, dass er ab dem 15. Oktober das Recht habe, den Hambacher Wald abzuholzen, um an die darunterliegende Braunkohle zu kommen. Deswegen hatte die Landesregierung begonnen, mit einem riesigen Polizeiaufgebot den Wald zu räumen. Die Umweltbewegung hatte immer dagegengehalten, dass dieser Kohleabbau moralisch unverantwortlich sei, er nicht nur den Klimawandel beschleunige, sondern auch noch einen ganz besonders schützenswerten Wald zerstören werde. 

Kohle gegen Natur. Billige Energie gegen Klimaschutz. Kurzfristiges Gewinnstreben gegen das langfristige Überleben der Menschheit. In Hambach kann man wie im Brennglas den klassischen Konflikt der modernen Industriegesellschaften beobachten. Beim Atomausstieg waren es die Proteste in Wackersdorf, beim Kohleausstieg ist es der Hambacher Forst. Wie so oft in solchen Fällen, schien auch hier das Ende klar: Die größere Macht lag auf der Seite der Wirtschaft oder im konkreten Fall: bei RWE. Auch weil die Politik, allen voran die Landesregierung, eine Koalition aus CDU und FDP, sich eindeutig auf die Seite des Konzerns gestellt hatten. Klimaschutz spielte dabei keine Rolle.

Seit heute ist jedoch alles anders. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat einen vorläufigen Rodungsstopp verhängt und dafür gesorgt, dass der Konzern vorerst keine Bäume fällen darf. Es muss geklärt werden, ob es sich bei dem Wald um einen besonders schützenswerten Naturraum handelt. Durch das Urteil ist eine völlig neue Situation eingetreten. Die Macht liegt jetzt auf der anderen Seite.

Die Landesregierung ist der Verlierer

Das Urteil ist ein großer Sieg für die Umweltbewegung. Bereits jetzt. Selbst wenn der Wald damit noch nicht endgültig gerettet ist, kann nun in Ruhe in einem anderen Verfahren entschieden werde, ob er nicht längst als besonders schützenswertes Biotop gerettet werden muss.

Verlierer sind eine Landesregierung, die ganz offensichtlich auf einer noch nicht existierenden Rechtsgrundlage Menschen den Zugang zum Wald verwehrte und RWE die Rodung hat vorbereiten lassen, und ein Konzern, der möglichst schnell noch möglichst viele Fakten schaffen wollte  – bevor in Berlin wie geplant Ende des Jahres der Einstieg in den Kohleausstieg beschlossen wird. 

Der vorläufige Rodungsstopp sorgt für Zeit und damit für neue Spielräume, in denen der letzte große energiepolitische Streit der Bundesrepublik, der Ausstieg aus der Kohle, nun endlich gut und im breiten gesellschaftlichen Konsens geregelt werden kann. Dieser Konsens könnte so entstehen: Weil RWE nun erst einmal nicht roden darf, kann die Kohlekommission in Berlin in Ruhe beraten. Diese Kommission wiederum, die von der Bundesregierung eingesetzt ist, könnte, wenn es gut läuft, einen Kohleausstieg beschließen. Und der wiederum hätte sicher auch Auswirkungen auf den Braunkohleabbau in Nordrhein-Westfalen, er würde dafür sorgen, dass RWE nicht mehr alle Kohle fördert, die noch unter der Erde liegt.

Und der Wald? Die Expertinnen und Experten von RWE haben immer wieder behauptet, dass auch ein Berliner Kohleausstiegsplan den Hambacher Forst nicht wird retten können. Aber RWE hat bisher auch suggeriert, dass der Wald im Oktober 2018 gerodet werden darf. Und das ist eindeutig nicht der Fall. Warum also sollte nicht auch ein Kohleausstieg möglich sein, der den Hambacher Forst rettet? Am morgigen Samstag werden sich das beim Waldspaziergang viele Leute fragen.