Angesichts wachsender Risiken erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) für dieses und für nächstes Jahr ein globales Wirtschaftswachstum von 3,7 Prozent – und damit 0,2 Prozentpunkte weniger als noch zuvor. Dies geht aus der aktuellen Prognose der UN-Sonderorganisation hervor.

"Die Wahrscheinlichkeit weiterer negativer Schocks für unsere Wachstumsvorhersage ist gestiegen", sagte IWF-Chefökonom Maurice Obstfeld bei der Vorstellung des Weltwirtschaftsberichtes im indonesischen Nusa Dua. Auf der Wirtschaft lasteten vor allem die Handelskonflikte, insbesondere der zwischen den beiden weltweit größten Volkswirtschaften USA und China. Dazu kämen alte und immer neue Unsicherheiten wie der Brexit. "Das Wachstum wird von nicht nachhaltigen politischen Maßnahmen getrieben", sagte Obstfeld.

Den IWF-Ökonomen nach beeinflussen diese Faktoren auch die Wirtschaft einzelner Staaten und einiger Handelszonen. So werde die derzeit positive Situation in den Vereinigten Staaten wieder zurückgehen. Auch für die Eurozone wurde die Voraussage im Vergleich zum April dieses Jahres um 0,1 Punkte nach unten korrigiert. In Entwicklungs- und Schwellenländern sieht der IWF sogar eine Verlangsamung um 0,2 Punkte im laufenden und 0,4 Punkte im nächsten Jahr. 

Abkühlendes Exportgeschäft für Deutschland

Für die Bundesrepublik sagt der IWF ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,6 Prozent sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr voraus. Im Vergleich zur Prognose vom April ist das ein Rückgang um 0,6 Prozentpunkte. Gründe dafür sind dem Währungsfonds zufolge ein sich abkühlendes Exportgeschäft und eine schwächere Industrieproduktion.

Angesichts wachsender internationaler Unsicherheit durch Handelskonflikte sowie der schwierigen Suche nach Arbeitskräften hatten Ende September bereits die führenden deutschen Wirtschaftsforscher ihre Konjunkturerwartungen zurückgeschraubt: Sie gehen in ihrer Herbstprognose für 2018 nun von einem Wachstum von 1,7 Prozent aus – 0,5 Punkte weniger als noch im Frühjahr. Für 2019 senkten sie die Prognose von 2,0 auf 1,9 Prozent. Die Bundesregierung will ihre aktuelle Wachstumsprognose an diesem Donnerstag vorstellen.

Türkische Wirtschaft bleibe "höchst anfällig"

Der IWF führt neben den "negativen Effekten" von handelspolitischen Maßnahmen auch die zunehmenden Schwierigkeiten für eine Reihe von Schwellen- und Entwicklungsländern als Gründe an – darunter verschärfte Finanzierungsmöglichkeiten durch teurer werdende Kredite und höhere Ölpreise.

Für die Türkei erwartet der Währungsfonds wegen der schwachen Lira, der gestiegenen Kreditkosten und der ungewissen Entwicklung der dortigen Verbrauchernachfrage für das kommende Jahr einen deutlichen Rückgang des Wachstums auf 0,4 Prozent – 3,6 Prozentpunkte weniger als noch im April. Die türkische Wirtschaft bleibe "höchst anfällig" für geopolitische Risiken oder plötzliche Veränderungen von Kapitalströmen, erklärte der IWF.

Für das von einer Wirtschafts- und Währungskrise betroffene Argentinien sagt der Währungsfonds einen Abschwung um 2,6 Prozent 2018 und 1,6 Prozent im kommenden Jahr voraus. Im Krisenstaat Venezuela steht demnach bereits das fünfte Jahr in Folge ein Rückgang des BIP an: 2018 um 18 Prozent und 2019 um weitere fünf Prozent. Binnen fünf Jahren sank dort das BIP pro Kopf nach IWF-Angaben um mehr als 35 Prozent, bis 2023 könnten es fast 60 Prozent sein.

Ende der Niedrigzinspolitik einkalkuliert

Aber auch für die wirtschaftlich am weitesten entwickelten Industrieländer bestehen dem IWF zufolge Risiken: Die Zentralbanken könnten sich demnach von einer rascheren Abkehr ihrer expansiven Niedrigzinspolitik genötigt sehen und die geldpolitischen Zügel anziehen müssen, falls sich Handelskonflikte oder politische Unsicherheiten weiter zuspitzten – oder etwa in den USA eine höher als erwartet ausfallende Inflation eine Gegenreaktion erforderlich mache.

Dies wiederum könne dann zu Turbulenzen an den Finanzmärkten und zu Wechselkursentwicklungen führen, die für die Schwellenländer einen weiteren Kapitalabzug bedeuteten. Nötig seien deshalb Reformen, "kooperative Lösungen" und die Vermeidung von protektionistischen Reaktionen, erklärte der IWF. In vielen Ländern sei es zudem erforderlich, Finanzpuffer zu schaffen und so die eigene Widerstandsfähigkeit gegenüber einem Umfeld zu schaffen, in dem sich die finanziellen Bedingungen "plötzlich" verschärfen könnten.