Seit zwei Wochen ist der regierungskritische Journalist Jamal Khashoggi verschwunden – und Donald Trump hält sich noch immer mit deutlichen Äußerungen zurück. Bei einem Auftritt in der Sendung 60 Minutes machte der Präsident aus den Gründen für seine verhaltene Reaktion im Fall von Khashoggi keinen Hehl. Angesprochen auf den Verdacht, die saudische Regierung stecke hinter dem Verschwinden des Journalisten, antwortete Trump, der Fall müsse zwar untersucht werden und Saudi-Arabien gegebenenfalls mit "harten Strafen" rechnen. Er wolle aber, so Trump überraschend offen, nicht riskieren, mit einem "übereilten" Vorgehen die bevorstehenden Waffenverkäufe an Saudi-Arabien zu gefährden. "Ich will nicht, dass am Ende deshalb Arbeitsplätze verloren gehen", erklärte der Präsident in dem Interview.

Auf öffentlichen Druck hin kündigte Trump zwar nur einen Tag später an, "umgehend" seinen Außenminister nach Saudi-Arabien zu schicken, damit Mike Pompeo sich dort persönlich mit dem König treffen könne. Zugleich stellte der Präsident aber klar: Er habe mit der saudischen Regierung gesprochen, die eine Verantwortung in dem Fall "aufs Deutlichste" zurückweise. Vielleicht, so Trump, steckten hinter dem Tod Khashoggis "Killer", die alleine gehandelt hätten. Als US-Medien wenig später berichteten, die Regierung in Saudi-Arabien könne möglicherweise schon bald einräumen, dass der Tod von Khashoggi Folge eines "fehlgeschlagenen Verhörs" sei, blieb Trump stumm.

Und der Präsident ist bei Weitem nicht der Einzige in den USA, der in den vergangenen zwei Wochen verhalten reagiert hat. Auch die Finanzbosse an der Wall Street und die Technologiefirmen im Silicon Valley haben lange geschwiegen und Anfragen von Journalisten weitgehend ignoriert – während der britische Virgin-Chef Richard Branson bereits vergangene Woche eine künftige Zusammenarbeit mit der Regierung in Riad ausschloss, sollte sich der Verdacht bestätigen, dass Saudi-Arabien für den möglichen Tod von Khashoggi verantwortlich ist. Die amerikanische Zurückhaltung hat seinen Grund: Die US-Wirtschaft ist seit Jahrzehnten eng mit dem Königreich verbunden. Zu offene Kritik an dem Regime könnte das Verhältnis, das Milliarden von Dollar wert ist, gefährden.

Das Königreich investiert in das Silicon Valley

Hinter Kanada ist Saudi-Arabien der größte Öllieferant der Amerikaner – mit den Sanktionen gegen den Iran dürfte die Stellung des Königreichs noch einmal zunehmen. Zudem exportiert das Land Produkte wie Chemikalien in die USA und hält US-Staatsanleihen in Höhe von mehr als 166 Milliarden Dollar. Die Verflechtungen gehen aber noch darüber hinaus. Während frühere Generationen des Königshauses im großen Stil in die größten börsengelisteten US-Firmen und Fonds an der Wall Street investierten, konzentriert sich der neue Kronprinz Mohammed bin Salman seit Jahren auf die Technologiefirmen im Silicon Valley. Das Königreich hält Anteile an Firmen wie Apple, Twitter und Uber, auch in den Co-Working-Giganten WeWork und die Kommunikationsplattform Slack hat Riad investiert.

"Saudi-Arabien hat es dank des amerikanischen Öldurstes, Waffengeschäften und Milliardeninvestitionen geschafft, einen Paria-Status zu vermeiden", schreibt der Schriftsteller Anand Giridharadas in einem Beitrag für die New York Times. Dank der guten Geschäfte habe Amerika den wahren Charakter Saudi-Arabiens vergessen. Auf einer dreiwöchigen Roadshow besuchte bin Salman neben Amazon-Gründer Jeff Bezos – der mit der Washington Post die Zeitung besitzt, für die auch Khashoggi schrieb – im vergangenen Jahr auch Oprah Winfrey, Bill Clinton und Bill Gates.

Die künftigen Ambitionen des Prinzen sind gewaltig: Gemeinsam mit dem japanischen Konzern SoftBank steht Saudi-Arabien hinter der SoftBank Vision Fund, einem Investmentfond, der insgesamt 100 Milliarden Dollar in neue Technologien und innovative Firmen stecken will. Gerade erst hat der Fonds 2,25 Milliarden Dollar in die Sparte für autonomes Fahren des Autoherstellers General Motors investiert. Vor wenigen Wochen war die saudische Regierung als wahrscheinlichster Kandidat hinter Teslas Plan gehandelt worden, die Firma zu privatisieren. Schon jetzt hält das Königreich rund fünf Prozent an dem Hersteller von Elektroautos. Das alles hat laut Kritikern Abhängigkeiten auf beiden Seiten geschaffen.

Wie eng die Verknüpfungen zwischen dem Königreich und dem Silicon Valley inzwischen sind, zeigt auch Neom. Das 500 Milliarden Dollar schwere Projekt soll in der Wüste Saudi-Arabiens die Stadt der Zukunft entstehen lassen. Auf der Liste der Berater standen bis zuletzt Dutzende Namen aus dem Silicon Valley, darunter Ex-Uber-Ceo Travis Kalanick, der Investor Marc Andreessen und Dan Doctoroff, Chef der Google-Tochter Sidewalk Labs.

Istanbul - Türkei soll Beweise für Mord an saudischem Journalisten haben Ton- und Videoaufnahmen sollen die Ermordung des Journalisten Dschamal Chaschukdschi belegen. Er hatte das saudische Konsulat besucht und ist seitdem verschwunden. © Foto: Osman Orsal/Reuters