Seit Tagen wurde die Empörung immer größer: Wie kann der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser nur so lange zögern, ob er am Dienstag zu einer Wirtschaftskonferenz nach Saudi-Arabien fahren soll, dem "Davos in der Wüste"? Lange vor ihm hatten schon prominente Wirtschaftsvertreter ihre Teilnahme abgesagt: Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, der Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing, Vorstände von Google und Uber, Medienpartner wie die Financial Times.

Kaesers heute veröffentlichter Brief zeigt vor allem eins: Es ist gut, dass er sich Zeit gelassen hat, für seine Entscheidung, und seine Gründe transparent macht. Es ist eben ein Unterschied, Vorstandsvorsitzender eines Konzerns mit weltweit 370.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sein oder Grünen-Chefin Annalena Baerbock, die sich reflexhaft darüber empört, dass Kaeser nicht sofort seine Teilnahme abgesagt hat.

Als Vorstand muss Kaeser abwägen, in welchen Regionen der Welt und mit welchen Regimen er Geschäfte macht. Aber zugleich trägt er auch Verantwortung für sein Unternehmen, für seine Mitarbeiter, die Investoren und Anleger. Ziemlich freimütig beschreibt Kaeser das in seiner Erklärung: Milliardenschwere Investitionen stehen auf dem Spiel, 2.000 Menschen arbeiten allein für Siemens in Saudi-Arabien, die erst einmal nicht in Verbindung mit dem wahrscheinlichen Auftragsmord stehen, ebenso nicht die 33 Millionen Saudis, die eine Zukunftsperspektive brauchen. 

Kritiker der AfD

Man müsse auch in Krisen in Kontakt bleiben, argumentiert Kaeser. "Wandel durch Wirtschaft", das ist die Idee, die er weiterhin für richtig hält. Sein öffentliches Abwägen, was für und was gegen die Konferenzteilnahme spricht, ist wichtig, denn es ist die nötige Schattierung im ewigen Schwarz-Weiß: Nach Riad zu fahren ist böse, sich zu distanzieren ist gut. Und gerade Kaeser eignet sich eben nicht für eine pauschale Verurteilung. Wie kaum ein anderer deutscher Unternehmensleiter positioniert sich Kaeser politisch. Im Sommer kommentierte er auf Twitter eine Bundestagsrede der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel mit den Worten: "Lieber Kopftuch-Mädel als Bund Deutscher Mädel."

Zum vollständigen Bild gehört allerdings auch, dass Kaeser sich nur kurz nach der russischen Besetzung der Ostukraine 2014 mit Russlands Präsident Wladimir Putin traf, um mit ihm über Geschäfte zu sprechen. Ohne Not hat Kaeser außerdem im Januar noch im echten Davos US-Präsident Donald Trump hofiert und dessen Steuerpolitik gelobt. Auch Kaesers erste Aussage vergangene Woche über den Kashoggi-Fall muss für die Hinterbliebenen ein Affront gewesen sein: "Wenn wir aufhören, mit Ländern zu reden, in denen Menschen vermisst werden, müsste ich zu Hause bleiben, weil ich mit niemandem mehr reden könnte."

In seinem neuen Brief aber schreibt Kaeser, er habe ernsthaft und lange erwogen, doch nach Riad zu reisen. Es wäre – wie er zu Recht argumentiert – die mutigere Entscheidung gewesen. Er hätte vor Ort Transparenz und Gerechtigkeit gefordert, sich mit seinen Mitarbeiterinnen und Geschäftspartnern solidarisiert. 

Am Ende drohte auch ein Imageschaden

Aber welcher Eindruck wäre am Ende geblieben? Die Worte Kaesers wären schnell verhallt, nicht aber die Tatsache, dass er in Riad war. Zumal der Kronprinz und de-facto-Machthaber Mohammed bin Salman die Wirtschaftskonferenz Future Investment Initiative leitet, die Kaeser berät. Bin Salmans direkte Vertraute aber stehen in Verdacht, Jamal Kashoggi umgebracht zu haben. Ein von staatlicher Seite gebilligter, wenn nicht sogar angeordneter Mord: Wie hätte es ausgesehen, wenn als einer der wenigen westlichen Konzerne ausgerechnet Siemens weiter an der Teilnahme festhält? Zu einem Zeitpunkt, zu dem sogar Kanzlerin Angela Merkel sich kritisch über deutsche Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien äußert? 

Das wäre ein immenser Imageschaden gewesen – Kaeser hat das sicherlich auch bedacht. Am Ende hatte er keine Wahl.