Mark Post und seine Forschungsgruppe von der Universität Maastricht stellten 2013 in London den ersten im Labor gezüchteten Burger aus Rinderstammzellen vor. Seitdem reißt die Diskussion über das Für und Wider nicht mehr ab.

Ein Gespräch mit der Philosophin Silvia Woll über die Chancen und Risiken des In-vitro-Fleischs für Mensch, Tier und Umwelt. Das Interview erschien ursprünglich in der Zeitschrift "politische ökologie".

Anke Oxenfarth: Frau Woll, haben Sie schon mal In-vitro-Fleisch probiert?

Silvia Woll: Nein, habe ich noch nicht, da es in Deutschland und der EU noch nicht als Lebensmittel zugelassen wurde. In den USA scheint es aber bald so weit zu sein. Abgesehen von wenigen Testessern hat es noch niemand probiert, und die fanden es wohl etwas zu trocken.

Oxenfarth: Ist die Herstellung von Fleisch in der Petrischale wirklich ressourcenneutraler und klimaverträglicher?

Das Interview ist ein Auszug aus Band 154 der Zeitschrift "politische ökologie", die sich mit einer möglichen Agrarwende befasst. © oekom Verlag

Woll: Es gibt ein paar Lebenszyklus-Studien dazu, die erste von 2011 war recht optimistisch in Bezug auf die Umweltbilanz von In-vitro-Fleisch, weil weniger Wasser und Ressourcen für die Herstellung benötigt werden und der Landverbrauch deutlich reduziert wäre im Vergleich zur konventionellen Fleischproduktion mit lebenden Tieren. Auch der für den Klimawandel wichtige Methangasausstoß wäre deutlich geringer. Eine weitere Studie von 2015 sieht das schon kritischer, beim Rindfleisch könnte es aufgrund des Methangasproblems ganz gut aussehen, bei Schwein und Huhn wäre die Bilanz aber nicht so gut. Natürlich basieren diese Studien noch auf ungefähren Annahmen, das machen sie in ihrem Design auch ganz deutlich. Hinzu kommt, dass auch In-vitro-Fleisch ein Nährmedium braucht und gefüttert werden muss. Wir wissen ja von der herkömmlichen Fleischproduktion, dass man sieben Kalorien in die Kuh reinstecken muss, damit eine Kalorie Fleisch rauskommt, eine extrem ineffiziente Methode. Wie genau die Quote bei In-vitro-Fleisch sein wird, ist derzeit, wie so vieles bei diesem Verfahren, noch unbekannt.

Oxenfarth: Und wie sieht es mit dem Tierleid aus? Der Tierschutzgedanke ist nicht nur für Vegetarier und Veganerinnen ein Argument für die Umstellung der Fleischproduktion.

Woll: Das ist ein schwieriges Thema und auch da weiß man noch nicht genau, wie es am Ende funktioniert. Der ganz große Knackpunkt ist das Kälberserum, das man als Nährmedium zur Fleischherstellung braucht. Es wird gewonnen, indem der Fötus einer schwangeren Kuh abgetrieben wird. Das passiert in der Regel, während sie geschlachtet wird, der Fötus blutet dabei im Mutterleib aus. Das ist sowohl für die Kuh als auch für den Fötus ein unfassbar grauenhafter Prozess. Die Gewinnung des Kälberserums ist aber nicht nur ethisch problematisch, sondern auch auf der Herstellungsebene. Die Zusammensetzung des Serums variiert natürlich stark, das macht es schwierig, Kälberserum in einem industriellen Produktionsprozess einzusetzen. Aus ethischer Sicht ist das aber gut, denn es erhöht den Druck, auf ein anderes Nährmedium umzusteigen. Derzeit wird mit Hochdruck daran geforscht, pflanzliche Alternativen zu finden und das Nährmedium zum Beispiel aus Algen oder Pilzen zu gewinnen.

Trotzdem wird es auch in Zukunft nicht ganz ohne Tiere gehen, denn es werden ja ihre Stammzellen gebraucht. Natürlich lassen sie sich vermehren, aber das ist nur begrenzt möglich. Wir werden also weiter Nutztiere brauchen, denen wir mit einer Muskelbiopsie die Stammzellen entnehmen. Natürlich werden das sehr, sehr viel weniger Tiere als heute sein. Dennoch stellt sich die Frage nach ihrer artgerechten Haltung. Wenn sie alle auf der grünen Wiese herumlaufen und ein glückliches Leben führen, wäre das ja schön. Wenn es aber so läuft, dass sie weiterhin in Großmastbetrieben gehalten und täglich 50-mal angezapft werden, dann haben wir vielleicht quantitativ etwas gewonnen, aber qualitativ nicht unbedingt.

Oxenfarth: Bislang ist die Herstellung von In-vitro-Fleisch noch sehr teuer und geschieht in speziellen Forschungslaboren. Wird es in naher Zukunft Fabriken geben, die Laborfleisch im industriellen Maßstab erzeugen, damit es bezahlbar wird?

Woll: Natürlich haben die Forscher, die an In-vitro-Fleisch arbeiten, ein großes Interesse daran, dass ihre Innovation irgendwann marktreif wird. Die Krux aber ist, dass In-vitro-Fleisch in sogenannten Bioreaktoren hergestellt wird. Das sind Inkubatoren, die wir aus der Medizinforschung kennen, mit denen schon länger menschliches Zellgewebe hergestellt wird. Wenn man mithilfe dieses sogenannten Tissue Engineering ein Stück Leber oder Haut herstellen will, passiert das in sehr kleinem Maßstab. Will man jetzt aber In-vitro-Fleisch produzieren und eine ganze Stadt versorgen, dann müsste das in einem wesentlich größeren Maßstab passieren. Ergo bräuchte man sehr große Bioreaktoren und Inkubatoren. Und große Maschinen sind in der Regel kosten- und stromintensiv. Noch gibt es keine Bioreaktoren in dieser Größe, insofern ist die Frage nicht mit einem klaren Ja zu beantworten, aber ich würde schon davon ausgehen, dass es technisch möglich ist, sie zu bauen.