Wer in Barcelona nach den Flüchtlingen fragt, landet ziemlich schnell bei der Polizei. Im Altstadtkommissariat der katalanischen Mossos d'Esquadra werden die Probleme deutlich, die entstehen, wenn die Zahl der Ankommenden steigt. Der Wartesaal hier war in den vergangenen Wochen mehrfach gesperrt, weil er als Schlafsaal für minderjährige Migranten dienen musste, duschen konnten sie im Fitnessstudio nebenan. Und hinter der Polizeistation, vor der romanischen Klosterkirche Sant Pau, die in Reiseführern als Rarität gepriesen wird, schlägt seit dem Sommer allabendlich eine Gruppe afrikanischer Migrantinnen und Migranten ihr Matratzenlager auf, inklusive mobiler Kochstelle. "Das ist doch kein Zustand", sagt eine Anwohnerin und schüttelt den Kopf.

48.800 Menschen, mehr als die Hälfte aller Bootsflüchtlinge, sind in diesem Jahr über das Mittelmeer nach Spanien eingereist, so viele wie noch nie. Zwar sind insgesamt die absoluten Zahlen deutlich gesunken – im vergangenen Jahr versuchten noch 172.000 Migranten, auf dem Seeweg nach Europa zu reisen, 2015 war es sogar mehr als eine Million. Aber nach der Blockade des Seewegs nach Italien ist Spanien zur wichtigsten Anlaufstelle geworden. Die Regierung in Madrid ist darauf nicht vorbereitet, Verwaltung und NGOs stoßen an ihre Grenzen, auch jenseits der überfüllten andalusischen Auffanglager.

Dabei wollen die meisten Migrantinnen und Migranten – das Gros stammt aus den Ländern südlich der Sahara – gar nicht in Spanien bleiben, sondern weiter nach Frankreich oder Nordeuropa. Kaum einer beantragt Asyl oder einen offiziellen Schutzstatus. Stattdessen unterschreiben sie in Spanien nach der polizeilichen Registrierung eine "Ausreisevereinbarung" und werden an NGOs überwiesen. Die Vereinbarung ist keine Grundlage für eine Abschiebung oder Haft in einem der umstrittenen geschlossenen Internierungslager, kurz CIE (Centros de Internamiento de Extranjeros). "Die Menschen haben sich ja nichts zuschulden kommen lassen", heißt es von der Vertretung der spanischen Regierung in Andalusien.

"Dann macht ihnen die Realität einen Strich durch die Rechnung"

Auch Amadou Diallo ist diesen Weg gegangen. Der 20-jährige Minenarbeiter floh 2017 nach einem Streik aus seinem Heimatland Guinea Richtung Europa. Anfang April zog ihn die spanische Seenotrettung vor Almería aus dem Meer, anschließend kam er für fünf Monate bei einer kirchlichen NGO in Cádiz unter. Die zahlte ihm das Busticket nach Barcelona, damit er sein "persönliches Migrationsprojekt" verwirklichen könne. Diallo überquerte nach mehreren Anläufen die Pyrenäen, lebt seit September im französischen Poitiers. Seinem Traum von einer Ausbildung ist er nicht nähergekommen, nur ab und zu arbeitet er ein bisschen, trotzdem sei er glücklich. "Ich bin erst mal am Ziel, der Rest wird sich ergeben."

Wie viele es tatsächlich nach Frankreich schaffen, weiß niemand genau. Die französische Polizei hat die Kontrollen entlang der spanischen Grenze auf Grundlage der Terrorgesetze verschärft. Im Baskenland, in Irun und Hendaye wird jeder Bus und jede Bahn kontrolliert. Die baskische Sektion von SOS Rassismus beklagt, dass entgegen den offiziellen Protokollen regelmäßig auch Menschen, die sich bereits auf französischem Staatsgebiet befinden, im Bus wieder zurück nach Spanien gebracht werden. Die Rücküberweisungen geschähen auf Grundlage eines französisch-spanischen Abkommens, heißt es von der spanischen Regierung.

Im Schnitt kommen täglich zehn, fünfzehn Menschen an den Grenzort Irun, etwas mehr als 3.400 waren es in diesem Jahr: Kein alarmierender Ansturm, aber genug, um auch hier Bilder von kampierenden Menschen und überforderten Behörden zu produzieren. In Irun hat die Stadt in Herbergen Extrabetten aufgestellt – für die Neuankömmlinge aus dem Süden und für diejenigen, die es erneut versuchen. "Für viele Migranten ist Spanien zunächst Transitland", sagt Josep Maria Bastús von der katalanischen Caritas. "Doch dann macht ihnen die Realität einen Strich durch die Rechnung – und sie bleiben."