Recep Tayyip Erdoğan mag es groß – sehr groß. Prestigeprojekte kommen gut bei der Wählerschaft an, also hat der türkische Präsident sie zu seinem Markenzeichen gemacht. Vor allem Istanbuler staunen über die Bauten um den Bosporus, die unter Erdoğans Führung in den vergangenen 16 Jahren entstanden sind. Da ist die Marmaray, ein Eisenbahntunnel direkt unter der Meerenge, die die europäische und asiatische Seite Istanbuls verbindet. Da ist die Yavuz-Sultan-Selim-Brücke, ein 2.200 Meter langes Bauwerk, das als dritte Brücke den Bosporus überspannt. Nun bereitet sich der türkische Präsident auf seinen nächsten Coup vor.

An diesem Montag wird er den neuen Flughafen im Norden von Istanbul eröffnen. Der 95. Jahrestag der Republikgründung soll auch zu Erdoğans besonderem Feiertag werden. Möglich ist das nur, weil in der Türkei solche Großprojekte mit einer in Deutschland nicht möglichen Rücksichtslosigkeit durchgezogen werden: Arbeiter, Natur, möglicherweise die türkischen Steuerzahler – sie alle zahlen einen Preis für diesen Flughafen, dessen ökonomischer Erfolg noch längst nicht sicher ist.

Bei der Eröffnung will der Präsident den Namen des neuen Flughafens verkünden. Bisher läuft das Megaprojekt nur unter dem Arbeitstitel Istanbul New Airport. Er ist 76,5 Millionen Quadratmeter groß – und damit dreieinhalbmal so groß wie der Flughafen Frankfurt. Nach der Eröffnung soll der Flughafen in Etappen weiter ausgebaut werden und am Ende über sechs Start- und Landebahnen verfügen. Zunächst rechnet man mit 90 Millionen Passagieren – doch die Zahl soll wachsen, sodass Istanbul bald den größten Flughafen der Welt haben könnte. Bisher ist das der im US-amerikanischen Atlanta mit 100 Millionen Reisenden im Jahr.

Wie so oft ist der Preis für Erdoğans Vision von einer "neuen Türkei" hoch. Ein Konsortium aus fünf Baufirmen betreibt den neuen Flughafen. Investiert wurden bisher mehr als zehn Milliarden Euro. Das Konsortium darf den Flughafen 25 Jahre benutzen, dem Staat zahlt es dafür 25 Jahre lang Miete – etwa 22 Milliarden Euro. Nach Medienberichten hat die türkische Regierung aber Sicherheitsgarantien gegenüber dem Konsortium zugesagt. Sollte der Flughafen in den ersten zwölf Jahren weniger Einnahmen erzielen als geplant, würde die Regierung mit etwa 6,3 Milliarden Euro aushelfen. Wird sich der neue Flughafen auszahlen?

Größe ist nicht alles

"Man sollte die Effekte für das Wirtschaftswachstum eines solchen Flughafenbaus auf die Türkei insgesamt nicht überschätzen", sagt Heinrich Frye. Er hat am Fraunhofer-Institut die Abteilung für Luftverkehrslogistik aufgebaut und 20 Jahre lang geleitet. Frye sagt, er wolle die Euphorie nicht bremsen, aber entscheidend für die Frage, ob in Istanbul ein wichtiges Drehkreuz für den Flugverkehr zwischen Europa und Fernost werde, sei nicht allein die Größe.

Bekannt ist, dass die türkische Regierung mit dem Großprojekt dem Standort Istanbul einen ähnlichen Rang wie die Drehkreuze in Dubai, Abu Dhabi und Katar verleihen will. Zunächst werde der neue Flughafen eine Entlastung für Istanbul bringen: Die bisherigen Kapazitäten an den beiden bestehenden Istanbuler Airports (Atatürk und Sabiha Gökçen) seien längst an ihre Grenzen gestoßen. "Der Verkehr wird sich von den beiden alten auf den neuen Flughafen verlagern, aber deshalb nicht unbedingt rasant zunehmen", sagt Frye.

Auf lange Sicht aber könnten sich die Hoffnungen Erdoğans erfüllen, glaubt Frye. Der Flugverkehr habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen und "große Flughäfen haben immer das Problem, dass sie mehr Kapazität benötigen", sagt Frye. Dies sei beispielsweise in Amsterdam zu beobachten, aber auch in München, Hongkong, Dubai oder Doha.

Turkish Airlines ist stark aufgestellt

Auch Frank Fichert, Professor an der Hochschule Worms im Bereich Touristik und Verkehrswesen, hält die Wachstumspläne für erfüllbar. Der Standort Istanbul habe einen Vorteil gegenüber den Drehkreuzen am Persischen Golf: "Ein Drehkreuz lebt davon, dass eine starke Basis an Verbindungen besteht, die es zum direkten Reiseziel haben", erklärt Fichert. Mit Turkish Airlines verfüge Istanbul über eine Fluggesellschaft, die viele direkte Verbindungen auch zu kleineren Flughäfen in Europa anbiete. Die Airlines aus den Emiraten hingegen flögen die zentralen Airports an, weil sie größere Maschinen für die Distanz von Europa bis in den Persischen Golf einsetzen müssten. "Mit Turkish Airlines können Sie aber zum Beispiel von Bremen direkt nach Istanbul fliegen", sagt Fichert.