Was für ein Zufall: An dem Tag, an dem der Weltklimarat IPCC in einem Sonderbericht den schnellen Umbau der Wirtschaft fordert, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, erhalten die beiden US-Ökonomen William Nordhaus und Paul Romer den Wirtschaftsnobelpreis. Das ist gerade im Falle von Nordhaus perfektes Timing: Klimawandel und Wirtschaftswachstum sind sein Spezialgebiet. Gleich sechs Mal taucht sein Name in der Referenzliste des jüngsten IPCC-Berichts auf.

Vielen Studenten der Wirtschaftswissenschaften ist Nordhaus ein Begriff, weil der heute 77-Jährige zusammen mit dem US-Ökonomen Paul Samuelson ein anschauliches Standardwerk der Wirtschaftswissenschaften schrieb, das Studentengenerationen auf Klausuren vorbereitet hat. Das "Samuelson/Nordhaus"-Lehrbuch gehört zu den Klassikern der Volkswirtschaftslehre.

Bekannt ist Nordhaus, der an der renommierten Yale-Universität lehrt, aber vor allem für seine Forschung zur Klimaökonomie. Das Thema treibt ihn seit den Siebzigerjahren und seinen Anfängen in der Wissenschaft um: Welche Folgen hat unser Wirtschaften auf die Natur? Als erster Ökonom überhaupt entwickelte Nordhaus ein dynamisches Modell, das zeigt, wie unser Wirtschaften die Klimaerwärmung beeinflusst. 

Modell zur CO2-Bepreisung

Stark vereinfacht bezieht dieses Modell nicht nur Arbeit und Kapital, sondern auch Energie – um genau zu sein: fossile Energie – als Produktionsfaktor ein und zeigt, wie sich dadurch die CO2-Emissionen ändern. Dieses Wachstumsmodell wiederum kombiniert Nordhaus mit Modellen zur Klimaerwärmung. So lassen sich die Folgen des Wirtschaftens auf den Klimawandel ermitteln – und vice versa: welche Folgen die Erderwärmung auf unser Wirtschaftswachstum haben kann. 

Das alles mag theoretisch klingen, doch Nordhaus zieht aus seiner Forschung wichtige politische Schlüsse: Der Ökonom plädiert für die weltweite Besteuerung von Kohlendioxid, also eine CO2-Steuer. Wenn CO2-Emissionen einen Preis haben, welche genau die Kosten des Klimawandels widerspiegeln, ließe sich der Klimawandel mit marktwirtschaftlichen Instrumenten in den Griff bekommen.

Es ist eine perfekte Idee, die allerdings an der Praxis scheitert. Bislang werden gerade einmal 20 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen bepreist, etwa mithilfe des CO2-Zertifikatehandels in der EU. Das Nordhaus-Modell hat sich trotzdem durchgesetzt. Die amerikanische Umweltbehörde EPA nutzt es etwa in Teilen, um die sozialen Kosten einer CO2-Bepreisung abzuschätzen.

Wie aktuell Nordhaus' Forschung ist, zeigen auch seine Arbeiten zum Wirtschaftswachstum. Bereits 1972 veröffentlichte er zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger James Tobin den Aufsatz "Ist Wachstum überflüssig?", in dem die beiden Wissenschaftler einen Sozialen Index entwickeln, der auch soziale Ungleichheit misst. Das passte in den Zeitgeist der Siebzigerjahre, als kritisch über die Grenzen des Wachstums diskutiert wurde. Mehr als dreißig Jahre später wird das Thema noch immer diskutiert: schließlich erleben gerade immer mehr etablierte Industrienationen Phasen mit nur geringem Wirtschaftswachstum. 

Warum sind manche Länder wohlhabender als andere?

Die beiden US-Amerikaner Wilhelm D. Nordhaus und Paul Romer (rechts) werden mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften geehrt. © Niklas Elmehed/ Nobel media

Paul Romer, der zweite Preisträger des Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaftler, ist in seinem Forschungsfeld seit Langem bekannt: Das sogenannte Romer-Modell zur Beschreibung von Wirtschaftswachstum durch technischen Fortschritt ist nach ihm benannt. Dafür hat der 62-Jährige jetzt die Auszeichnung zugesprochen bekommen. Öffentlich bekannt war der US-Amerikaner zuletzt vor allem als Chefökonom der Weltbank von 2016 bis Januar 2018.

Romer, der an der New York University (NYU) lehrt, gilt als Vertreter der sogenannten endogenen Wachstumstheorie, die als Antwort auf die neoklassischen Modelle entwickelt wurde. Wie stark eine Volkswirtschaft wächst, hing in den herkömmlichen Modellen vor allem davon ab, wie gut es gelingt, knappe Ressourcen bestmöglich einzusetzen – Innovationen waren kein beeinflussbarer Faktor innerhalb dieser Modelle. Darum, so die Kritiker, könne die neoklassische Theorie Langzeitwachstum nicht erklären.

Die endogene Theorie hingegen betrachtet technische Innovationen als Teil des Modells (darum die Bezeichnung "endogen"); sie versucht zu erklären, wie aus wirtschaftlicher Aktivität technischer Fortschritt entsteht und wie dieser zu Wirtschaftswachstum führt. Das mathematische Modell dazu entwickelte Romer schon 1990, es wurde später nach ihm benannt. Auslöser für ihn war unter anderem die Frage, warum manche Länder wohlhabender sind als andere. Grundlegend dafür ist, was Romer selbst als Economics of Ideas beschrieb: Triebfeder von Wirtschaftswachstum sind Ideen und daraus entwickelter technischer Fortschritt.

Ressourcen sind begrenzt, Ideen nicht

Romers Credo: Die Ressourcen in der Welt mögen knapp und begrenzt sein – Ideen des Menschen sind dagegen grenzenlos. Sie können aus den begrenzten Ressourcen Neues entstehen lassen und so das Wachstum voranbringen.

Technischer Fortschritt muss allerdings erarbeitet werden. Er beruht auf einer bewussten Entscheidung von Marktteilnehmern: Unternehmen verzichten auf Konsum, sondern investieren in Forschung. Das Ausmaß des Wirtschaftswachstums hängt somit davon ab, wie teuer Innovationen sind. In der Praxis dient Romers Modell darum etwa als Argument für den Einsatz von Patenten. Dadurch erhält geistiges Eigentum und die Nutzung geistigen Eigentums einen Marktpreis.

Dass Romer einen Schwerpunkt auf technische Innovationen legte, ist nicht überraschend: Er studierte zunächst Physik und Mathematik, ehe er sich der Ökonomie zuwandte. Schon in seiner wirtschaftswissenschaftlichen Dissertation 1983 an der University of Chicago befasste sich Romer mit technischem Wandel in Volkswirtschaften. Anschließend entwickelte er seine Ideen weiter, zunächst als Assistenzprofessor an der University of Rochester und an der University of Chicago, später als Professor an der University of California in Berkeley und an der Stanford University.

Romer eckt oft an

Zwischenzeitlich nahm er eine Auszeit als Akademiker und gründete im Jahr 2000 ein Start-up namens Aplia, das eine Online-Lernplattform für Collegedozenten und -dozentinnen und ihre Studierende entwickelte, eine Art Ferntutorium. Später verkaufte er das Unternehmen mit Gewinn. Seit 2010 ist er Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Stern School of Business der New York University.

Romer gilt als streitbarerer Vertreter seiner Zunft: 2015 löste er unter Ökonomen eine Debatte über wissenschaftliche Standards in der Volkswirtschaftslehre aus. Unter dem Begriff Mathiness kritisierte er die aus seiner Sicht missbräuchliche Verwendung mathematischer Formeln, die nicht dazu dienten, Theorien zu verdeutlichen oder zu präzisieren, sondern dazu, eine Ideologie zu verschleiern. In einem Aufsatz warf er Kollegen vor, weltfremde mathematische Modelle zu entwickeln und Fakten zu verbiegen.

Dass Romer gern mal aneckt, wurde ihm offenbar auch in seinem letzten Job als Chefökonom der Weltbank zum Verhängnis. Er übernahm im September 2016 den Posten, doch er machte sich auf diesem Posten schnell unbeliebt. Medienberichten zufolge beschwerten sich Forscher über Romers schroffe Art, als er die interne Forschungsarbeit zu reformieren versuchte. Als er dann auch noch in einem Interview öffentlich die Objektivität eines vielbeachteten Weltbank-Länderrankings in Zweifel zog, wurde er heftig kritisiert und trat schließlich Anfang 2018, nach nur 16 Monaten im Amt, zurück.

Romer galt schon seit einiger Zeit als Kandidat für den Ökonomie-Nobelpreis. Als es am Montag soweit war, traf es Romer nach eigener Aussage völlig überraschend. Er nahm zwei Anrufe der Nobelpreisakademie gar nicht an, weil er sie für Spamanrufe hielt. Er habe nicht damit gerechnet, dass ihm der Preis verliehen werde.