Wohnraum - Miete verstärkt soziale Ungleichheit Die Mietsteigerungen in Großstädten führen laut dem Sozialverband Deutschland zur Verarmung vieler Menschen. Der Staat müsse mehr in den sozialen Wohnungsbau investieren. © Foto: Susann Prautsch/dpa

Die hohen Mietsteigerungen der vergangenen Jahre haben laut einer Studie die soziale Ungleichheit in Deutschland verstärkt. "Die Miete macht über eine Million Haushalte in Großstädten so arm, dass ihr Einkommen nach Miete unter dem Regelsatz von Hartz IV liegt", schreibt Autor Stephan Junker in einem Kurzgutachten für den Sozialverband Deutschland (SoVD), der vor allem die Interessen von Rentenempfängern und Menschen mit niedrigem Einkommen vertritt. Der Sozialwissenschaftler von der Humboldt-Universität Berlin hat in der Kurzstudie vor allem die Mietbelastung im Verhältnis zum Einkommen untersucht. Armutsgefährdete und einkommensschwache Haushalte würden durch die Miete stark belastet. Sie lebten in kleineren Wohnungen und in unsicheren Verhältnissen, beispielsweise zur Untermiete.

Die Mieten seien sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland von 1993 bis 2014 stärker als die Einkommen der Mehrheit in Deutschland gestiegen, schreibt Junker. Das habe die soziale Ungleichheit im Land vergrößert. Besonders die untere Hälfte der Einkommen sei langsamer gestiegen als die kleinere Hälfte der Mieten. Besonders stark seien sehr einkommensschwache Haushalte betroffen: "Noch deutlicher ist dies bei den zehn Prozent der einkommensärmsten Haushalte zu beobachten, da hier in den letzten Jahren die Einkommensentwicklung nicht nur langsamer als die Mietentwicklung war, sondern fast stagniert ist."  

Die Hälfte der Miethaushalte in Deutschland gibt der Untersuchung zufolge mindestens 29 Prozent oder mehr ihres Nettoeinkommens für die Bruttokaltmiete aus. Bei Geringverdienern mit weniger als 1.300 Euro Haushaltseinkommen liegt die sogenannte Mietbelastungsquote mit 46 Prozent erheblich höher. Wer netto monatlich mehr als 4.500 Euro zur Verfügung hat, muss hingegen nur noch 17 Prozent davon für Wohnen ausgeben.

Von der hohen Mietbelastung seien besonders Haushalte mit niedrigem Einkommen in den Großstädten betroffen. Ihre Mietbelastungsquote liege bei knapp 40 Prozent. Besonders betroffen von hohen Mietbelastungsquoten seien Menschen im Rentenalter, Einpersonenhaushalte, Alleinerziehende sowie Menschen mit Migrationshintergrund.

Eigentum nicht unbedingt teurer

"Unklar ist allerdings, wie stark sich diese Gruppen mit den niedrigen Einkommensgruppen überschneiden", heißt es in der Untersuchung weiter. Es sei nicht nachgewiesen, ob das niedrige Einkommen allein die hohe Mietbelastung erkläre, oder ob auch besondere Bedürfnisse wie barrierefreie Wohnungen dafür verantwortlich seien.

Der Autor untersuchte auch das Verhältnis zwischen Miete und Wohneigentum. Eigentum biete eine sehr viel höhere Sicherheit zur dauerhaften Nutzung, sei aber nicht die teuerste Form des Wohnens. "Vielmehr sind die Wohnkosten für Miethaushalte so gestiegen, dass sie deutlich über den Wohnkosten für Eigentum liegen", so Junker. "Da aber für Eigentum zu einem Zeitpunkt viel Geld zur Verfügung stehen muss, sind gerade arme Haushalte davon ausgeschlossen."

Die Politik habe die Folgen des Immobilienbooms zu lange vernachlässigt, kritisiert Junker: "Die parlamentarische Politik hat das Problem knappen und teuren Wohnraums zu spät erkannt. In Berlin habe man zum Beispiel noch 2011 behauptet, dass es dort keine Wohnungsnot gebe. "Dieses Leugnen" habe dazu geführt, dass die Politik mittlerweile die "steigenden Mieten, Überbelegung und soziale Segregation" kaum in den Griff bekomme. 

Um die Probleme zu bewältigen habe der Gesetzgeber zwei Möglichkeiten. "Die eine Richtung zielt auf Subventionen, die andere auf Marktregulierung." Das Wohngeld müsse erhöht und mehr Menschen müssten für diese Leistung eine Berechtigung erhalten. Wohngeld spiele mit 163.000 empfangenden Haushalten in den deutschen Großstädten bislang nur eine relativ geringe Rolle, die soziale Wirkung sei begrenzt.