Die Szene, die sich Anfang November in Berlin-Kreuzberg abspielt, passt nicht so richtig ins Krisenbild. Da ist diese große Torte, die gerade in der Bar Room77 angeschnitten wird. Und da ist diese Menge, die in Jubellaune ist und den zehnten Geburtstag einer Kryptowährung lautstark feiert. "Bitcoin! Bitcoin!", rufen Männer und Frauen.

Ausgerechnet die Kryptowährung, die in den vergangenen zwei Jahren die internationale Finanzszene erst mit rasanten Kursgewinnen in Aufregung versetzt hat, nur um sich dann wieder als extrem volatiles Investment zu zeigen, wird gefeiert. In weniger als einem Jahr ist die digitale Währung um 75 Prozent abgestürzt – von 15.500 Euro auf 3.850 Euro. Die zweitgrößte Währung Ethereum ist von 1.200 Euro runter auf 110 Euro (Stand: 20. November 2018). Kurz: Coins, wie digitale Währungen auch genannt werden, haben in den vergangenen Monaten viele Menschen viel Geld verlieren lassen. Der Berliner Bitcoin-Stammtisch, der sich in Kreuzberg versammelt hat, ist dennoch in Feierlaune. Die Torte wird verteilt, das Bier gezapft, von Krise keine Spur. Warum?

Tobias Schwarz sitzt auf einer Couch und sieht es locker, er ist gut im Geschäft. Durch Bitcoin haben sich für IT-Entwickler und Programmierer neue Jobmöglichkeiten eröffnet. Die digitale Währung funktioniert ohne staatliche Institutionen oder Banken. Möglich macht das ein raffiniertes Netzwerk, das sich Blockchain nennt. Jede Bitcoin-Transaktion wird dort protokolliert und kryptografisch verschlüsselt. Doch der Einsatz der Technik im Alltag steht noch ganz am Anfang, und so machen sich junge Entwickler wie Schwarz auf einem neuen Arbeitsfeld breit. "Ich kenne keine Technologie, die so oft totgesprochen wurde", kommentiert der 30-Jährige die Bitcoin-Krise.

In der Blockchain lassen sich auch Kaufverträge speichern, unabhängige Drittanbieter, die in der Regel Geld kosten, braucht das Netzwerk nicht. Schwarz sieht deshalb großes Potenzial in der Blockchain. "Natürlich wünschen wir uns so einen Kurseinsturz nicht wieder, trotzdem war das vergangene Jahr aber auch ein Erfolg für die Community. Bitcoin und vor allem auch die Blockchain-Technologie sind jetzt weltweit bekannt, mehr hätten wir uns als Entwickler nicht wünschen können", sagt er. Absturz hin oder her: "Ich habe Jobangebote ohne Ende."

Die Ursache für die Kursverluste der Währung? Der Medienhype, die vielen Quereinsteiger und Investoren, die Bitcoin übernormal hoch bewertet hätten, sagt Schwarz. Da sei es doch normal, dass Bitcoin wieder nachgegeben habe. Der Mann, der die Bitcoin-Geburtstagstorte gebracht hat, heißt Jeff Gallas (34) und denkt ähnlich. Auch er hat sich in der Kryptobranche selbstständig gemacht und spricht von einem Bärenmarkt, der wieder vorbeigehen werde.

"Der Kursabsturz war ein Befreiungsschlag"

Nur von Krise zu sprechen, findet Gallas ohnehin nicht fair. Er weist auf technische Updates hin, um Bitcoin besser im Alltag anzuwenden. Da sei zum Beispiel die höhere Menge an Transaktionen, die nun möglich sei. Das Bitcoin-Netzwerk funktioniert, wegen der mittlerweile Millionen Konten ist es aber noch langsam. Für Gallas ist der Kurssturz sogar ein Befreiungsschlag. Der Rummel habe viele Leute angezogen, die sich nicht ernsthaft mit Bitcoin und Blockchain beschäftigt hätten. "Auch hier am Stammtisch waren die Gespräche irgendwann ziemlich verstopft", sagt Gallas. Jetzt, wo der erste Hype weg sei, könne man sich endlich wieder auf die Sache konzentrieren.

Tatsächlich halten sich seit dem Kurseinbruch viele Quereinsteiger, die vergangenes Jahr in Bitcoin investiert hatten, fern vom Berliner Stammtisch. Der "harte Kern" kommt noch. In der Community sind damit meistens Leute gemeint, die eher aus idealistischer Überzeugung als aus Profitgründen dabei sind. Sie glauben, die Zeit für ein alternatives Zahlungsmittel sei gekommen. Eines, das nicht der Finanzpolitik eines Staates oder der Weltbank unterworfen ist. Teile des harten Kerns haben schon Bitcoin gekauft, bevor Kryptowährungen Mainstream wurden. Also als ein Bitcoin nicht wie im Dezember 2017 stolze 15.500 Euro kostete, sondern nur 200 Euro wie am 1. Januar 2015. Oder 10 Euro wie im Januar 2013 oder 25 Cent wie im Januar 2011.

Hotline für Suizidgefährdete nach Kursabsturz

Hunderte neue Kryptowährungen gibt es mittlerweile, aber Bitcoin ist die Leitwährung. Steigt er auf, steigen alle auf, stürzt er ab, stürzen alle ab. Die Rechnung ist einfach: Wer früh eingestiegen ist, hat jetzt viel Geld. Quereinsteiger, die sich erst vor wenigen Monaten eingekauft haben, als Analysten noch von der 100.000-Euro-Marke schwärmten, haben viel verloren. Jetzt gibt es in den USA Foreneinträge im Internet mit Nummern von Notfallhotlines: Wer sich nach den Kursabstürzen suizidal fühlt, soll sich dort melden.