Neulich bei McDonald's. Mehrere Mitarbeiter stehen vor der Fritteuse, einer regt sich auf. Er habe seinen Rentenbescheid bekommen. "600 Euro stand da", sagt der bullige Typ mit Glatze und Tattoos. "Für ein ganzes Leben voller Arbeit." Jahrelang habe er als Umzugshelfer geschuftet, jetzt wendet er Frikadellen bei McDonald's. "Es wird mit dieser Rente nicht mal für die Miete reichen", schimpft der Mann.

Was hat diese Szene mit der Debatte um das Einkommen von Friedrich Merz zu tun? Eine Menge. Es wird viel diskutiert, ob sich der Kandidat trotz seiner finanziellen Verhältnisse für den CDU-Vorsitz eignet. Merz ist Millionär.

Es ist moralisch keinesfalls verwerflich, nach einer Karriere in der freien Wirtschaft in die Politik zu streben. Die Erfahrungen aus der Wirtschaft können eine große Bereicherung für Entscheidungen über das Leben der Bürgerinnen und Bürger in diesem Land sein. Warum ist Merz mit seinem Einkommen und Vermögen dennoch eine Reizfigur? In den USA hat es der Bauunternehmer und Milliardär Donald Trump doch auch zum Präsidenten geschafft, obwohl er mit seinem Reichtum bei jeder Gelegenheit angibt. Gewählt haben ihn trotzdem Menschen mit sehr niedrigem Einkommen, genauso wie Topverdiener.

Der Unterschied liegt in der Geschichte der beiden Länder. Amerika gründet seit jeher auf dem Mythos, dass jeder es zu etwas bringen kann, solange er sich nur anstrengt. Reichtum ist nichts Verwerfliches, sondern absolut erstrebenswert.

Der Gründungsmythos der Bundesrepublik hingegen basiert seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf der Sozialen Marktwirtschaft. "Wohlstand für alle", proklamierte der CDU-Politiker und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard in seinem Buch 1957. Die meisten Menschen in Deutschland verstehen darunter, dass es jeder in diesem Land zu einem guten Leben schaffen kann. Die Voraussetzung dafür aber ist ein ausgewogenes Verhältnis der Einkommen von Arbeitnehmern und Unternehmern. Erstrebenswert ist nicht fantastischer Reichtum Einzelner, sondern ein Wohlstand, der auf Ausgleich beruht. Umfragen zeigen, dass die Menschen in Deutschland kein prinzipielles Problem mit Reichtum haben, solange die Leistung auch aller anderen in der Gesellschaft honoriert wird und jeder seine Grundbedürfnisse befriedigen kann.

Und hier zeigt sich die Verbindung zwischen dem Mitarbeiter von McDonald's und dem Millionär Merz. Gerade für Menschen im Niedriglohnbereich, die seit Jahren von einem Job zum anderen wechseln, dürfte ein Einkommen von einer Million Euro im Jahr eine Provokation bedeuten. Und das hat nichts mit Neid zu tun. Natürlich kann Merz nichts dafür, dass diese Menschen so wenig verdienen. Aber auch Geringverdiener erbringen eine Leistung, manchmal auch eine sehr wichtige für die Gesellschaft. Diese Menschen bezweifeln, ob ihre Leistung angemessen vergütet wird, wenn sie nicht einmal sicher sein können, dass ihnen genügend Geld zum Leben im Alter bleibt.

Aktien kaufen von welchem Geld?

Für sie ist es eine weitere Provokation, wenn Merz schon am ersten Tag seiner Kandidatur beklagt, dass "Deutschland eine viel zu kleine Zahl von Aktionären" habe. Welches Geld soll da in Aktien angelegt werden, um es vielleicht für das Alter zu vermehren? Die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland besitzt kein Vermögen. Wer gerade so seine Miete begleichen kann, dem bleibt nicht viel übrig für eine private Altersvorsorge. 

Erst seit wenigen Jahren steigen die unteren Einkommen in Deutschland wieder stärker, nachdem sie lange stagniert waren oder sogar abnahmen. Seit den Neunzigerjahren wurden die Erträge dieser Volkswirtschaft ungleichmäßig verteilt – viel für oben und wenig für unten. Das liegt vor allem daran, dass die Gewerkschaften sich jahrelang – auch auf Druck der Politik hin – in Lohnzurückhaltung geübt haben und die Zahl der Beschäftigten mit tariflicher Bezahlung stark gesunken ist. Diese Entwicklung hat eine Menge Frust erzeugt und sie lässt sich nur langsam korrigieren.

Für viele Menschen dürfte Friedrich Merz mit seinem hohen Einkommen genau diese Unverhältnismäßigkeit der vergangenen Jahre verkörpern. Mit seiner Aufsichtsratstätigkeit bei BlackRock steht er auch dafür, dass Unternehmen ihre Gewinne maximieren und diese an ihre Aktionäre ausschütten, statt die Einnahmen an die Mitarbeiter in Form höherer Löhne und Gehälter auszahlen.

Die Frage ist letztlich, ob all das für die Kernwählerschaft der Union ein Problem ist. Zu ihr zählen ohnehin Menschen mit höheren Einkommen, auch die Mehrheit der Unternehmerinnen und Unternehmer wählt CDU und CSU. Wenn Merz als möglicher Kanzlerkandidat breite Unterstützung in der Bevölkerung bekommen will, muss er ein Programm formulieren, das jeden Zweifel an dem sozialpolitischen Anspruch zerstreut. Sein Ziel lautet immerhin, dass er die gesellschaftliche Spaltung in Deutschland verringern will.