Sie kennen das Argument: In diesen wirtschaftlich guten Zeiten müsse man nun endlich mal die Leistungsträgerinnen und Leistungsträger entlasten, damit ihre Leistung angemessen gewürdigt wird. Klingt überzeugend. Nur: Wer sind denn die sogenannten Leistungsträger unserer Gesellschaft? Meist sind diejenigen gemeint, die hohe Steuern zahlen und somit die Finanzierung unseres starken Sozialstaats ermöglichen.

Das ist jedoch eine verzerrte Wahrnehmung von gesellschaftlicher Leistung. Um eine sinnvolle Debatte über Gerechtigkeit führen zu können, brauchen wir einen Diskurs über die Frage, was für uns als Gesellschaft eigentlich Leistung bedeutet. Dabei sollte es weniger um die Verteilung von Einkommen gehen.

In Deutschland wird heftig über Gerechtigkeit gestritten. Die ARD widmet der Debatte eine ganze Themenwoche, eine Volkspartei hatte es als Kernthema in ihrem Bundestagswahlkampf und auch sonst steht das Thema der Verteilung im Mittelpunkt vieler Grundsatzdebatten in Deutschland – von Diskussionen über Rente und Geflüchtete bis hin zu Erben und Wohnen.

Nur, was bedeutet Gerechtigkeit? Viele Diskussionen dazu sind von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil die Diskutanten völlig unterschiedliche Verständnisse von diesem Konzept haben. Den einen geht es um die Gleichheit von Einkommen und Vermögen (Gleichheitsprinzip), den anderen darum, dass die unterschiedlichen Ansprüche einzelner Gruppen und Individuen befriedigt werden (Anspruchsprinzip). Wiederum andere verbinden Gerechtigkeit mit der Frage, ob Menschen für ihre gesellschaftliche Leistung belohnt werden (Leistungsprinzip), oder ob Menschen ihre Grundbedürfnisse decken können (Bedarfsprinzip).

Die positive Botschaft ist: Laut einer Studie meiner DIW Berlin-Kolleginnen und Kollegen Stefan Liebig, Philipp Eisnecker und Jule Adriaans haben wir Deutschen einen ungewöhnlich starken Konsens darüber, worum es uns bei Gerechtigkeit geht: um Leistung und um Bedürfnisse. Eine gerechte Gesellschaft ist also eine, in der Leistung honoriert wird und gleichzeitig alle Menschen ihre Grundbedürfnisse befriedigen können. Dagegen spielen Gleichheit und Ansprüche eine deutlich untergeordnete Rolle für die Deutschen. Diese Präferenzen sind bei Wählerinnen und Wählern der verschiedenen Parteien ähnlich.

Und dennoch: Die Mehrheit in unserem Land empfindet die Gesellschaft als ungerecht. Manche behaupten, solche Umfragen seien falsch, oder die Menschen seien verwöhnt, da es Deutschland wirtschaftlich so gut wie selten in den vergangenen 40 Jahren geht. Schließlich sagt die Mehrheit der Deutschen, es gehe ihnen selbst wirtschaftlich gut. Es ist jedoch kein Widerspruch, dass es einem persönlich gut geht, man aber gleichzeitig die Gesellschaft als ungerecht empfindet. Dies zeigt vielmehr, dass Solidarität vielen Deutschen wichtig ist. Sie wollen in einer Gesellschaft leben, in der es allen einigermaßen gut geht und Leistung honoriert wird.