Um in der Debatte um Gerechtigkeit voranzukommen, brauchen wir daher ein Verständnis davon, wer denn die Leistungsträger unserer Gesellschaft sind. Sind es die Besserverdiener, die hohe Einkommenssteigerungen in den vergangenen 20 Jahren hatten und daher einen immer höheren Anteil aller Steuern zahlen? Oder sind es der Altenpfleger und die Kita-Erzieherin, die eine enorme Verantwortung für unsere Gesellschaft übernehmen, trotz eines vergleichsweise geringen Einkommens und erheblicher körperlicher und psychischer Belastung?

20 Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten im Niedriglohnbereich. Das sind fast doppelt so viele wie in Frankreich oder Skandinavien. Frauen erhalten in Deutschland 21 Prozent weniger Lohn für ihre Arbeit als Männer. Eine Lohnlücke, die deutlich größer ist als in den meisten europäischen Ländern. Heißt das folglich, dass Deutschland doppelt so viele Menschen hat, die wenig Leistung durch ihre Arbeit erbringen und dass Frauen in Deutschland besonders wenig leisten? Oder ist es nicht vielmehr so, dass ihre Leistung nicht angemessen honoriert wird?

Ähnliches gilt für die Frage, ob Menschen in Deutschland die Grundbedürfnisse ihres Lebens decken können. Mehr als jede vierte Alleinerziehende, meist Mütter, sind von Armut bedroht – deutlich mehr als in vergleichbaren Ländern. Tendenz steigend. Es sind darüber hinaus vor allem alleinstehende Frauen, die im Alter von Armut bedroht sind. Das Armutsrisiko, gemessen an der sogenannten Armutsrisikoquote, ist in den letzten 15 Jahren des Wirtschaftsbooms deutlich angestiegen.


Diese Zahlen und Beispiele zeigen, dass die wahrgenommene Ungerechtigkeit in Deutschland uns nicht überraschen sollte. Dabei geht es den Menschen meist nicht um Neid, also darum, den sogenannten Leistungsträgern ihren Erfolg und ihr gutes Einkommen nicht zu gönnen. Es geht vielmehr darum, dass die Leistung vieler Menschen mit geringem Einkommen, Vermögen und Chancen nicht ausreichend honoriert und respektiert wird.

Das sollte die Politik bedenken, wenn sie sich mal wieder über die Abschaffung des Solis (Kostenpunkt 18 Milliarden Euro, wovon 62 Prozent dem einkommensstärksten Zehntel zugutekommen würde), die Grundsteuer für Immobilieneigentümer, das Baukindergeld oder den Spitzensteuersatz streitet. Zielführender wäre eine ehrliche Debatte darüber, wie Leistung besser honoriert und Bedürfnisse in unserer Gesellschaft gedeckt werden können. Das würde zu einem wirklichen Fortschritt in der Diskussion um Gerechtigkeit führen.