Auf einmal ist eine uralte philosophische Frage wieder aktuell: das Induktionsproblem. Schon David Hume zerbrach sich darüber den Kopf. Er fragte: Wieso glauben die Menschen, dass Brot sie morgen ernähren wird, nur weil es sie in den vergangenen Jahren ernährte? Wieso sind sie sicher, dass die Sonne im Osten aufgeht, nur weil sie es schon sehr lange so beobachten? Dieser Tage könnte man – in leichter Abwandlung – fragen: Wieso erwarten die Deutschen, dass es mit der Wirtschaft ihres Landes bestens weiterläuft, nur weil das in den vergangenen acht Jahren so war? Zumal die meisten Deutschen ja – anders als beim Sonnenaufgang – auch andere Zeiten erlebt haben.

Ja, die jüngere Vergangenheit liefert wohlige Gefühle. Seit 2009 wächst die deutsche Wirtschaft, mal mehr, mal weniger. Die Arbeitslosigkeit sinkt und sinkt und sinkt. Es ist ein Boom, der schon so lange dauert, dass man sich daran gewöhnt hat. Die Tendenz, die jüngere Vergangenheit fortzuschreiben, von ihr auf die Zukunft zu schließen, ist menschlich. Nur ist sie in diesem Fall gefährlich. Das gilt besonders für die Politik. In den vergangenen acht Jahren war es für einen deutschen Politiker nicht notwendig, viel von Wirtschaft zu verstehen. Denn die lief von allein. In Berlin hat man sich daran gewöhnt.

Das könnte riskant werden. Denn einige Daten signalisieren: Der deutsche Boom ist gefährdet. Er neigt sich – langsam – dem Ende zu. Die Wirtschaftswahrsager, die Konjunkturforscher, korrigieren ihre Vorhersagen fürs aktuelle und kommende Jahr schon herunter. Sie prognostizieren Wachstum, aber weniger. Und aktuelle Schätzungen legen nahe, dass die Wirtschaft in Deutschland im dritten Quartal sogar leicht geschrumpft ist.

Das könnte nur ein kleiner Dämpfer sein. Doch es braucht in solchen Situationen, das lehrt die fernere Vergangenheit, oft nur einen Auslöser, um aus einem kleinen Dämpfer einen Abschwung zu machen. Es ist also Zeit, wachsam zu sein. 

Blasen können platzen

Gefahr droht der deutschen Wirtschaft von zwei Seiten: Erstens ist der weltweite Kampf von Globalisten gegen Lokalisten (oder Nationalisten) ein echter Wirtschaftskampf geworden. Da sind Donald Trumps Zolldrohungen, die kein Spiel mehr sind, sondern längst die Handelsströme der Welt lenken und die globalisierten Unternehmen in Panik versetzen. Deutschland, ein Land, das besonders auf die Globalisierung und den Export setzt, ist hier empfindlich. Und Trump hat auch noch der deutschen Kernindustrie, den Autofirmen, mit Zöllen gedroht. Dazu kommen die Lokalisten in Europa, die immer lauter werden. Sie wollten den Brexit, der, sollte er ungeordnet kommen, der Wirtschaft schaden kann. Und in Italien führen die Nationalisten sich derzeit so unberechenbar auf, dass man selbst in Brüssel schon über den Italexit spekuliert. Eine Neuauflage der Eurokrise, nur dramatischer, ist möglich.

Zweitens ziehen sich die größten Notenbanken der Welt zurück aus der Politik des billigen Geldes. Die amerikanische Notenbank Fed erhöht schon die Zinsen. Die Europäische Zentralbank (EZB) ist langsamer, will aber Ende des Jahres aus ihrem riesigen Staatsanleihenkaufprogramm aussteigen. Die Zinsen werden frühestens Mitte 2019 wieder steigen. Diese Bewegungen machen Kredite teurer, das Geld wird nicht mehr so einfach ausgegeben – und Blasen können platzen. Es herrscht Nervosität überall dort, wo das Geld womöglich nicht ganz so gut angelegt war (überhypte Techaktien, italienische Banken, Unternehmensanleihen, der chinesische Immobilien- und Aktienmarkt). Wo es hier am Ende kracht, weiß man, so die Erfahrung, immer am besten, nachdem es passiert ist. Eines aber ist klar: Die Notenbanken werden in der nächsten Krise nicht die gleiche Kraft haben wie in der vergangenen, solche Krisen abzuwenden. Insbesondere die EZB kann nicht noch mal der Retter sein. Ihr fehlt der Spielraum.

Eigentlich muss nun also die Politik ran. Sie muss die Unsicherheiten angehen, die in ihrer Macht liegen, und das sind nicht wenige: Wie geht es voran mit Europa und was will Deutschland da genau? Wo ziehen die Deutschen die Linie zwischen dem Interesse an einer sauberen Umwelt und dem Interesse an Arbeitsplätzen in der Auto- und Energieindustrie? Und was soll geschehen mit dem vielen Geld, das der Staat derzeit noch kassiert: Steuern senken oder investieren, was beides die Konjunktur noch mal anschieben könnte?

Es gibt einige Dinge, die schon bald entschieden werden sollten. Der Wettkampf, der in Berlin darüber ausgebrochen ist, wer oder was auf die Ära Merkel folgt, schadet da nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist er ein willkommener Anlass, zu prüfen: Wer versteht denn nun etwas von Wirtschaft, wenn das demnächst wieder wirklich wichtig wird? Ein Tipp: Es gibt nicht nur Friedrich Merz.