Als Rouzbeh Taheri eines Abends durch die Seitenstraßen am Kurfürstendamm in Berlin lief, fiel ihm auf, dass in kaum einem Fenster Licht brannte. "Dort wohnt niemand, das sind nur Anlageobjekte", sagt er. Spekulanten kauften die Wohnungen, um sie später gewinnbringend wiederzuverkaufen. Mieter stören da nur.

Für Taheri sind die leeren Wohnungen am Ku'damm nur ein Beispiel für die katastrophalen Zustände auf dem Wohnungsmarkt. "Ich will nicht mehr hilflos zusehen, wie unsere Stadt vom Großkapital aufgekauft wird", sagt er. Taheri hat mit Gleichgesinnten einen radikalen Plan geschmiedet. Er soll die Verhältnisse auf dem Wohnungsmarkt von Grund auf neu ordnen. Das Land Berlin soll den großen Immobilienunternehmen ihre Wohnungen wegnehmen und selbst zu günstigen Konditionen vermieten. Das sollen die Berlinerinnen und Berliner in einem Volksentscheid beschließen, wenn es nach der Bürgerinitiative Deutsche Wohnen und Co Enteignen geht.

Wohnen ist die große soziale Frage unserer Zeit, sagen Politikerinnen und Politiker ständig. Sie haben begriffen, dass es ein Problem gibt. Aber können sie es auch lösen? "Die Gesetze der Bundesregierung sind angesichts der Lage auf dem Wohnungsmarkt ein schlechter Witz", sagte Rouzbeh Taheri mit Blick auf Projekte wie die Mietpreisbremse. Und das Land Berlin habe seine Maßnahmen bereits ausgeschöpft. Deshalb sind er und seine Mitstreiter überzeugt: Es ist Zeit für radikale Schritte.

Wohnraum in Berlin - "Die Unsitte der Ferienwohnungen einschränken" Einwohner müssen lange suchen bis sie eine bezahlbare Wohnung finden. Investoren und Touristen stechen sie auf dem Wohnungsmarkt aus. Der Grüne Hans-Christian Ströbele und Aktivisten erklären, wie sie preiswerten Wohnraum ermöglichen wollen.

Taheri hat Erfahrung in der Mobilisierung: Er war auch Sprecher des sogenannten Mietenvolksentscheids und erreichte 2015 mit seinen Mitstreitern, dass der Berliner Senat ihre Vorschläge noch vor dem Volksentscheid umsetzte. Früher hat er sich bei der Wahlalternative für Soziale Gerechtigkeit engagiert, die dann in der Linkspartei aufging.

Fünf Unternehmen würden die Wohnungen weggenommen

Ursprünglich zielte die Enteignungsinitiative nur auf die Deutsche Wohnen ab, die bei Mieterverbänden als gierigste und rücksichtsloseste Immobiliengesellschaft gilt und schon gegen den Mietspiegel geklagt hat. Man darf jedoch kein Gesetz erlassen, das nur ein Unternehmen betrifft. Deshalb richtet sich der Gesetzentwurf nun gegen alle Unternehmen, die in Berlin mindestens 3.000 Wohnungen besitzen. Damit wären laut Taheri neben der Deutsche Wohnen auch Vonovia, Akelius, ADO Properties und Grand City Property betroffen.

"Die haben eine Geschäftsstrategie, die darauf basiert, jährlich die Mieten zu erhöhen und die Mieterschaft auszutauschen", sagt Taheri. Sie seien zwar nicht allein an den Verhältnissen schuld, aber sie besäßen in Berlin fast 200.000 Wohnungen und gehörten zu den Hauptpreistreibern, sagt Taheri. "Und wie bei einer Schulhofschlägerei nimmt man die größten Schurken zuerst ins Visier."

Vonovia, eines der betroffenen Immobilienunternehmen, wehrt sich gegen die Vorwürfe. Die Durchschnittsmiete in ihren Berliner Wohnungen liege bei nur 6,46 Euro pro Quadratmeter. Wenn man modernisiere, lege man weniger Kosten auf die Mieter um als gesetzlich möglich. Man versuche, mit den Mietern, die von Modernisierungen betroffen sind, eine einvernehmliche Lösung zu bringen.

Taheri bezeichnet die Unternehmen dagegen als "nicht reformfähig". Deshalb wird seine Initiative bald Stimmen für einen Volksentscheid sammeln. Dann sollen die Berlinerinnen und Berliner darüber abstimmen, ob der Senat ein entsprechendes Gesetz ausarbeiten soll. Der Entwurf sieht vor, dass Berlin eine Anstalt öffentlichen Rechts gründet, um die Wohnungen zu verwalten. Dabei sollen die Mieter und Mieterinnen demokratische Mitspracherechte haben, etwa bei Modernisierungen.