Das traditionelle Weihnachtsessen ist Schweinebraten mit Rotkohl und karamellisierten Kartoffeln. Als Snack zum Fernsehen kauft man gerne Flæskesvær – in Schweinefett frittierte Schweineschwarten. Dänemark ist ein Land der Bauern und des Borstenviehs. Jährlich werfen die Sauen im Land rund 32 Millionen Ferkel. Auf jeden Einwohner kommen damit 5,5 Schweine. Fast die Hälfte davon wird in gigantischen Betrieben mit mehr als 8.000 Tieren gemästet. Meist liegen die Mastfabriken in Jütland, der Halbinsel nördlich von Schleswig-Holstein. Dort also, wo Wildschweine auf einer Breite von 70 Kilometern zwischen dem dänischen Tønder und Flensburg einfach über die grüne Grenze spazieren und ins Königreich einfallen können.

Diese Einwanderung will die dänische Regierung, angeführt von der Bauernpartei Venstre und gestützt von den Rechtspopulisten der Dänischen Volkspartei, jetzt mit einem Metallzaun bekämpfen. Seit Sommer laufen die Enteignungsverfahren für die Trasse. Aktuell markieren Mitarbeiter des Amts für Naturverwaltung, Naturstyrelsen, die Zaunführung mit roten Wimpeln. Die Ausschreibung läuft, noch im Dezember soll der Auftrag vergeben werden, sodass die Bauarbeiten im Januar beginnen können. Im Herbst 2019 soll der Metallzaun fertig sein. Der eiserne Vorhang gegen Wildschweine wird 1,5 Meter hoch und ragt noch mal einen halben Meter in den Boden – schließlich sind sie für ihr Wühlvermögen bekannt.

Es gab Widerspruch von Naturschutzorganisationen, die Gefahren für die Biodiversität sehen, und von linken Parteien, die den Zweck der zehn Millionen Euro teuren Anlage bezweifeln: Wildschweine seien gute Schwimmer, sie könnten auch die zwei Kilometer breite Flensburger Förde queren. Außerdem könnten die Wildschweine die Öffnungen im Zaun an Straßen und Schienenwegen für ihre Invasion nutzen.

Dänemarks Landwirte leiden ohnehin schon

Trotz solcher Hinweise stimmten auch die oppositionellen Sozialdemokraten für den Zaun. Es müsse alles getan werden, um das potenzielle Risiko durch die Afrikanische Schweinepest zu minimieren – objektiv und gefühlt: Das ist die herrschende Meinung in Dänemark. Das ist nur zu verstehen, wenn man weiß, wie wichtig der Schweinesektor für das Land ist. Trotz hohen Exporterlösen im Maschinenbau, in der Pharma- und Medizinindustrie machen Ferkel und Schweinefleisch erstaunliche fünf Prozent des Gesamtexportes aus. Laut einer Schätzung von Dänemarks Technischer Universität (DTU) würde ein einziger Fall von Afrikanischer Schweinepest das Land 400 Millionen Euro kosten – und zwar dort, wo es besonders wehtut, im strukturschwachen ländlichen Raum.

"Wenn nur ein einziges mit Afrikanischer Schweinepest infiziertes Wildschwein gefunden wird, nehmen uns China und andere Drittländer außerhalb der EU kein Schweinefleisch mehr ab", erklärt Jens Munk Ebbesen, Veterinärdirektor im Branchenverband Landbrug & Fødevarer. Exporte mit einem Volumen von 1,4 Milliarden Euro wären dadurch gefährdet: "Es würde bis zu einem Jahr dauern, bis die Länder ihre Märkte wieder öffnen."

Für viele Landwirte wäre das wohl das Ende. Die Schweinepreise sind jetzt schon so niedrig wie seit zehn Jahren nicht mehr. Und aufgrund der großen Trockenheit im Sommer haben die Bauern selbst wenig Getreide geerntet und müssen Futter teuer zukaufen. Schon seit Jahrzehnten ist die Branche einem großen Konzentrationsdruck ausgesetzt. 1992 gab es noch 57.000 Bauernhöfe mit Schweinen, inzwischen ist die Zahl der Betriebe auf 3.200 gefallen. Wachsen oder weichen: Wer bleibt, verschuldet sich oft, um Land und Ställe zuzukaufen. 450 Betriebe, die bereits in der Krise sind, haben zusammen Bankschulden von 2,7 Milliarden Euro – also rund sechs Millionen Euro im Schnitt.

Der Zaun ist auch ein Signal

Der Zaun sei nur ein Element unter mehreren, um die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs in Dänemark zu verkleinern, erklärt Jens Munk Ebbesen. "Gesunde Wildschweine können sich anstecken, wenn sie ein mit dem Erreger kontaminiertes Wurstbrot fressen, beispielsweise wenn ein Reisender aus Osteuropa es an einem Rastplatz weggeworfen hat. Anders als andere Länder haben wir die Möglichkeit, das Wildschwein aus unserer Natur zu entfernen, und genau das versuchen wir nun."

Seit etwa 200 Jahren gibt es in Dänemark eigentlich keine Wildschweine mehr. Aber seit einigen Jahren machen Tiere aus Deutschland rüber. Anfang des Jahres wurde der Bestand auf 50 bis 100 Schwarzkittel geschätzt. Die Regierung lockerte Anfang des Jahres die Jagdbestimmungen, gab rund um die Uhr "Feuer frei" und bat die Jäger um Hilfe. Bislang konnten rund 46 Tiere geschossen werden. Der Rest soll jetzt im Winter mit Futter in umzäunte Areale gelockt werden, wo er dann bequem erlegt werden kann. Dass keine Tiere nachwandern, dafür soll künftig der Zaun sorgen, an dessen Kosten sich die Schweinebauern beteiligen. Für jedes Schwein, das sie 2019 verkaufen, zahlen sie 90 Øre (zwölf Eurocent) in eine Branchenstiftung, die damit 40 Prozent der Zaunkosten bezahlt. 

So hoffen die Bauern nicht nur, die Seuche auf dänischem Boden zu verhindern. Es geht explizit auch darum, die Folgen eines Ausbruchs in Deutschland für sich zu minimieren. "Drittländer wie China können auch dank des Zaunes sehen: Wir tun alles, um die Schweinepest in unserem Land zu verhindern", sagt Jens Munk Ebbesen. "Auch bei einem Fall in Deutschland bräuchten sie ihre Märkte für Dänemark nicht zu schließen."