Friedrich Merz will den Aktienmarkt nutzen, um die Altersvorsorge in Deutschland zu stärken. Sein Vorschlag: Die Politik soll Bürger, die Aktien kaufen, steuerlich besserstellen – zum Beispiel über einen jährlichen Freibetrag, bis zu dem man einen auf Aktien basierten Spar- oder Vorsorgeplan aufbauen kann. Die Aktien aus diesem Sparplan dürften erst im Alter verkauft, die Erträge müssten nicht mehr nachversteuert werden.

Mit dem Vorstoß hat der Kandidat für das Amt des CDU-Vorsitzes eine breite Debatte ausgelöst, auch weil Merz Aufsichtsratsvorsitzender beim Vermögensverwalter BlackRock Deutschland ist. Wie sinnvoll ist die Idee? Die wichtigsten Zahlen zur Einordnung:

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60000 Euro hat ein deutscher Haushalt im Median an Nettovermögen.

Zunächst ein Blick auf die grundsätzliche Vermögenslage in Deutschland. Um die steht es laut Zahlen der Europäischen Zentralbank (EZB) erstaunlich schlecht: Ein Haushalt verfügt den Daten zufolge im Median über ein Nettovermögen von rund 60.000 Euro – die Hälfte der Haushalte besitzt also mehr, die andere Hälfte weniger. Zu den 60.000 Euro zählen Sparguthaben, Aktien, Immobilien, Lebensversicherungen und auch Fahrzeuge und Hausrat; Schulden werden abgezogen. Im Vergleich mit anderen Staaten in Europa ist das wenig: Der EU-weite Median liegt laut EZB bei rund 100.000 Euro. Ein Median-Haushalt in Spanien oder Italien hat sogar weit mehr als das Doppelte an Nettovermögen.

Das Geld sitzt bei vielen Haushalten also nicht gerade locker. Noch gravierender ist, dass 40 Prozent der Deutschen praktisch gar kein Erspartes besitzen. Diesen Menschen fällt es grundsätzlich schwer, Geld in Aktien zu investieren oder überhaupt privat fürs Alter vorzusorgen.

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9 Prozent Rendite erzielte im Durchschnitt, wer 20 Jahre in den Dax investierte.

Ist der Vorschlag von Friedrich Merz also unsinnig? Aktien und Aktienfonds bieten durchaus verlässliche Renditechancen – zumindest in der Rückschau, und über längere Zeiträume hinweg.

Wer in der Vergangenheit monatlich einen festen Betrag in Aktien des Deutschen Aktienindex (Dax) anlegte und seinen Sparplan schon nach fünf Jahren auflöste, ging damit ein hohes Risiko ein: Im schlechtesten Fall hätte er nach Berechnungen des Deutschen Aktieninstituts einen Verlust von rund 23 Prozent pro Jahr zu verkraften. Doch im besten Fall hätte er eine jährliche Rendite von 39 Prozent gewonnen. Im Durchschnitt erreichte ein Anleger über fünf Jahre hinweg eine Rendite von einem Prozent im Jahr.

Geht es um den langfristigen Vermögensaufbau, nähern sich Minimal- und Maximalrendite aber zunehmend an: Wer 20 Jahre lang in Aktien und Fonds investiert hat, kann am Ende mindestens eine Rendite von 4,7 Prozent verbuchen, im günstigsten Fall mit gut 16 Prozent. Hier liegt der Durchschnitt bei neun Prozent.

Eine breite Streuung kann das Risiko von Verlusten also substanziell verringern. Gleiches gilt für regelmäßige Anlagen über eine lange Dauer hinweg. Solche Sparpläne oder Fondsinvestments gleichen kurz- und mittelfristige Kursschwankungen aus.

Wichtig ist dafür jedoch auch, dass der Sparer nicht alle seine freien Mittel komplett in Aktien bindet: Wer während eines Börsentiefs plötzlich gezwungen sein könnte, seine Aktien oder Fondsanteile zu veräußern, würde viel verlieren – und hätte seine Anlagestrategie besser anders ausgerichtet.

Hier zeigt sich ein Schwachpunkt des Vorschlags von Friedrich Merz: Schon mit geringen monatlichen Beiträgen können Aktien ein effektiver Pfeiler der privaten Altersvorsorge oder des Vermögensaufbaus sein, aber sie sollten nie der einzige sein. Wer einen langfristigen Sparplan verfolgt, muss möglichst sicher sein, dass er ihn auch einhalten kann. Das gilt allerdings auch für Renten- oder Lebensversicherungen und ähnliche Anlageformen.

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15,7 Prozent der Deutschen besitzen Aktien oder Fondsanteile.

Trotz der Renditechancen sind die Deutschen im globalen Vergleich eher Aktienmuffel. Im Jahr 2017 besaßen laut der Statistik des Deutschen Aktieninstituts rund zehn Millionen Deutsche Aktien oder Anteile an Aktienfonds, das sind 15,7 Prozent der Bevölkerung, also rund jeder sechste Bürger. Und das ist schon der höchste Stand seit zehn Jahren. Zum Vergleich: In den USA besitzt rund ein Viertel der Bevölkerung Aktien oder Fondsanteile, in den Niederlanden sind es sogar 30 Prozent (Stand 2016).

Hinzu kommt: Etwa 60 Prozent der Aktionäre in Deutschland sind 50 Jahre oder älter, die Jüngeren halten sich eher zurück. Da sich die Anlage aber eben nur über längere Zeiträume mit geringem Risiko umsetzen lässt, gilt: Je früher, desto besser. Wichtig ist allerdings auch, sich in Anlagefragen gut beraten zu lassen. Wer nicht weiß, was er tut, sollte sich von der Börse fernhalten. Daran ändert auch eine steuerliche Förderung nichts.

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4200000 Menschen arbeiteten zuletzt im Niedriglohnsektor.

Aktien bringen also relativ verlässlich Rendite, und doch ist die Aktionärsquote in Deutschland gering. Es kann daher durchaus sinnvoll sein, mehr Menschen an die Börse heranzuführen. Auch weil viele klassische Anlageformen keine vergleichbaren Zuwächse bringen, oder mit Blick auf die Inflation sogar Vermögen vernichten.

Es muss aber nicht gleich jeder selbst Aktionär werden. Ein staatlicher Rentenfonds wäre eine andere Möglichkeit, die Bürger von den Gewinnen der Unternehmen profitieren zu lassen oder das Rentensystem zu stabilisieren.

Und für ein großes Problem der gesetzlichen Rente ist Merz' Vorschlag keine Lösung: Zuletzt waren rund 4,2 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Vollzeit im Niedriglohnsektor beschäftigt. Das bedeutet im Osten einen Verdienst von 1.733 und im Westen von 2.226 Euro brutto. Damit ist man im Alter von Armut bedroht – und hat heute keine Möglichkeit, privat vorzusorgen. Den Niedriglöhnern könnte eine Maßnahme helfen, die Merz nicht gefällt: die Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohnes.