Autofahrer, die im Süden Deutschlands Benzin tanken, müssen derzeit deutlich mehr bezahlen als in Hamburg oder Schwerin: In Bayern hat der Liter im Dezember durchschnittlich bis zu 15 Cent mehr als in Mecklenburg-Vorpommern gekostet. In Süddeutschland ist das Tanken zurzeit schlicht teuer. Schuld daran sind niedrige Pegelstände des Rheins — und damit letztlich die Dürre, die seit dem Frühjahr in weiten Teilen Deutschlands herrscht.

Der Benzinpreis-Äquator

Quelle: tankerkoenig.de, Stand 19. Dezember 2018 © ZEIT ONLINE

Wegen des Wetters kam es vor allem am Rhein und an anderen Flüssen Deutschlands dieses Jahr zu historisch niedrigen Pegelständen, große Tanker durften den Rhein zwischenzeitlich überhaupt nicht mehr befahren. Und immer noch können einige Schiffe nicht vollständig beladen werden – dabei ist die Schifffahrt wichtig für den Benzintransport. Ein großer Teil der deutschen Tanklager und Raffinerien befindet sich entlang des Rheinverlaufs. Diese nutzen den Rhein, um 25 bis 50 Prozent ihres Benzins mit Schiffen zu transportieren, schätzt Alexander von Gersdorff vom Mineralölwirtschaftsverband.

Bereits im November war es daher vor allem in Süddeutschland zu Versorgungsengpässen gekommen, einige Tankstellen waren komplett ausverkauft. Infolge der Engpässe in der Binnenschifffahrt stiegen die Transportkosten auf der Rheinroute zwischenzeitlich auf das Sechsfache an. Der Norden blieb, weil er weniger abhängig ist von der Rheinschifffahrt, von dem Preisanstieg eher verschont. Die Logistik macht eigentlich nur einen kleinen Teil des Benzinpreises aus. Durch die erschwerten Bedingungen für die Schifffahrt wirkten sich das knappe Benzinangebot und die höheren Transportkosten aber spürbar auf die Preise aus. Inzwischen sind die Pegelstände der Flüsse wieder gestiegen. Bis sich die Lage normalisiert, wird es jedoch wohl noch bis Anfang des neuen Jahres dauern.

Seit 2013 melden alle deutschen Tankstellen ihre Preise in Echtzeit an eine Markttransparenzstelle des Bundeskartellamts. Auf der Seite Tankerkoenig.de wurden die Preise aller rund 15.000 Tankstellen ab Juni 2014 gesammelt. ZEIT ONLINE hat die Daten analysiert: Die Benzinpreise verändern sich laufend, Schwankungen sind Normalität. Nur gibt es normalerweise kein geografisches Preisgefälle wie in diesem Winter, zeigen die Aufzeichnungen.  

Tankstellen ändern Preise bis zu 15 Mal am Tag

Zumindest zu flächendeckenden Preisschwankungen kommt es aber immer wieder. In der Regel liegt das vor allem an Änderungen des Rohölpreises, sagt Sascha Wilhelm. Der Forscher beschäftigt sich an der Goethe-Universität in Frankfurt mit der Preisdynamik von Benzin. Nicht zu unterschätzen seien aber auch die Preiskämpfe unter Tankstellen. Laut Wilhelm werden bis zu 15 Mal am Tag die Preise angepasst, an ein und derselben Tankstelle könne es dann zu Preisschwankungen von mehr als zehn Cent kommen.

Das Auf und Ab der Benzinpreise beschreibt der Forscher aus spieltheoretischer Sicht. Demnach unterbieten sich die Tankstellenbetreiber gegenseitig um kleine Beträge. Sind die Preise irgendwann so niedrig, dass eine Tankstelle kaum noch Gewinn damit macht, erhöht sie den Preis schlagartig — in der Hoffnung, die anderen ziehen nach. Durch dieses ständige Über- und Unterbieten würde die Marge der Tankstellen sich im Laufe eines einzigen Tages vervierfachen. Seit alle Preise an das Bundeskartellamt gemeldet werden müssen, habe diese Wettbewerbsdynamik sich sogar noch verstärkt: Noch öfter würden die Preise verändert, einige Anbieter reagieren automatisiert auf das Angebot ihrer Konkurrenz.

In diesem Winter jedoch habe das knappere Angebot an Benzin den Wettbewerb verändert: Die Tankstellen im Süden Deutschlands unterbieten sich deutlich seltener, niemand will sein Benzin beim Unterbieten verschleudern, solange nicht sicher ist, ob am nächsten Tag nachgeliefert wird.

Benzinpreise schwanken normalerweise flächendeckend

Der teuerste Monat in den Daten war der Juli 2014, der günstigste der Februar 2016.

Quelle: tankerkoenig.de, Stand 19. Dezember 2018 © ZEIT ONLINE

Besonders hohe Preise verlangen Tankwarte übrigens in der Nacht. Etwa 60 Prozent der Tankstellen sind dann geschlossen. Wer seine geöffnet hält, bestimmt über den Preis des Benzins. Auch für die Preiserhöhungen während des Tages haben viele Tankstellen feste Zeiten, zum Beispiel um Punkt zwölf Uhr, damit die Konkurrenz die Änderung sofort bemerkt und nachzieht. Am späten Nachmittag hingegen sinken die Benzinpreise. In dieser Zeit unterbieten sich die Anbieter gegenseitig, denn vor Ende der Öffnungszeiten lohnt es sich für sie nicht, den Preis zu erhöhen. Er selbst tanke deswegen immer abends kurz bevor die meisten Tankstellen schließen, sagt Wilhelm.

Hinweis: Die Idee zu der Auswertung stammt von den Studenten Tim Brückner, René Bucken und Lukas Wohner während eines Datenjournalismus-Seminars an der Hamburg Media School.