Darf man in Zeiten der Klimakrise überhaupt noch Fleisch essen? Und darf ein liberaler Staat uns vorschreiben, es nicht zu tun – oder zumindest: weniger tierische Nahrungsmittel zu verbrauchen? Er darf nicht nur, er muss sogar, sagt Felix Ekardt, Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin und Professor an der Uni Rostock.

Weihnachtszeit ist in Deutschland Weihnachtsbratenzeit. Ein paar Grübeleien übers Tierwohl mögen wir uns ab und an leisten, und rund fünf Prozent Vegetarierinnen und Vegetarier haben wir auch. Dennoch ist Deutschland weiterhin unter den Ländern mit dem höchsten Konsum tierischer Nahrungsmittel pro Kopf.

Es scheint den meisten gut zu schmecken. Doch für Umwelt, Tiere und oft auch unsere Gesundheit ist das ein dickes Problem.

Rund vier Fünftel der weltweiten Agrarfläche wird für die Produktion tierischer Nahrungsmittel eingesetzt, als Weideland oder zur Futterproduktion. Deren Ausmaß ist riesig, denn um eine tierische Kalorie zu erzeugen, muss man rund sieben pflanzliche Kalorien verfüttern. Überdüngung – sei es für die Futtermittelproduktion, sei es weil die aufgrund der Massentierhaltung überschüssige Gülle einfach irgendwohin gekippt wird –, Pestizide und allzu intensive Landbearbeitung belasten die Umwelt. Die Folgen sind Artensterben wie bei den Insekten, verschmutzte Böden und Gewässer und gestörte Ökosysteme, Stickstoff- und Phosphorkreisläufe.

Geringere Ernten

Auch für den Klimawandel sind die sprichwörtlichen pupsenden Kühe und die Überdüngung hochrelevant. Und für die Welternährung ist die Kalorienverschwendung ebenfalls ein Problem.

Will man die globale Erwärmung gemäß dem Pariser Klimaabkommen sicher auf 1,5 Grad begrenzen, müssen die Klimaemissionen in allen Sektoren weltweit in rund zwei Dekaden auf null sinken. Das bedeutet: Wir müssen deutlich weniger Tiere halten, selbst wenn in Fütterung und Halterung noch technische Effizienzpotenziale schlummern, und selbst wenn man ein paar Emissionen in Wäldern oder Mooren binden könnte. Wir dürfen keine fossilen Brennstoffe mehr für die Produktion von Mineraldünger und zum Antrieb schwerer Maschinen verwenden. Trecker und Mähdrescher müssten künftig mit regenerativen Energieträgern auskommen, und ihre Anzahl müsste notfalls reduziert werden. 

Die landwirtschaftlichen Erträge würden dadurch wohl geringer. Umso wichtiger wird es, weniger tierische Nahrungsmittel zu konsumieren. Dann könnte ein größerer Teil der verbleibenden Ernten direkt als Nahrungsmittel genutzt werden, statt den Umweg über die Futterproduktion sowie Fleisch- und Milcherzeugung zu gehen.

Kostbarkeit Fleisch

Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass wir uns nun alle vegetarisch oder gar vegan ernähren müssen. Um die Welt zu ernähren und die Böden zu düngen, brauchen wir Nutztiere. Gerade die Weidehaltung ist für den Naturschutz oft sogar gut, und für den Klimawandel ist sie immerhin das kleinere Übel. Fleischkonsum bleibt also möglich – aber eben in ganz anderen Mengen als heute, und zu Preisen, die ausdrücken, wie kostbar Fleisch in Wahrheit ist.

Äßen wir weniger Fleisch, könnten wir auch andere Umweltprobleme leichter lösen. Wenn wir weder Öl und Gas noch Kohle nutzen und dazu noch weniger tierische Exkremente entsorgt werden müssen, dann könnten wir die Stickstoffkreisläufe schließen, die Gewässer entlasten, giftige und krebserregende Luftschadstoffe reduzieren und die Ökosysteme besser schonen. Wenn nicht mehr so viel Futter erzeugt werden muss, könnten wir das Artensterben stoppen, indem wir der Natur wieder mehr Raum geben.

Weil aber die Weltbevölkerung wächst und in den Schwellenländern immer mehr Fleisch und Milchprodukte verzehrt werden, müssen die Bürgerinnen und Bürger in den Industrieländern umso drastischer reduzieren. Schließlich essen wir bislang das meiste Fleisch.

Was ist mit dem Wohl der Tiere?

In der Debatte um unsere Ernährungsgewohnheiten argumentieren viele auch mit dem Wohl der Tiere. Allerdings: Unser Verhältnis zu Tieren ist sehr widersprüchlich. Während wir an Dackel Waldi hängen und ihm Gefühle zusprechen, sind uns die Kühe, Kälber, Schweine und Hühner oft herzlich egal. Zugleich aber zeigen wir diese Nutztiere unseren Kindern und Enkeln in Kinderbüchern, deren liebevolle Illustrationen das Leid meist ausblenden.

Bei Lichte betrachtet ist das Tierwohl auch nicht das stärkste, sondern eher das schwierigste Argument in der Diskussion um die tierischen Nahrungsmittel. Würden wir alle Veganer, würden gar keine Nutztiere mehr gezüchtet. Doch wie wägt man ab, ob ein qualvolles Tierleben besser ist, als gar nicht erst zur Welt zu kommen?

Vollkommen artgerecht wird Tierhaltung indes nie sein, erst recht in Deutschland, wo eine ganzjährige Weidewirtschaft aus klimatischen Gründen nicht möglich ist. Artgerecht hieße zum Beispiel: Bewegungsfreiheit für die Tiere und ein Aufwachsen der jungen Tiere bei ihrer Mutter. Der größte Teil der Tiere, die heute die Erde bevölkern, wird jedoch nur gezüchtet, damit wir sie oder ihre Produkte aufessen – nach einem kurzen und eher wenig erfreulichen Leben. 

Missverständnis Bevormundung

Weniger Fleisch zu essen, wäre jedenfalls geboten. Dennoch finden viele die Kritik am hohen Fleischverbrauch bevormundend. Zunächst klingt das plausibel – aber es bleibt doch ein Missverständnis. Zwar garantiert ein liberaler Staat die individuellen Freiheiten, also auch die der Fleischesser. Er muss aber auch die Freiheit der anderen schützen: der Opfer des Klimawandels zum Beispiel, deren Leben durch Dürren, Hunger oder Naturkatastrophen in Gefahr ist. Daraus kann sich sogar eine Pflicht ergeben, eine umweltschädliche Ernährung zu erschweren. Bevormundend wäre es nur, wenn der Staat die Fleischesserinnen und Fleischesser vor sich selbst schützen wollte und sie deshalb am Essen hinderte.

Die meisten von uns essen jedoch weiter regelmäßig Fleisch, obwohl sie über die schädlichen Folgen Bescheid wissen. Menschen, auch Intellektuelle, sind eben widersprüchliche Wesen. Reden und Handeln passen oft nicht zusammen und hält man uns das vor, reagieren wir zuweilen aggressiv. Der Mensch neigt zu Bequemlichkeit, Verdrängung, Vereinfachung und Gruppendenken. Das überlagert Fakten und moralische Werte. Hinzu kommen Eigennutz und die Normalitätsvorstellungen eines Umfelds, in dem das tägliche Stück Fleisch oft immer noch normal ist.

Verzicht macht glücklich

Was tun? Der Staat könnte die Tierhaltung deutlich beschränken. Doch eine solche Politik müsste genau von den gleichen Menschen erkämpft werden, an deren Widersprüchlichkeit und Bequemlichkeit bisher die Agrar- und Klimawende scheitert. Agrarkonzerne, die ihr Geschäft auf Massenproduktion aufbauen, Konsumenten, die ihre Produkte kaufen, Arbeitnehmerinnen, die Teil der Produktionsverhältnisse sind, und die Politikerinnen und Politiker, die all das erlauben und die wir gewählt haben: Alles gehört zusammen und hängt voneinander ab.

Dabei kann bewusster Verzicht glücklich machen. Eine Ernährung ohne Fleisch und mit weniger tierischen Produkten kann gesund sein, weil Krebs- und Infarktrisiken sinken. Sie hilft dem Klima, den Tieren und der Natur. Eines aber muss klar sein: Die heile Welt der Kinderbücher kommt auch dann nicht zurück, wenn wir in Zukunft maßvoll konsumieren.