In Indonesien versinken immer mehr Städte und Inseln im Meer. © Thomas Aders

Für den Klimaexperten François Gemenne steht fest, dass sich die heftigsten Auswirkungen des Klimawandels in Süd- und Südostasien zeigen werden. "Das ist die Region der Welt, die am stärksten leidet, es ist eine extrem verletzliche Zone", sagte er uns bei der Klimakonferenz 2017 in Bonn. Die Auswirkungen seien besonders gravierend, denn "dort ist der größte Teil der Weltbevölkerung konzentriert".

Allein im Großraum Jakarta leben 30 Millionen Menschen. Und wenn es besonders heftige Überschwemmungen gibt, dann versinkt ein Großteil der indonesischen Hauptstadt in den Fluten. Der Architekt Marco Kusumawijaya analysiert kurz und präzise: "In der Bucht von Jakarta steigt der Meeresspiegel um vier bis sechs Millimeter pro Jahr. Schlimmer ist, dass der Untergrund Jakartas zwischen drei und 20 Zentimeter pro Jahr einsinkt."

Auch das muss man erst einmal begreifen. Dass der Meeresspiegel durch das Abschmelzen der Polkappen ansteigt, ist klar. Aber warum sinkt Jakarta zusätzlich um ein Vielfaches in den Untergrund? Weil die Menschen Trinkwasser brauchen. Weil immer mehr Wasser aus dem Indischen Ozean in die Landmasse eindringt und damit das Süßwasser kontaminiert, muss immer tiefer gebohrt werden. In der Folge sackt der Untergrund unter der Hauptstad in sich zusammen. Bereits ein Drittel Jakartas liegt unter dem Meeresspiegel. Auch das ist eine – indirekte – Folge des Klimawandels.

Indonesien, sagt der Einsatzleiter der nationalen Katastrophenbehörde, besteht aus 17.000 Inseln mit einer Küstenlinie von 80.000 Kilometern. "Hier ist das Risiko, Opfer einer Umweltkatastrophe zu werden, sehr hoch: Überflutungen, Sturzfluten, Extremwetter, Erdrutsche, Dürren oder Waldbrände."

Die Schule in Pantai Bahagia steht immer häufiger unter Wasser. © Thomas Aders/​Oliver Staubi

Eindrücklicher als in Jakarta begreift man das in dem kleinen Dorf Pantai Bahagia, 100 Kilometer östlich der Hauptstadt. In der Dorfschule ist schon lange kein regulärer Unterricht mehr möglich, denn immer wieder steigt das Wasser so stark an, dass Lehrer Musjayadi Rahmatullah seine Schülerinnen und Schüler nach Hause schicken muss. Zum ersten Mal geschah das im Jahre 2013, jetzt sind die Überschwemmungen Alltag. Rahmatullah glaubt, dass es noch fünf, sechs Jahre dauern wird, bis das Dorf im Meer versunken sein wird. Weitere 5.000 Menschen würden dadurch zu Klimaflüchtlingen.

Nicht nur war es für unser Filmteam schwierig, Visa für die Dreharbeiten zu bekommen. Auch ging in Indonesien das Gerücht um, der Schauspieler Harrison Ford sei hier verhaftet worden, als er einen Klimaspot drehen wollte. Wir rechnen damit, dass uns auch der Sondergesandte der indonesischen Regierung mit einer ablehnenden Haltung begegnen wird. Und sind umso überraschter, als sich der freundliche, zuvorkommende, aufmerksame ehemalige Umweltminister zu uns an den Tisch setzt und sagt, dass er in Indonesien mit 170 Millionen Klimaopfern und 40 Millionen Klimaflüchtlingen rechnet. Der ungebremste Klimawandel und seine katastrophalen Folgen seien die wichtigsten Themen der Menschheit, sagt Rachmat Witoelar.

Und dann zeichnet Witoelar ein Bild der Apokalypse, das feine Lächeln ist aus seinem Gesicht verschwunden: "In der Mitte unseres Jahrhunderts werden die Wetterbedingungen extrem sein. Indonesiens Inseln werden vom Meer verschlungen. Es werden Seuchen ausbrechen. Und das globale Wirtschaftswachstum wird gestört werden von erbitterten Kämpfen – einer gegen den anderen: um Essen, um Wasser, vielleicht auch um gute Luft. Das ist das sehr traurige Bild der Erde im Jahre 2050."

Millionen Menschen werden fliehen

50 Millionen allein in der Tschad-Region, 40 Millionen in Indonesien. Was ist von solchen Zahlen zu halten? Wie viele Umweltmigranten respektive Klimaflüchtlinge wird es bis zur Mitte unseres Jahrhunderts tatsächlich geben? Das ist die Frage, die wir uns immer wieder stellen. Die Antworten darauf sind vielfältig, aber dennoch kann man sie in drei Kategorien einteilen: Viele Experten sagen, dass es unmöglich ist, eine solche Zahl zu berechnen, da es unendlich viele ungeklärte Entwicklungen gibt, die nicht abzuschätzen sind. Andere wollen keine Zahl angeben, da es jetzt darum gehe, alles zu tun, damit es keine Massenmigration gibt. Im Mittelfeld stehen diejenigen, die die Zahl der derzeit Flüchtenden, nämlich rund 20 Millionen, hochrechnen bis 2050 – und auf grob gerechnet 500 Millionen Menschen kommen. Und dann gibt es die Pessimisten, zu denen François Gemenne gehört.

Gemenne, der Mitautor des Atlas der Umweltmigration, der zur Pflichtlektüre aller gehört, die sich mit Klimamigration beschäftigen, geht nicht davon aus, dass die Weltgemeinschaft das Zwei-Grad-Ziel erreichen wird, geschweige denn die 1,5 Grad, die bei der Pariser Klimakonferenz als Ziel ausgegeben wurden. Der Klimaexperte rechnet damit, dass künftig jeder vierte, wenn nicht sogar jede dritte Mensch auf der Welt wegen des sich verändernden Klimas seine Heimat verlassen werden muss. Ein Viertel bis ein Drittel der Weltbevölkerung, das ausschließlich wegen des sich verändernden Klimas seine Heimat verlassen muss. Das sind zwischen zwei und drei Milliarden Menschen.