Keine bunte Werbung, keine schicken Firmenlogos – es ist des Präsidenten Wille, der in den neuen Industriepark unweit der belarussischen Hauptstadt Minsk führt: "Angestoßen, bekräftigt, ausgeführt und umgesetzt mit dem Ukas des Präsidenten der Republik Belarus vom 12. Mai 2017". Die große blaue Schrifttafel ist in Kyrillisch abgefasst – und in Chinesisch.

Das hat einen Grund: Autokrat Alexander Lukaschenko will sein Land näher an China rücken und das chinesisch-belarussische Projekt Great-Stone-Industriepark am Flughafen Minsk ist das Herzstück dieser Strategie. Hier, wo früher dicht an dicht hohe Kiefern und Birken standen, eine halbe Autostunde von Minsk entfernt, sind heute breite Straßen in das Niemandsland geschlagen. An der Einfahrt ist ein langes rotes Banner gespannt. "Zeit ist Geld, Effizienz ist alles", steht darauf. Auf Chinesisch und Russisch.

Ganz aktuell sind die Ideen nicht mehr, schickt ein Mitarbeiter des Great Stone voraus, als er den Besuchern ein paar Meter weiter das Modell des Industrieparks im Maßstab eins zu 500 zeigt. Aber seit Lukaschenko die Pläne persönlich abgesegnet hat, wird das Modell hier, im grellen Neonlicht eines Containers, gehortet wie eine Reliquie. 

Ein Banner vor dem Industriepark Großer Stein: "Zeit ist Geld, Effizienz ist alles." © Simone Brunner

Fabriken, Wohnblöcke und Hallen im Miniaturformat, die Wände des Containers sind von Fotos des Handschlags zwischen Lukaschenko und seinem chinesischen Amtskollegen Xi Jinping gesäumt. Bis zu 30 Milliarden US-Dollar sollen auf einer Fläche von 112,5 Quadratkilometern – in etwa die Größe Kiels – investiert werden. Auf einem Flachbildschirm kann man sich durch Animationen klicken. Er zeigt nicht die Zeit von Minsk an. Sondern die von Peking.

Der letzte Diktator Europas

Auf den ersten Blick erscheinen China und Belarus wie schlüssige Bündnispartner. Beide Länder haben nach dem Zerfall der Sowjetunion konsequent politische Liberalisierungen verweigert und werden bis heute diktatorisch regiert. Ökonomisch blieb Belarus bei seinen sowjetischen Wurzeln, bis zu 80 Prozent der Aktiva der Wirtschaft werden noch immer vom Staat kontrolliert. Demokratische Experimente hat Lukaschenko, der das Land seit 1994 mit harter Hand, KGB und Todesstrafe führt, nicht zugelassen. Eine Härte, die ihm lange Zeit den Ruf eingebracht hat, der letzte Diktator Europas zu sein.

Finanziell ist Belarus, das mit Russland einen Unionsstaat bildet, von Moskau abhängig und schrammt immer wieder am Staatsbankrott vorbei. Auch deswegen interessiert sich Lukaschenko für China, wo ein staatlich gelenkter Kapitalismus das Land auch ohne Demokratie zu einer globalen Wirtschaftsmacht aufsteigen ließ. Es heißt, dass Lukaschenkos 14-jähriger Sohn Nikolai, der schon als sein Nachfolger gehandelt wird, deswegen fließend Mandarin spricht.

Keine Werbung, keine Logos – nur der Ukas von Präsident Lukaschenko für den Minsker Industriepark © Simone Brunner

Bereits am Flughafen ist China nicht mehr zu übersehen, denn er ist außer in Russisch und Englisch neuerdings auch mit chinesischen Schriftzeichen ausgeschildert. In der Stadt werden chinesische Hotels und Einkaufszentren in die Höhe gezogen. Seit diesem Sommer reisen nicht nur EU-Bürger, sondern auch chinesische Bürger für 30 Tage visumfrei nach Belarus. Neben den sowjetischen Parolen ("Die Heldentaten unseres Volkes sind unsterblich!") krönen immer öfter auch Huawei-Leuchtreklamen die wuchtigen Stalinbauten der Hauptstadt.

Der Belarusse Anatoli Tosik ist einer der Architekten dieser Allianz. Der 69-Jährige war fünf Jahre lang Botschafter in China und hat als belarussischer Vizepremier (2010–2014) viele chinesische Projekte mit angestoßen. Heute leitet er das Sprachinstitut Konfuzius an der Staatlichen Universität in Minsk. Die roten Lampions dort bringen etwas Farbe in die muffigen Gänge des Sowjetbaus. In seinem Büro reicht er chinesischen Tee und Konfekt.