An einem Dienstag im Januar sitzt Olaf Rubelt an einem langen dunklen Holztisch im Büro der Firma Reimann Reisen in Hagen. Vor ihm liegen mehrere Seiten eng bedrucktes Papier. Rubelt blättert sie einmal kurz durch, dann nimmt er einen Kugelschreiber und setzt seinen Namen ans Ende. Es ist ein großer Moment in seinem Leben. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hat der 56-Jährige wieder einen Arbeitsvertrag unterschrieben.

Mehr als zehn Jahre war Rubelt Hartz-IV-Empfänger. Doch seit dem 1. Februar arbeitet er nun wieder 40 Stunden in der Woche – und das zum Tariflohn. Zu verdanken hat er das auch dem sogenannten Teilhabechancengesetz, das am 1. Januar in Kraft getreten ist. Es ermöglicht Arbeitgebern, Menschen einzustellen, die innerhalb von sieben Jahren mindestens sechs Jahre im Hartz-IV-Bezug waren. Den Lohn bezahlt dann fünf Jahre lang der Staat, in den ersten zwei Jahren voll, dann schmilzt die Förderung um zehn Prozent jährlich ab.

Rubelt dürfte einer der ersten sein, die in Deutschland in den Genuss dieser neuen Förderung kommen. In den meisten Jobcentern ist man noch dabei, Unternehmen oder soziale Träger und passende Bewerber zusammenzubringen. Dass es für Rubelt etwas schneller ging, ist ein Glücksfall.

"Wär' das nicht was für dich?"

Denn Rubelt und sein neuer Arbeitgeber kennen sich seit Langem. Mit Jörg Reimann, dem Besitzer eines Bus- und Reiseunternehmens, das derzeit 30 Mitarbeiter zählt und 19 Busse betreibt, ist er in den Siebzigerjahren zusammen in die Schule gegangen. Nur wenige Straßen voneinander entfernt sind sie in Hohenlimburg aufgewachsen, einem Stadtteil von Hagen. Beide haben in dem 29.000-Einwohner-Ort ihr ganzes Leben verbracht, da trifft man sich immer mal wieder, zumal Rubelt sich in zahlreichen Vereinen engagiert.

Am Donnerstag vor Heiligabend stehen die beiden ungleichen Männer, der Arbeitslose und der Unternehmer, wie schon häufig im Hof der Firma ein wenig zusammen und plaudern, als Reimann plötzlich etwas einfällt. Da war doch diese Sache mit den geförderten Stellen. Reimann fährt gelegentlich Arbeitslose und ihre Begleiter vom Jobcenter zu Bewerbungsgesprächen, so hört er öfter von den neuesten Entwicklungen. Mit seinem Sohn, dem 35-jährigen Juniorchef, hatte er auch schon darüber gesprochen, ob das nicht eine Möglichkeit für ihr Unternehmen wäre, es dann aber erst mal wieder vergessen. Bis zu dem Moment, als sein alter Schulkamerad vor ihm steht. "Sag mal Olaf", fragt er. "Wär' das nicht was für dich?"

Olaf Rubelt (rechts) und Juniorchef Markus Reimann (links) bei der Vertragsunterzeichnung © Katharina Schuler für ZEIT Online

An diesem Tag verlässt Rubelt die Firma Reimann mit einem etwas unwirklichen Gefühl. Haben die ihm gerade einen Job angeboten? Gewissheit bekommt er wenige Minuten später. Als er vor dem Haus seiner Mutter aus dem Auto steigt, klingelt sein Handy. Das Jobcenter Hagen ist dran. Die Firma Reimann habe sich gerade gemeldet, sie wolle ihn auf der Grundlage des neuen Teilhabechancengesetzes einstellen. Ob er daran interessiert sei? Rubelt muss nicht lange überlegen. Er sagt sofort zu.

"Endlich raus aus der Tretmühle", das sei sein erster Gedanke gewesen, erzählt Rubelt drei Wochen später an Reimanns Besprechungstisch. Doch wie kommt es, dass einer wie er überhaupt so lange Hartz-IV-Empfänger war? Einer, der eine kaufmännische Ausbildung hat, der kontaktfreudig ist und so gut organisieren kann, dass er gleich in mehreren Vereinen im Vorstand ist.

"Mit Arbeit war damals nicht viel"

Nach seiner Ausbildung arbeitet Rubelt zunächst bei einem Großangelgerätehersteller. 2006 muss das Unternehmen sich verkleinern, Rubelt verliert seinen Job. Im Büro einer Firma für Befestigungsteile findet er eine neue Stelle. Doch wieder hat er Pech: Unmittelbar bevor er dort im Februar 2008 einen festen Vertrag bekommen soll, wird das Unternehmen verkauft, der Standort, an dem er beschäftigt ist, geschlossen. "Mit Arbeit war damals nicht viel", sagt Rubelt rückblickend. Also beschließt er, sich selbstständig zu machen. Für den passionierten Angler liegt die Geschäftsidee nahe: Rubelt eröffnet einen Angelladen, das Jobcenter unterstützt die Gründung.

Doch dann verlässt ihn seine Frau, als alleinerziehender Vater einer knapp dreijährigen Tochter kann Rubelt nicht mehr acht Stunden am Tag im Laden stehen. Der neue Freund seiner Frau ist außerdem im selben Angelverein wie er, mit der Trennung verliert Rubelt so auch die Hälfte seiner Stammkundschaft. 2011 meldet er Insolvenz an. Und selbst wenn er danach wieder einen Job gefunden hätte, gelohnt hätte es sich für ihn kaum, schon gar nicht in Teilzeit. Denn in dem sechs Jahre dauernden Insolvenzverfahren wird jedes Einkommen gepfändet, das über das Lebensnotwendige hinausgeht.